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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.04.2016

Dänischer Andersen-LiteraturpreisErinnerung an die Gleichgültigkeit

Helmut Lachenmann im Gespräch mit Ute Welty

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Der Komponist Helmut Lachenmann (Deutschlandradio / Hanna Lippmann)
Der Komponist Helmut Lachenmann (Deutschlandradio / Hanna Lippmann)

Styropor quietscht über Geigenseiten. Es schabt, wischt, schnattert und atmet im Werk von Helmut Lachenmann. Seine Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" verbindet das Andersen-Motiv mit Texten von Gudrun Ensslin und Da Vinci. Über seine Auszeichnung mit einem Literaturpreis zeigt sich der Komponist erstaunt.

Der Komponist Helmut Lachenmann hat sich verwundert, aber auch erfreut über seine Auszeichnung mit dem dänischen Hans Christian Andersen-Literaturpreis gezeigt.

"Ich bin froh, wenn so eine Geschichte über ihre bloße Kindhaftigkeit hinaus zur Kenntnis genommen wird", sagte Lachenmann im Deutschlandradio Kultur über die Auszeichnung seiner Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", die das Andersen-Thema des erfrierenden Kindes mit Texten von Leonardo da Vinci und Gudrun Ensslin verbindet.

Eine furchtbar traurige Geschichte

Zwar sei er überrascht über die Ehrung, wenn die Thematik des Andersen-Märchens auf diese Weise über die ansonsten "idyllische Weise" hinaus zur Kenntnis genommen werde, entspreche das aber der Intention seiner Komposition:

"Das Märchen von Hans Christian Andersen beginnt eben nicht mit Es war einmal, es beginnt mit dem Satz Es war furchtbar kalt und ist eigentlich eine furchtbar traurige Geschichte", erklärte der 80-jährige Komponist, der zu den international einflussreichsten Schöpfern zeitgenössischer Musik zählt.

Das Märchen, das nicht nur für Kinder gelesen werde, sei auch für Erwachsene einer "Erinnerung an die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber Ausgegrenzten", sagte Lachenmann, dessen Oper seit der Uraufführung 1997 in Hamburg als wegweisende Musiktheaterschöpfung des ausgehenden 20. Jahrhunderts gilt.

Wäre das Mädchen eine Terroristin geworden?

Zur Verwendung eines Textes von Gudrun Ensslin von 1968 in seiner Oper erklärte Lachenmann:" Ein Mädchen, das auch gezündelt hat, das war die mit mir als Kind befreundete Gudrun Ensslin."

Er stelle sich auch die Frage, was eine idealistisch geprägte Pfarrerstochter am Ende zu einer Feindin der Gesellschaft werden ließ, die auch vor dem Tod nicht zurückgeschreckt sei. Einerseits existierten Texte von Ensslin, die in ihrer Kälte abstoßend seien, mit dem in seiner Oper eingefügte Zitaten aus dem Ensslin-Text "der kriminelle, der wahnsinnige, der selbstmörder" verkörpere sie selbst aber diesen Widerspruch:

"Kriminell, wahnsinnig, Selbstmörder, das war sie selbst. Das Mädchen stirbt, aber es stirbt da nicht schön. (…) In Wirklichkeit liegt sie da und erfriert auf der Straße. Das nennt die Gudrun Ensslin verrecken, in ihrer eigenen Sprache. Wenn das Mädchen so alt geworden wäre, wie die Gudrun Ensslin, wäre sie vielleicht auch am Ende eine Terroristin geworden", sagte Lachenmann, der unter anderem an den Musikhochschulen Hannover und Stuttgart Komposition lehrte und als Begründer der Stilrichtung Musique concrète instrumentale gilt.

