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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.03.2010

Dahin ziehen, wo man dieselbe Sprache spricht

Studie untersucht Zusammenhang zwischen Dialekt und Mobilität

Alfred Lameli im Gespräch mit Marietta Schwarz

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"Man wird es vermeiden, in eine Region zu ziehen, die einem unvertraut ist", sagt Alfred Lameli.  (AP)
"Man wird es vermeiden, in eine Region zu ziehen, die einem unvertraut ist", sagt Alfred Lameli. (AP)

Wenn jemand innerhalb Deutschlands umziehen muss, sind ökonomische Anreize oft nicht der Grund. Zu diesem Ergebnis kommt der Sprachwissenschaftler Alfred Lameli in einer Studie. "Man ist geneigt, seiner kulturellen Identität zu folgen", betont Lameli.

Marietta Schwarz: In bestimmten Milieus war es lange Zeit tabu, einen Dialekt zu sprechen – man outete sich damit als Provinzler aus einfacher Herkunft, der des Hochdeutschen eben nicht mächtig ist. Es scheint aber, als habe sich inzwischen ein bisschen Toleranz gegenüber sprachlichen Einfärbungen breitgemacht. Was früher peinlich war, das kann jetzt schon mal Kultstatus erreichen. Dialekt verbindet, sei es bei der Partykonversation, aber vielleicht sogar beim Vorstellungsgespräch.

Dass der Bayerische Rundfunk zum Beispiel ausdrücklich bayerische Bewerber bevorzugt, ist ein alter Hut; auch, dass ein ganzes Bundesland wie Baden-Württemberg mit "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" wirbt. Es gibt also so etwas wie einen Zusammenhang zwischen Mundart und Wirtschaftsgeschehen und der geht, wie eine Studie von Ökonomen und Sprachwissenschaftlern jetzt belegt, weiter, als man zunächst denken würde.

Der Marburger Sprachwissenschaftler Alfred Lameli ist einer der Verfasser dieser Studie. Guten Morgen, Herr Lameli!

Alfred Lameli: Guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: An Dialekte, Herr Lameli, scheint ein starkes Wirgefühl gebunden zu sein. Wie weit, würden Sie sagen, geht dieses Wir-Gefühl?

Lameli: Oh! Na ja, das ist eine schwierige Frage, wie weit dieses Wirgefühl geht. Es ist zunächst mal regional begrenzt und das hat zunächst damit zu tun, dass die Dialekte in Deutschland unterschiedlich weit regional vorzufinden sind. Also in manchen Gegenden gibt es gar nicht mehr so viele Dialekte, in anderen Gegenden sind sie sehr stabil und haben auch eine gewisse Alltagsrelevanz. Und dort, muss man natürlich schon sagen, erzielen die Dialekte auch eine gewisse – ja, wie soll man sagen – Handlungskonsequenz.

Schwarz: Sie sprechen von Baden-Württemberg und Bayern, schätze ich.

Lameli: Ja, beispielsweise. Aber eben auch im mitteldeutschen Raum, also im westmitteldeutschen, also etwa in der Pfalz zum Beispiel, da sind die Dialekte sehr vital und haben auch einen hohen Stellenwert im Alltag.

Schwarz: In Ihrer Studie geht es ja darum, dass Dialekte die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt einschränken. Ist das ein Ergebnis, kann man das so formulieren?

Lameli: Also das wäre jetzt, wie soll ich sagen, sehr weit oder sehr eng zusammengefasst. Es ist so, dass wir im Eigentlichen ja keine Sprachstudie vorgenommen haben, sondern diese Studie, die mit meinen Kollegen Oliver Falck, Stefan Heblich und Jens Südekum umgesetzt wurde, ist ja eigentlich eine ökonomische Studie. Und das verbindende Glied hier zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der Linguistik, der Sprachwissenschaft, ist eigentlich der Faktor Kultur. Es geht uns im Kern nun gar nicht darum zu zeigen, welche Effekte die Dialekte nun auf einen ökonomischen Austausch haben, sondern wir wollen zeigen: Welche Faktoren oder welche Effekte erzielt die Kultur insgesamt im Alltag? Und da scheint es eben schon einen Zusammenhang zu geben zwischen dem Migrationsverhalten der Menschen in Deutschland und eben solchen kulturellen Faktoren, die sich über die Sprache eben abbilden lassen.

