Dämonisches Drama

Von Burkhard Müller-Ullrich · 14.04.2010
Wie der einzelne Mensch und das sogenannte Weltgeschehen miteinander verknüpft sind, das ist eines der großen Themen von Philosophie und Kunst. Zahllose Dramen führen uns die Wirkkraft des Willens oder den Katastrophen bringenden Charakter einer mächtigen Persönlichkeit vor Augen.
Shakespeare zeigt uns die fatalen Folgen der Verranntheit eines Königs, Schiller kombiniert Herrschergewalt mit Missverständnissen, bis der tragische Ausgang schicksalhafte Zwangsläufigkeit bekommt. Seit mehr als zwei Jahrtausenden thematisiert die Tragödie die Metaphysik der Macht und deren Nachtseite: die todbringende Fehlentscheidung.

Der Flugzeugabsturz von Smolensk, der in den Medien stereotyp als Tragödie bezeichnet wird, war tatsächlich eine, und zwar in einem viel konkreteren, geradezu literarischen Sinn. Die Erzählung des dämonischen Dramas, das sich an Bord der polnischen Präsidentenmaschine abgespielt hat, trägt zwar, solange der Hergang nicht im Einzelnen geklärt ist, fiktionale Züge, aber sie erhält ihre Lizenz durch die unerhörte Symbolträchtigkeit des ganzen Geschehens, das ein polnischer Schriftsteller so zusammenfasste: "Die politische Elite unseres Landes fliegt in den Nebel und kommt ausgerechnet bei Katyn, dem nationalen Schreckensort schlechthin, ums Leben."

Man weiß inzwischen, dass die russische Flugsicherung den polnischen Piloten mehrfach davon abgeraten hatte, in Smolensk zu landen, weil der dortige Militärflughafen über kein geeignetes Instrumentenlandesystem verfügt, wie es bei dem dichten Nebel notwendig gewesen wäre. Man weiß, dass die Piloten trotzdem mehrere Anflugversuche unternahmen und, da sie die Piste nicht erkennen konnten, jeweils wieder durchstarteten. Die Piloten der Präsidentenmaschine waren erfahrene Flugzeugführer, sie kannten das hohe Risiko einer derartigen Aktion genau.

Es gehört zu den heroischen Aspekten der Luftfahrt, dass letztlich immer nur ein Einzelner steuert und entscheidet. In jedem Cockpit herrscht eine fast militärische Hierarchie – in einer Maschine der polnischen Luftwaffe sowieso. Darin besteht die Parallele zum Absolutismus politischer Herrschaft, selbst wenn sie demokratisch unterfüttert ist. Ein Staatschef, und zumal jener polnische, der durch sein autoritäres, bis zum Rüpelhaften reichendes Wesen nie einen Zweifel daran ließ, dass er für sich in Anspruch nahm, den Lauf der Geschichte zu lenken, ist schon vom Tragik-Potenzial her mit einem zu allem entschlossenen Nebel-Flieger verwandt.

Und wie, wenn der Staatschef selbst ins fliegerische Geschehen eingegriffen hätte? Nach dem dritten Anflugmanöver ging es auf elf Uhr. Um halb zwölf sollten die für die Polen so wichtigen Gedenkfeiern in Katyn beginnen. Die Autofahrt von Smolensk dorthin dauert eine halbe Stunde. Die nervöse Spannung zwischen Kabine und Cockpit muss von verzehrender Intensität gewesen sein, ein Fall für dichterische Vorstellungskraft.

Der Präsident hatte schon einmal einen Piloten kleingemacht, der ihn aus Sicherheitsgründen nicht zum ursprünglichen Ziel gebracht hatte. 2008 war das gewesen, als man in Aserbaidschan statt im georgischen Tiflis gelandet war. Der Präsident hatte getobt und von Befehlsverweigerung gesprochen; wer Offizier wird, sollte nicht ängstlich sein, lautete einer seiner Sätze. Hatte sich der Offizier im Anflug auf Smolensk bloß jenes Vorfalles erinnert oder war ihm ein direkter Befehl zugegangen? Hinter ihm in der Maschine saß immerhin der Kommandeur der polnischen Luftstreitkräfte, zusammen mit dem halben Generalstab der Armee.

An dieser Stelle muss die Kamera einmal durch die Sitzreihen im Inneren des Unglücksflugzeugs schwenken: Die Reisegesellschaft war zwar deutlich anders als jene zusammengewürfelten Menschengruppen, die sonst eine Kabine füllen; es waren lauter staatliche Funktionsträger, aber sicherlich auch Individuen, denen schon das mehrmalige Durchstarten Unbehagen bereitete. Darüber setzte sich ein harter Kern von Entscheidern kalt hinweg. Bis plötzlich der Kadavergehorsam des Piloten seine wörtliche Erfüllung fand, 96-fach.

Der Sinn einer Tragödie besteht darin, die Hybris eines solchen Führungsanspruchs auszustellen und zugleich aufzuzeigen, dass es stets wenige sind, die über viele entscheiden. Der Voicerekorder wird vermutlich Antwort auf die Frage geben, von wem der fatale Landebefehl kam. Die Entscheidung, ob das als Staatsgeheimnis behandelt wird, muss wieder ein Einzelner treffen, allein mit sich und seinem Gewissen.


Burkhard Müller-Ullrich, freier Publizist. Geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie. Schreibt für alle deutschsprachigen Rundfunkanstalten und viele Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er war Redakteur beim Abendstudio des Schweizer Radios, beim Schweizer Buchmagazin "Bücherpick" und Leiter der Redaktion "Kultur heute" beim Deutschlandfunk. Mitglied der Autorengruppe "Achse des Guten", deren Website www.achgut.de laufend aktuelle Texte publiziert.
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