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Tonart | Beitrag vom 27.06.2016

Damon Albarn bringt syrisches Nationalorchester zusammenVereint in Amsterdam

Von Amy Zayed

Der Sänger der britischen Band Blur, Damon Albarn, spielt in Amsterdam ein Konzert mit dem syrischen Nationalorchester; Aufnahme vom 22. Juni 2016. (picture alliance / dpa / Robin Van Lonkhuijsen)
Der Sänger der britischen Band Blur, Damon Albarn, spielt in Amsterdam ein Konzert mit dem syrischen Nationalorchester; Aufnahme vom 22. Juni 2016. (picture alliance / dpa / Robin Van Lonkhuijsen)

Er herrscht Krieg: Die Hälfte der Musiker ist geflohen, die andere steckt in Syrien fest. Trotz dieser Widrigkeiten hat der britische Sänger und Musiker Damon Albarn das syrische Nationalorchester zusammengebracht.

Die "Q Factory" ist ein Kulturzentrum im Herzen von Amsterdam. Normalerweise dient es als Gemeindezentrum und bietet Musikern Proberäume. Doch für drei Tage ist die Q Factory der geheime Ort, an dem sich 50 Mitglieder des "Syrian Orchestra For Arabic Music" treffen, um dort zusammen mit Mastermind Damon Albarn und verschiedenen Gästen für die Tour zu proben.

Auf dem Programm stehen traditionelle syrische Volkslieder, Gasteinlagen eines syrisch-libanesischen Rapper-Duos sowie ein west-östliches Bonbon: Damon Albarn und Paul Weller singen gemeinsam "Black Bird" von den Beatles, begleitet von orientalischen Instrumenten.

Für die Orchestermusiker ist das Ganze genauso spannend wie für die wenigen Journalisten, die dabei sein dürfen. Firas ist der Kanun-Spieler. Der Kanun ist eine Kastenzither, erinnert an eine liegende Harfe und besitzt 76 Saiten.

Firas: "Als ich nach all den Jahren meine Freunde wieder gesehen habe, das war… - ich kann's gar nicht in Worte fassen! Es war wunderschön! Unbeschreiblich. Aber gleichzeitig ist es auch irgendwie traurig, denn in zehn Tagen ist die Tour vorbei, und jeder von uns geht wieder seiner Wege. Einige gehen zurück nach Syrien, andere nach Deutschland oder sonstwohin. Und wer weiß, wann wir uns wiedersehen."

Als Kanun-Spieler in Stockholm

Firas ist vor zwei Jahren mit seiner Familie nach Schweden geflohen und lebt nun in Stockholm. Er versucht auch dort, als Musiker seinen Lebensunterhalt zu verdienen, doch so einfach ist das nicht, denn kaum jemand in Europa kennt den Kanun.

Mais Harb ist die erste Chorsängerin im Orchester. Ihr Mann musste für den Dirigenten Essam Rafea einspringen, der in den USA Asyl beantragt hat. Solange sein Verfahren noch läuft, darf er das Land nicht verlassen. Mais und ihr Mann Rashid leben in Damaskus. Mais sieht in ihren Auftritten eine Art Mission:

"Es gibt keinen Haushalt in Syrien, der nicht durch den Krieg betroffen ist, und keine Familie, die nicht trauert. Es gibt Tage, da will ich nicht mehr aufstehen und singen! Aber dann mache ich es doch und denke, um diese Toten zu ehren, muss ich singen und helfen mit meinem Gesang den Terror zu bekämpfen. Deshalb ist diese Reise nach Holland auch so wichtig für uns alle. Wir wollen zeigen, dass Syrien eine alte und schöne Kultur besitzt, dass die Leute dort gebildet sind und das Leben lieben."

Damon Albarn ist genau das wichtig. Seine Verbindung zur arabischen Musik reicht schon lange zurück.

In die arabische Musik verliebt

Damon Albarn: "Ich bin in die arabische Musik schon sehr lange verliebt. In unserer Familie war sie auch irgendwie immer da. Mein Vater hat zwei Bücher geschrieben, als er 1974 im Irak war über islamische Architektur, und daher hat mich die Musik und die Kultur auch immer fasziniert."

Albarn: "Mir ging's bei dem Projekt gar nicht in erster Linie um die Zusammenarbeit. Am wichtigsten war mir, den Sound dieses großartigen Orchesters zu präsentieren. Am schwierigsten ist dabei, dass wir die musikalischen Sprachen verzahnen. Das heißt, wir müssen manchmal Songs schlicht umkomponieren, damit sie orientalischer klingen. Denn ich möchte ja gerade, dass das Orientalische heraussticht."

Das Konzert selbst ist eine Mischung aus volkstümlichem arabischem Sound, syrischem Rap, britischem Indie, Punk und Pop, eingeworfen von Paul Weller und Damon Albarn sowie Liedern aus Mauretanien.

Untermalt wird das Ganze von einer Video-Projektion im Hintergrund der Bühne: ein Film, der während des Krieges in Syrien entstanden ist.

Das Endresultat ist spektakulär: Von alten, traditionalen Chorgesängen über Afro-Beats bis hin zur Zugabe des algerischen Sängers Rachid Taha, der das Publikum zum Toben bringt und dabei so viel Stimmung verbreitet, dass man die Bestuhlung im Konzert verfluchte. Das Publikum verlässt das Konzert jedenfalls sichtlich begeistert.

Eine der Gastsängerinnen Faia Younan gibt uns kurz vor dem Konzert eine Kostprobe. Es ist magisch, was da auf der Bühne passiert, und einmalig, und zeigt, dass das Klischee stimmt: Musik ist die universelle Sprache der Welt.

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