"Cyberprotest"

Von Ralf Bei der Kellen · 11.01.2010
Beim Klimagipfel in Kopenhagen gab es zahlreiche Demonstrationen. Doch wer gegen die Klimaveränderung protestieren wollte, musste dafür nicht extra nach Dänemark reisen. Doch wie effektiv kann Protest im Web - von der Wissenschaft kurz "Cyberprotest" genannt - eigentlich sein?
Protestieren kann man auf viele Arten. Man kann sein Anliegen auf der Straße kundtun, man kann an einer Unterschriftenaktion teilnehmen, man kann in den Hungerstreik treten. Eines gilt aber für alle Formen: Protest ist dann am effektivsten, wenn er viele Leute erreicht und motiviert. Die Massenmedien sind hierzu ein unentbehrliches Werkzeug.

Nikel Pallat: "Und deswegen ist es ganz klar hier, wenn überhaupt noch was passieren soll hier, muss man sich gegen den Unterdrücker stellen und man muss parteiisch sein und nicht einfach sagen – und deswegen mach ich jetzt diesen Tisch hier mal kaputt, damit Du mal (fängt an zu hacken) genau Bescheid weißt!"

Das muss auch Nikel Pallat geahnt haben. Der Saxophonist und Sänger der Rockgruppe Ton Steine Scherben nahm im Dezember 1971 an einer Diskussion im WDR-Fernsehen teil. Seine Argumentation unterstützte Pallat durch den spektakulären Einsatz eines in den Sender eingeschmuggelten Beils.

"Und konnte sich so der Aufmerksamkeit gewiss sein - dem Internet und Youtube sei dank bis zum heutigen Tage."

Heute, da sich das Internet in den Reigen der Massenmedien eingereiht hat, ist auch das Netz zum Forum für allerlei Protest geworden.

Ein Beispiel dafür, welche Form Protest im Internet annehmen kann, ist die 2002 von Thilo Bode, dem langjährigen Vorsitzenden von Greenpeace, ins Leben gerufene Initiative foodwatch e.V.. Sie widmet sich der unabhängigen Überwachung von Lebensmitteln. Vor zwei Jahren wurde mit abgespeist.de eine Online-Kampagne gestartet. Ihr Ziel: die Entlarvung von Werbelyrik und Etikettenschwindel.

"’75 Prozent Kakao in der Schokolade’ verspricht die Verpackung (…) [das] klingt zwar nach viel, tatsächlich enthält ein Becher ‚Pur Choc 75 Prozent Kakao Tansania edelbitter’ aber gerade mal 2,5 Prozent Schokolade. Der Kakaoanteil aus Tansania schrumpft damit auf 1,875 Prozent pro Becher zusammen.""

Unter jedem auf abgespeist.de kritisierten Produkt gibt es einen mit einem Megaphon gekennzeichneten Link. Klickt man diesen an, findet man eine an den Hersteller gerichtete vorformulierte E-Mail, der man aber einen eigenen Kommentar hinzufügen kann. Martin Rücker, Pressesprecher von foodwatch:

"Wir haben so inzwischen bei den Aktionen durchschnittlich, ja, zwischen drei und viertausend, die sich bei dem Hersteller beschweren. Und jeder Dritte fügt noch einen eigenen Kommentar hinzu."

Nach dem Abschicken einer solchen Protest-E-Mail bekommt man eine zweite Mail, in der sich ein Link befindet. Erst wenn man diesen anklickt, ist die Protestnote authentifiziert und wird abgeschickt. Dies, so Martin Rücker, sei notwendig, damit der Protest nicht anonym erstellt werden könne.

Cyberprotest ist laut Rücker "schneller, unmittelbarer und direkter". Tatsächlich ist die Form der Informationsvermittlung, wie foodwatch sie betreibt, im Internet effektiver als in Papierform – die Menschen können sich am heimischen PC zu jeder Zeit in Ruhe mit den Fakten beschäftigen und sich genau überlegen, ob und wie sie protestieren wollen. Der Soziologe Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung beschäftigt sich seit Jahren mit den Erscheinungsformen von "Cyberprotest".

Dieter Rucht: "Diese Art von Mausklick-Protesten, die mag quantitativ zunehmen, auch da wird es eine Steigerung geben der Leute, die sich dem anschließen, die da erreicht werden. Aber der Eindruck beim Publikum oder bei politischen Entscheidungsträgern wird damit nicht notwendig verstärkt. Weil alle Beteiligten wissen, diese Proteste sind sehr billig zu erreichen, das kostet im Grunde nur wenige Sekunden, um sich dem Protest anzuschließen. Somit ist es ein Protest quasi im Vorbeigehen."

Es gibt aber auch andere Beispiele. Wie die Initiative des 33jährigen kolumbianischen Ingenieurs Oscar Morales. Erzürnt von einer der viele Entführungen, die die Guerillabewegung FARC verübt hatte, gründete er im Januar 2008 die Gruppe "One Million Voices against FARC". Der Ort: das soziale Netzwerk Facebook.

Oscar Morales: (aus dem "Elektronischen Reporter")
"Ich musste niemanden anrufen, es reichte aus, die Idee unter meinen gut 100 Facebook-Kontakten auszusäen. Was dann passierte war eine virusartige, wundersame Ausbreitung dieser Idee."

Nach Morales Angaben hatten sich bereits nach drei Tagen circa 10.000 Menschen seinem Aufruf angeschlossen. Von diesem Zulauf beflügelt, begann eine kleine Gruppe mit der Organisation von Straßenprotesten. Am 4. Februar 2008 fanden in vielen Großstädten auf der ganzen Welt Demonstrationen gegen die FARC statt. Die in den Medien berichteten Zahlen reichen von zwei bis zu zwölf Millionen Teilnehmern weltweit.

Das Internet ist hervorragend dazu geeignet, Menschen zu vernetzen und zu mobilisieren. Und das kann durchaus zwischendurch geschehen, wie Christoph Bauz, Mitglied des Protestnetzwerkes campact.de, betont:

Christoph Bauz (aus dem "Elektronischen Reporter"): "Bei uns werden gerade auch Menschen aktiv, die sonst eigentlich wenig Zeit haben, sich politisch zu engagieren, aber fünf Minuten Zeit haben mal in der Teepause, in der Kaffeepause aktiv zu werden und online zu protestieren."

Eins ist allen Beteiligten klar: Cyberproteste müssen über ihre reine Internetpräsenz hinausgehen, um etwas bewirken zu können. Der wichtigste Teil des Protestes wird nach wie vor außerhalb des Netzes stattfinden.