Schwarz: Welche Ergebnisse haben Sie da konkret gefunden?

Lameli: Also, was wir zunächst gemacht haben, war, dass wir eine Definition des Sprachraums vorgenommen haben. Das heißt, wir haben Räume bestimmt, die dialektal ähnlich sind oder unterschiedlich sind, und da kann man schon sehr schön zeigen, wie das Gebiet der Bundesrepublik eben sehr, ja, diversifizierbar ist. Und dann haben wir zum anderen die Migrationsdaten in der Bundesrepublik Deutschland der Jahre 2000 bis 2006 genommen und haben eben versucht, wie hoch – oder haben versucht herauszufinden, wie hoch der Einfluss von Sprachähnlichkeiten auf das Migrationsverhalten ist, und haben dann gleichzeitig noch ganz andere Faktoren in die Studie mit einbezogen – also zum Beispiel so etwas wie geographische Distanz, Reisezeiten, so etwas wie Urbanitätsgrade – und haben dann eben geschaut, welche Faktoren wirken am höchsten und wirken am stärksten eben auf die Migration. Ja, und das grundlegende Ergebnis ist eben, dass die Sprachähnlichkeiten das Migrationsverhalten am besten erklären helfen.

Schwarz: Herr Lameli, um das zu verstehen: Heißt das im Prinzip, dass man den Ort aufsucht, dessen Dialekt dem eigenen ähnlich ist?

Lameli: Ja, also ganz banal gesprochen wäre es so, wenn jemand gezwungen ist umzuziehen, dann versucht er in eine solche Gegend zu ziehen, die seinem eigenen Kulturraum besonders ähnlich ist. Also man wird es vermeiden, in eine Region zu ziehen, die einem unvertraut ist. Also deshalb würde man wahrscheinlich sagen können im Durchschnitt, ein Bayer wird möglicherweise eben, sofern er es vermeiden kann, nicht nach Norddeutschland ziehen. Und wenn er möglicherweise auch eine Wahl hat, dann wird er immer versuchen, in Bayern zu bleiben oder im Durchschnitt versuchen, in Bayern zu bleiben. Also man ist geneigt, eben seiner kulturellen Identität sozusagen zu folgen.

Schwarz: Ist das ein Ergebnis, was Sie überrascht hat?

Lameli: In gewisser Hinsicht hat es uns schon überrascht und zwar insofern, als ganz offensichtlich ökonomische Anreize nicht allein ausschlaggebend sind. Also man kann nicht pauschal sagen, dass jemand dem höheren Gehalt sozusagen nachzieht, also diese kulturelle Identität ist einfach wichtig.

Schwarz: Herr Lameli, wenn man noch mal auf das Phänomen Dialekt zurückkommt – der hat ja heute eine größere Akzeptanz, würde ich sagen, aber es gibt nach wie vor Menschen, über deren Mundart man sich lustig macht, vor allem Politiker wie zum Beispiel Günther Oettinger. Wer kann sich denn heute Dialekt erlauben? Nur derjenige, der auch hochdeutsch spricht?

Lameli: Das kann man so nicht sagen. Also es kommt zunächst mal auf die einzelnen Regionen an und es kommt auch auf die Situationen an. Also wenn Sie jetzt nun eben das Beispiel eines Politikers genannt haben, da ist es nicht nur die Frage, ob man es sich erlauben kann, Dialekt zu sprechen. Es ist eben auch die Frage, ob man es sich erlauben kann, nicht Dialekt zu sprechen. Also wenn Sie nun beispielsweise Herrn Oettinger auf Europa-Ebene sehen, da ist das eine andere Situation als im lokalen Wahlkampf und da hat der Dialekt zum Beispiel eine ganz besonders wichtige Rolle. Also darüber gibt es auch Studien beispielsweise bei Politikern im Wahlkampf, inwieweit dort eben auch der Dialekt erforderlich ist.

Aber insgesamt betrachtet ist Deutschland ein Raum, in dem es sehr unterschiedliche Ausprägungen hinsichtlich eben des Dialektes und der Dialektpräsenz gibt. Also im Norden Deutschlands beispielsweise hat der Dialekt einen ganz anderen Status als eben im Süden Deutschlands. Also insofern kann man da keine pauschale Antwort geben.

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