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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.10.2013

"Da ist nicht Schönes am Älterwerden"

Der Autor Louis Begley im Gespräch zu seinem 80. Geburtstag

Moderation: Vladimir Balzer

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Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Der amerikanische Autor Louis Begley kann dem Älterwerden nichts abgewinnen: "Ich habe bisher nichts Schönes am Alter entdecken können". An seinem 80. Geburtstag will er nichts Besonderes machen: "Das wird ablaufen wie fast alle meine Tage".

Vladimir Balzer: Wie feiern Sie?

Louis Begley: Das wird ablaufen wie fast alle meine Tage. Ich stehe auf, lese die "New York Times", beantworte meine Mails, mache einen Spaziergang mit meiner Frau durch den Central Park. Am Abend dann unser Dinner mit einem jungen Rechtsanwaltskollegen, den ich sehr schätze. Und mit unserer Enkelin. Sie ist 24 und lehrt schon Latein an einer New Yorker Privatschule.

Balzer: Wie geht es Ihnen mit dieser Zahl. 80. Wonach klingt das für Sie?

Begley: Ich bevorzuge die Zahl 50.

Balzer: Sie versuchen, die Zahl 80 zu verdrängen?

Begley: Yes!

Balzer: Sie finden also gar nichts Positives am Alter?

Begley: Ich habe bisher nichts Schönes am Alter entdecken können. Bis jetzt erfreue ich mich zwar einer guten Gesundheit. Aber wenn ich in den Spiegel schaue, dann denke ich an die welkenden Pflanzen im Herbst: die Blätter werden gelb, fallen ab und sterben. Nein, da ist nicht Schönes am Älterwerden. Aber so ist es nun mal. Wir haben im Leben nur die Hinfahrt gebucht. Und wir kennen das Ziel.

Balzer: Sprechen Sie mit Ihrer Frau manchmal übers Älterwerden?

Begley: Wir reden nicht über etwas, das offensichtlich ist!

Balzer: Heutzutage wird immer gesagt: wir müssen uns einer älter werdenden Gesellschaft stellen. Wir müssen uns fit halten, wir sollen uns gesund ernähren, vielleicht damit das Älterwerden angenehmer wird ... Bewegen Sie sich mehr als nötig?

Begley: Ich gehe ins Fitnessstudio. Zu Hause mache ich auch was. Und ich versuche, ein paar Meilen am Tag zu laufen. Ich bin relativ fit!

Balzer: Dann sind sie ja fast sportlich!

""Ich hasse Sport!" "

Begley: Nein, ich bin nicht sportlich, ich hasse Sport! Außer Schwimmen. Ich versuche einfach nur, nicht auseinanderzufallen.

Balzer: Genug übers Alter gesprochen. In Deutschland gibt es die Tradition, dass Politiker bedeutenden Künstlern zu runden Geburtstagen gratulieren, mit einer Art Grußadresse o.ä. Erwarten Sie das auch?

Begley: Ganz sicher nicht. Warum sollten sich Politiker um mich kümmern? Oh nein, sie haben anderes zu tun. Sie sabotieren lieber die Gesundheitsreform von Barack Obama. Die Republikaner wollen in keiner Weise kooperieren. Gerade der rechte Rand dieser Partei hat alle Werte des Patriotismus verloren. Staatsbürgerliche Pflichten interessieren sie nicht! Ich denke, darunter liegt simpler Rassismus. Sie halten einfach einen schwarzen Präsidenten nicht länger aus. Das beunruhigt mich sehr.

Balzer: Und Obama selbst - ist er kompromissfähig genug?

Begley: In seiner ersten Amtszeit hat er sogar zu viele Kompromisse gemacht. Er hat die Republikaner daran gewöhnt.Obama ist sehr rational und umsichtig. So ist er diese Krise angegangen und so tut er es auch in anderen.

Balzer: Sollte er aber den Republikanern nicht noch mehr entgegen kommen in einer extremen innenpolitischen Situation wie dieser?

Begley: Nein! Diese Leute haben die USA als Geisel genommen. Solchen Leuten zahlt man kein Lösegeld.

Balzer: Sie waren immer ein Fan von Obama. Ganz generell gesprochen. Mit der Erfahrung all der Jahre. Sind sie es immer noch, uneingeschränkt?

Begley: Ich bin ein noch größerer Fan! Allein die Gesundheitsreform. Oder wie er uns aus der Finanzkrise geholt hat, ganz allgemein seine Herangehensweise an soziale und wirtschaftliche Probleme. Er hat die Truppen aus dem Irak abgezogen, bald werden wir aus Afghanistan raus sein. Seine Syrienpolitik folgte klaren Prinzipien, sie war gut und trägt jetzt Früchte.

Balzer: Was ist mit den Aktivitäten der Sicherheitsdienste, die offenbar schalten und walten, wie sie wollen, weltweit. Die NSA, das Prism-Programm, überall werden Millionen von Menschen überwacht. Die Europäer machen sich jedenfalls große Sorgen. Wenn Amerika für die Freiheit steht – beschränken solche Programme nicht die Freiheit?

""Das schränkt die Freiheit nicht ein""

Begley: Nein, das schränkt die Freiheit nicht ein. Es sind harte Maßnahmen, sie sind exzessiv. Aber sie verhindern viel schlimmere Dinge – Angriffe des internationalen islamistischen Terrors. Der ist doch das größte Problem. Die NSA sammelt auch so viele Daten, um Muster der Kommunikation entwickeln zu können. Wir haben nun mal die elektronische Vernetzung, etwa in sozialen Netzwerken. Und da werden nicht nur Geburtstagswünsche ausgetauscht! Die Überwachung ist nicht schön, ich mag auch die Überwachungskameras in den Städten nicht, aber es kann Verbrechen verhindern ... Wir leben in einer sehr komplexen Gesellschaft. Terroristen wissen sehr gut, mit moderner Technik umzugehen. Man muss sie stoppen können!

Balzer: Auch für den Preis der Privatsphäre von Millionen von Unschuldigen?

Begley: Kommen Sie! Niemand liest Ihre Mails! Vielleicht wird noch gespeichert, an wen Sie Mails schicken. Und Ihre Privatsphäre wird doch nicht missachtet, wenn jemand liest, was sie an ihren Großcousin in Hamburg schreiben.

Balzer: Sie haben gerade einen Thriller beendet. Worum geht es da?

Begley: Das werde ich Ihnen nicht verraten. Es geht um ein Verbrechen!

Balzer: Spielen da Geheimdienste eine Rolle?

Begley: Nein, überhaupt nicht. Es ist ein sehr gutes Buch!

Balzer: Aber Sie werden nichts darüber sagen?

Begley: No, no!

Balzer: Was treibt Sie eigentlich an? Was gibt Ihnen Energie fürs Schreiben?

Begley: Joghurt und Vitaminpräparate!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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