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Studio 9 | Beitrag vom 21.11.2019

DAK-Studie zu psychischen KrankheitenJeder vierte Schüler kämpft mit psychischen Problemen

Von Christiane Habermalz

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Ein Bild des Street-Art-Künstlers "Alias" auf einem Schornstein auf einem Dach - ein Junge, der sein Gesicht in seine Arme presst. (picture alliance/dpa/Wolfram Steinberg/Alias)
Leistungsdruck, Trauer, Trennung der Eltern: Die genauen Ursachen für Depressionen bei Jugendlichen sind oft nicht klar. (picture alliance/dpa/Wolfram Steinberg/Alias)

Ist das noch Pubertät oder schon Depression? Eltern fällt es oft schwer, die Symptome psychischer Krankheiten bei ihren Kindern zu erkennen. Laut einer neuen Studie leiden immer mehr Kinder und Jugendliche unter seelischen Problemen.

Wenn Kinder immer wieder über Bauchschmerzen klagen oder keine Lust mehr zum Spielen haben, dann sind oft seelische Probleme die Ursache. Und immer häufiger steckt auch eine Depression dahinter.

Jedes vierte Schulkind in Deutschland leidet unter psychischen Problemen, bei rund zwei Prozent wird eine Depression diagnostiziert, ebenso häufig liegt eine Angststörung zugrunde. Zu diesem Ergebnis kam jetzt eine Studie der DAK-Krankenkasse auf Basis der Abrechnungsdaten von rund 800.000 bei der Kasse versicherten Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahren. Mit ihrer Erhebung will die DAK, so erklärt es der Vorstandsvorsitzende Andreas Storm, das Thema auch aus einer Tabuzone herausholen:

"Für Jugendliche, die depressiv erkrankt sind, und insbesondere für diejenigen, die einen längeren Krankenhausaufenthalt hinter sich haben, ist eine ganz belastende Situation diejenige, die dadurch entsteht, dass wir eine Stigmatisierung haben. Und deshalb müssen wir das Tabuthema Depression aus der Dunkelheitszone in die Öffentlichkeit bringen."

Vor allem Mädchen betroffen

Rechnet man die Zahlen der DAK hoch, leiden etwa 238.000 Teenager in Deutschland unter Ängsten und Depressionen, in den oberen Schulklassen sind Mädchen etwa doppelt so häufig betroffen wie Jungen. Tendenz steigend. Und das sind nur die Fälle, die behandelt wurden – die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, sprach heute von der Spitze eines Eisbergs. Wenn eine Diagnose gestellt wurde, sind oft lange Klinikaufenthalte die Folge: Im Schnitt 39 Tage verbringen die Jugendlichen dort. Und ein Viertel der Betroffenen muss später noch einmal ins Krankenhaus. Das liege auch an Lücken in der Nachsorge, räumte DAK-Vorstandschef Storm ein: 

"Es ist inakzeptabel, wenn wir eine Rehospitalisierungsquote von 24 Prozent haben, das liegt daran, dass wir viel zu wenig ganzheitliche Versorgungsangebote im Anschluss an einen solchen Krankenhausaufenthalt haben."

Die DAK will hier nun mehr Möglichkeiten für eine ambulante Weiterbehandlung schaffen und Schulen und Jugendämter mit einbinden.

Viele Ursachen: Mobbing, Leistungsdruck, Social Media 

Was die genauen Ursachen für Depressionen bei Jugendlichen sind, ist oft nicht klar. Leistungsstress in der Schule, der übermäßige Gebrauch von Smartphones, Mobbing spielen eine Rolle, oft gibt es auch einen konkreten Anlass wie der Tod der Oma oder die Trennung der Eltern.

"Kinder und Jugendliche haben heute viele Möglichkeiten, aber auch viele Risikofaktoren", sagt Psychotherapeutin Gitta Jacob. "Es ist einfach, sich zurückzuziehen, viel im Netz zu sein, sich dem Leben nicht so sehr zu stellen und sich zu schonen. Auf der anderen Seite werden natürlich über Social Media und so weiter die Ansprüche an das eigene Leben immer höher, und diese Diskrepanz führt oft dazu, dass letztendlich Entwicklungsaufgaben nicht bewältig werden."

Die DAK hat in ihrer Studie aufgrund ihrer Daten noch andere Risikofaktoren ausgemacht, die eine Depression bei Kindern begünstigen. Das sind chronische Erkrankungen der Kinder selbst: Wer etwa an Asthma, Neurodermitis, Adipositas oder gar Leukämie leidet, ist 4,5 Mal anfälliger für eine Depression. Und das familiäre Umfeld spielt eine große Rolle. Kinder mit einem depressiven oder suchtkranken Elternteil haben ein dreifach erhöhtes Risiko, selber an Ängsten oder Depressionen zu leiden.

Für die Eltern ist es oft schwer, die Symptome richtig zu deuten und sie abzugrenzen vom typischen Teenagergebaren – etwa wenn Jugendliche morgens nicht mehr aufstehen wollen, sich über nichts mehr freuen können und sich immer mehr zurückziehen. Dabei gehören Selbst- und Weltzweifel zum Jugendalter dazu. Suizid ist nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache unter Jugendlichen.

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