Mit dem Hans Christian Andersen-Literaturpreis (Hans Christian Andersen Litteraturpris) werden Organisationen und Personen ausgezeichnet, deren Werke in Verbindung zu Dänemarks bekanntestem Dichter Hans Christian Andersen (1805 – 1875) stehen, sei es es aufgrund von Genre-Ähnlichkeiten oder erzählerisch-künstlerischer Eigenschaften. Lachmanns Werk sei eine der einsichtigsten Interpretationen des Andersen-Märchens, begründete die Jury ihre diesjährige Wahl. Verliehen wird der Preis im dänischen Odense, der Geburtsstadt des Dichters. Zuletzt hatte die Jury 2015 den japanische Autor Haruki Murakami geehrt. Weitere frühere Preisträger sind Salman Rushdie, Isabel Allende, Joanne K. Rowling und Paulo Coelho.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: "Once upon a time – es war einmal", so beginnt jedes Märchen, das etwas auf sich hält, und so beginnt auch der heutige Internationale Kinderbuchtag, der eben an diesem Samstag begangen wird, und als Motto die Geschichte von Luisa erzählt, die zum ersten Mal in eine Bücherei kommt – eben: Es war einmal … Seit 1967 findet der Internationale Kinderbuchtag am Geburtstag des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen statt, und passenderweise gibt es auch einen Preis dazu, der in diesem Jahr an den Komponisten Helmut Lachenmann verliehen wird. Dessen Komposition hat aus dem Märchen "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" eine Mädchenoper gemacht. Vor der Preisverleihung heute begrüße ich den Preisträger hier in "Studio 9", guten Morgen, Herr Lachenmann!

Helmut Lachenmann: Guten Morgen!

Welty: Einen Preis für Sie am Internationalen Kinderbuchtag, dabei spielen in Ihrer Oper auch Texte von Leonardo da Vinci und Gudrun Ensslin eine Rolle – wie passt das denn zusammen?

"Es war fürchterlich kalt"

Lachenmann: Das ist eine gute Frage. Ich weiß selber nicht so richtig, wie ich zu dem Glück komme, hier einen Preis zu bekommen. Das Märchen von Hans Christian Andersen beginnt eben nicht mit "Es war einmal …", es beginnt mit dem Satz, "Es war fürchterlich kalt", und ist eigentlich eine furchtbar traurige Geschichte und wird, glaube ich, nicht nur von Kindern gelesen beziehungsweise für Kinder gelesen, sondern das ist eigentlich eine für uns Erwachsenere, die wir zwar auch irgendwie noch Kinder geblieben sind, wie ich hoffe, eine Erinnerung an die Gleichgültigkeit einer Gesellschaft gegenüber den Ausgegrenzten. Das Mädchen friert, es soll eigentlich Streichhölzer verkaufen und hat Angst, wenn sie nichts verkauft, wird der Vater sie schlagen. Das ist also eine schreckliche Situation, und in der Verzweiflung zündet sie die Streichhölzer in der Kälte für sich selbst an und erlebt dann Dinge, die ein normaler Käufer nie erleben würde. Sie erlebt endlich die Wärme, die sie entbehrt, sie erlebt einen wunderbaren gedeckten Tisch und erlebt in Form von Zuwendung ihre liebe Großmutter, die sie dann mit in den Himmel nimmt, das heißt de facto, sie stirbt.

Welty: Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal mit diesem Märchen in Kontakt kam, das war mittels einer dieser Märchenschallplatten, die man damals hatte, und es hat mich tief berührt und auch geängstigt. Wie ist es Ihnen ergangen, dass Sie dann gesagt haben, ich mache daraus eine Oper, und da tauchen eben auch Texte von Leonardo da Vinci und Gudrun Ensslin auf, also italienisches Genie, deutsche Terroristin. Was haben Sie da alles zusammengeführt?

"Ein Mädchen, was auch gezündelt hat"

Lachenmann: Zuerst mal war es einfach so, dass ich eine japanische Variante der Geschichte erlebt habe, und meine Frau, die Japanerin ist, die erlebte ich zum ersten Mal, dass sie weinte. Das hat mich derartig gepackt, und dann kam eben dazu, die Geschichte muss aus ihrem sozusagen – ich sag's ein bisschen polemisch oder ein bisschen frivol – aus ihrer Rolle als Schmachtfetzen herausgeführt werden. Die Geschichte von Leonardo beschreibt den Raum, dort, wo der Schwefel herkommt. Also mitten in die bittere Kälte in Kopenhagen, in der die Geschichte spielt, kommt jetzt die Hitze aus den Vulkanen in Süditalien, beim Ätna, Stromboli, und dieser Gegensatz, der war für mich ganz wichtig. Und die andere Geschichte ist natürlich, es gibt ein Mädchen, was auch gezündelt hat, das war die mit mir als Kind befreundete Gudrun Ensslin, die als sogenannte Terroristin auf ihre Weise in die Geschichte unserer Bundesrepublik eingegangen ist. Und auch hier, bei aller Abneigung und Abgrenzung gegenüber ihrem kriminellen Verhalten, frage ich immer, woher kommt es, dass eine Pfarrerstochter, idealistisch geprägt, am Ende zu einer Feindin der Gesellschaft wird und auch vor dem Tod nicht zurückschreckt.

