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Buchkritik | Beitrag vom 29.06.2019

Dag Solstad: "T. Singer"Von einem, der auszog, nicht zu leben

Michael Opitz

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Buchcover zu Dag Solstad: "T. Singer" (Dörlemann / Cody Doherty/Unsplash)
Die Romanfigur T. Singer hat Angst vor dem Leben. Darum meidet sie es, wo sie kann. (Dörlemann / Cody Doherty/Unsplash)

In "T. Singer" setzt ein Mensch großen Ehrgeiz darein, ein möglichst bedeutungsloses Leben zu führen. Das liest sich großartig. Vor allem, weil Autor Dag Solstad seine Figur immer dann in ein anderes Licht rückt, wenn man gerade glaubt, sie zu kennen.

Die Entschiedenheit, mit der T. Singer in Dag Solstads gleichnamigen Roman versucht, ein bedeutungsloses Leben zu führen, ist angesichts der Konsequenz, mit der er diese umzusetzen gedenkt, beeindruckend. Fast nötigt es einem Respekt ab, wie sich da jemand vom Leben abwendet und alles daran setzt, Rückzugsorte zu finden, in denen er verschont bleibt von wirklich allem, was das Dasein auszumachen scheint.

Manchmal hat man beim Lesen dieses großartigen Romans das Gefühl, man müsse Solstads Protagonisten etwas Energie einhauchen, so erloschen und gänzlich uninteressiert zeigt er sich an der Welt. Aber dann versteht man ihn wieder nur zu gut, in seiner bemerkenswerten Antriebslosigkeit.

Sehnsucht, der Welt abhanden zu kommen

Singer führt in der kleinen norwegischen Stadt Notodden eine Schattenexistenz, woran sich allerdings auch nichts ändert, als er nach Oslo umzieht. Eigentlich wollte Singer Lehrer werden, doch er wird letztendlich Bibliothekar und schließlich bekennt er, dass er am liebsten Schriftsteller geworden wäre, was sich aber als ein Tagtraum erweist. Mehr als einen Satz hat Singer nämlich nicht zu Papier gebracht: "Eines schönen Tages stand er Auge in Auge einem denkwürdigen Anblick gegenüber."

An diesem Satz laboriert Singer lange, denn Verschiedenes hat er an ihm auszusetzen, weshalb er ihn letztendlich verwirft. Im Verlaufe des Romans aber erweist er sich als von beinahe prophetischer Bedeutung. Denkwürdig ist der Tod von Singers Frau, die bei einem Autounfall stirbt. Singer, der allein mit seiner Stieftochter zurückbleibt, ist fortan getrieben von der Angst, dass herauskommen könnte, dass sich seine Frau kurz vor dem Unfall von ihm trennen wollte.

Singer genügt allein die Vorstellung, dass sein Geheimnis entdeckt werden könnte, um sich ängstlich immer tiefer in dem Bücherkeller zu verkriechen, in dem er als Bibliothekar arbeitet. Er sehnt sich danach, der Welt abhanden zu kommen, er will ohne jegliche Überraschungen existieren, und erfährt doch, wie das Leben selbst immer wieder in diese Puppenhausordnung hineinfasst und für Unordnung sorgt.

Man denkt an Melvilles "Bartleby"

Solstad ist ein grandioser Erzähler, er ist ein Meister der beiläufigen Ergänzung, der immer dann eine Fußnote anzufügen weiß, wenn man als Leser glaubt, nun über Singer Bescheid zu wissen.

Ein Aufklärer allerdings ist Solstad nicht. Bis zum Schluss des Romans steht nicht fest, wer dieser T. Singer, von dem wir nicht einmal den Vornamen erfahren, eigentlich ist. Glaubt man als Leser, der Figur endlich ein Stück nähergekommen zu sein, sodass man sich ein Bild von Singer machen könne, dann korrigiert Solstad diesen Eindruck, indem er die Perspektive auf seinen Protagonisten nur um eine Winzigkeit verschiebt, wodurch das vermeintlich fertige Bild wieder korrekturbedürftig wird.

Singer, der in seiner Distanz dem Leben gegenüber Züge von Herman Melvilles Bartleby aufweist und der in seinem Wunsch, für sich allein zu existieren, ohne es doch zu können, an die stets zaudernden Protagonisten Thomas Bernhards erinnert, bleibt sowohl als Figur und auch sich selbst bis zum Schluss ein Rätsel.

Etwas Verführerisches in Solstads Sprache

Dag Solstads Romane erscheinen in der deutschen Übersetzung im Dörlemann Verlag, der einen Autor entdeckt hat, dessen musikalische Sprache etwas Verführerisches besitzt. Solstad ist ein Schriftsteller, dessen Texte philosophische Tiefe haben, und doch sind es stets die ganz alltäglichen Geschichten, in denen er die mit bohrender Schärfe gestellten existentiellen Fragen aufhebt.

Man kann den Verlag nur ermuntern, weitere Romane dieses eigenwillig schrägen und zugleich ganz großartigen Autors herauszubringen. Solstad lesen ist ein Genuss und ein Ereignis!

Dag Solstad: "T. Singer"
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Dörlemann Verlag, Zürich 2019
288 Seiten, 22 Euro

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