Mittwoch, 25.11.2020
 

Fazit | Beitrag vom 18.11.2020

Covid-19-Verschwörungsfilm "Hold-Up"Abstruse Thesen in journalistischem Gewand

Marcel Wagner im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Ein Laptop hat den Streaming-Film "Hold Up" des früheren französischen Journalisten Pierre Barnérias geladen, der angeblich die Wahrheit über Covid-19 erzählt. Auf dem Bildschirm sieht man recht und links je ein Gesicht mit Maske und in der Mitte steht "Covid-19 - Retour sur un chaos" (Blick auf ein Chaos). (imago images / Hans Lucas / Riccardo Milani)
Im Verschwörungssog: Nach Ende des Films nehmen alle nur das mit, was sie glauben wollen. (imago images / Hans Lucas / Riccardo Milani)

Ein französischer Verschwörungsfilm zu Corona findet im Netz unzählige Zuschauer. Immer extremere Thesen würden darin aneinandergereiht, berichtet der Frankreich-Korrespondent Marcel Wagner. Der Faktencheck der Medien komme zu spät.

Bisher waren die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen in Frankreich eher gering. Nun aber sorgt seit dem 11. November ein Film im Internet für Aufregung. Der Streaming-Film "Hold Up" des ehemaligen französischen Journalisten Pierre Barnérias streut diverse Corona-Verschwörungstheorien und geht stark gegen Politik, Wissenschaft und Medien an.

Als klassische Dokumentation verpackt

Der fast drei Stunden lange Film sei wie eine "Hochglanz-Dokumentation" aufgebaut, sagt der Frankreich-Korrespondent Marcel Wagner. Barnérias habe verkündet, dass die klassischen, traditionellen Medien viele Positionen in der Coronakrise gar nicht berücksichtigten, sein Film solle das nun revidieren.

"Das Ganze ist eine Abfolge von wahnsinnig vielen Protagonisten, die auftauchen und in einem extrem hohen Tempo zu den unterschiedlichsten Themen und Randbereichen dieser Coronakrise ihre Meinungen zum Besten geben", so Wagner.

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Das "Perfide" an diesem Film sei, so Wagner, dass er wie eine Spirale funktioniere. Zu Beginn gehe es um das Maskentragen und darum, dass das Virus vielleicht gar nicht so gefährlich sei. Dann werde es im Laufe der zwei Stunden und 40 Minuten immer extremer.

Endkampf-Szenario von Reich gegen Arm

Es tauchten immer neue Theorien auf, auch Verschwörungserzählungen über Bill Gates und die Abschaffung des Geldes - bis hin zu einer Soziologin, "eigentlich eine anerkannte Wissenschaftlerin", die am Schluss behaupte, "wir würden Zeuge werden eines Holocausts und des Versuchs der Reichen, die Armen in dieser Welt abzuschlachten".

Unter anderem kämen Nobelpreisträger und Politiker zu Wort. Ein ehemaliger konservativer Minister will mittlerweile allerdings, dass seine Passagen herausgeschnitten werden. "Das Ganze wird dann gemischt mit Figuren, die seit Beginn dieser Coronakrise teilweise in französischen Medien auftauchen oder aber auch nirgendwo auftauchen, weil sie so krude Thesen verbreiten, dass sie in keinem klassischen Medium einen Platz finden."

Rasante Abfolge widersprüchlicher Thesen

Oft dauerten die Stellungnahmen der Interviewten nur wenige Sekunden, so Wagner, "dann taucht schon der nächste auf, und man kann dem kaum folgen. Es werden immer neue, auch total widersprüchliche Thesen aufgebaut."

Am Schluss wisse man überhaupt nicht mehr, wo man sich befinde. "Aber bei Menschen, die das glauben wollen, die sich in diese Welt hineinbegeben wollen, bleibt im Kopf ja nur das hängen, was sie gerne von diesem Film mitnehmen wollen."

Die französischen Medien hätten versucht, mit "Fact-checking" dagegenzuhalten, berichtet Wagner. Doch der Faktencheck komme zu spät:

"Die Menschen schauen sich das an, werden damit konfrontiert, und bis die Redaktionen es geschafft haben, diese Thesen zu überprüfen und die Wahrheit hinterherzuschieben, ist natürlich eine gewisse Zeit vergangen. Und in dieser Zeit sind eben die verschwörerischen Elemente, die Falschaussagen, bei vielen Leuten hängen geblieben."

(kpa)

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