Welty: Muss man das eigentlich wissen, wenn man Ihre Oper anschaut?

Der Kriminelle, der Wahnsinnige, der Selbstmörder

Lachenmann: Also es wäre nicht schlecht, aber wissen Sie, das ist auch bei "Tristan und Isolde" nicht viel anders. Man sollte die Geschichte schon erkennen. Das ist ja nicht ein Krimi, wo man dann gespannt ist, wie es ausgeht, es ist eine Oper, das ist eine ästhetisch geschaffene Situation. Und natürlich gerade der Text – es gibt ja von der Gudrun Ensslin schreckliche Briefe, die sie an ihre Mitstreiter geschickt hat, die mich abstoßen in ihrer furchtbaren Kälte und ihrer, ja, wie soll ich sagen, Brutalität, aber es gibt diesen einen Text, der beginnt damit: Der Kriminelle, der Wahnsinnige, der Selbstmörder, sie verkörpern diesen Widerspruch. Kriminell, wahnsinnig, Selbstmörder, das war sie selbst. Das Mädchen stirbt, aber es stirbt da nicht schön. Es träumt davon, dass es in den Himmel gebracht wird von der Oma, in Wirklichkeit liegt sie da und erfriert auf der Straße. Das nennt die Gudrun Ensslin verrecken in ihrer eigenen Sprache. Wenn das Mädchen so alt geworden wäre wie die Gudrun Ensslin, wäre sie vielleicht auch am Ende zu einer Terroristin geworden. Das ist reine Gedankenspielerei, aber insofern ist es gut, wenn man weiß, wer das war, die Gudrun Ensslin. Und der Leonardo-Text, der wird so deutlich gesprochen, dass man ihn eigentlich verstehen müsste, wenn man die Ohren aufmacht, und wenn man Musik hört, sollte man im Allgemeinen die Ohren aufmachen.

Welty: Bei allen Einwänden, die man also haben kann, heute bekommen Sie am Internationalen Kinderbuchtag den Hans-Christian-Andersen-Preis, das in Ihrem 80. Lebensjahr. Was erwarten Sie sich von diesem Tag, worauf freuen Sie sich?

"Über die übliche idyllische Weise" hinaus

Lachenmann: Ich hab keine Ahnung. Ich bin so überrascht von dieser Ehre, und ich weiß gar nicht, ob die Juryträger wissen, was sie da angerichtet haben. Ich bin glücklich drüber, dass man das so zur Kenntnis nimmt, und ich glaube, der Laudator, das ist Simon Steen-Andersen, das ist ein von mir verehrter Komponist, der schon weiß, was ich da geschrieben habe. Ich weiß nicht, ich kenne die Jury nicht und weiß nicht, aus welcher Perspektive sie jetzt das so entschieden haben, aber ich werde mich dem nicht widersetzen. Ich bin froh, wenn so eine Geschichte eben über ihre bloße Kindhaftigkeit hinaus zur Kenntnis genommen wird, und wenn das auf diese Weise eine Zuwendung zu diesem Märchen auf eine andere als die übliche idyllische Weise erfährt, dann ist das genau im Sinne dessen, wie ich diese Komposition gemeint hatte.

Welty: Der Komponist Helmut Lachenmann wird heute für seine Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" ausgezeichnet, die natürlich auf dem Andersen-Märchen basiert. Ich zögere ein wenig, schon zu gratulieren, weil Sie den Preis ja noch nicht haben. Jedenfalls wünsche ich einen schönen Tag und danke sehr herzlich für dieses "Studio 9"-Gespräch, das wir aufgezeichnet haben. Alles Gute für Sie!

Lachenmann: Ich danke Ihnen auch, alles Gute, Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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