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Studio 9 | Beitrag vom 28.05.2020

Covid-19-Forschung Hoffnung auf eine "passive Impfung"

Von Christina Küfner

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Der Immunologe Thomas Winkler in einem Labor an der Uniklinik Erlangen. (Deutschlandradio/ Christina-Maria Küfner)
Der Immunologe Thomas Winkler ist zuversichtlich, dass eine passive Impfung mit Antikörpern bald möglich ist. (Deutschlandradio/ Christina-Maria Küfner)

Nach wie vor gibt es keinen Impfstoff gegen Corona. Bis es soweit ist, könnten so genannte passive Impfungen mit Antikörpern helfen. An der Uniklinik Erlangen arbeiten Forscher gerade an solch einem Schutz gegen das Virus.

Mehrmals die Woche sieht Thomas Winkler nach, was sich im so genannten Zellkulturlabor tut: ein kleiner Raum mit medizinischen Apparaten, die monoton vor sich hinbrummen. Was darin lagert, ist für die Corona-Forschung von großer Bedeutung.

"Unser jetziger Stand ist: Wir haben eine Handvoll von sehr vielversprechenden neutralisierenden Antikörpern - also solche, die es auch ermöglichen sollten, dass sie Schutz vermitteln. Das ist bei vielen Viren der Mechanismus – dass man mit Antikörpern – und das ist unser Ansatz – Viren neutralisiert, inaktiviert und damit unschädlich macht."

Ganz in Ruhe zieht sich Winkler ein paar weiße Gummihandschuhe an und reinigt sie mit Desinfektionsmittel. Der Immunologe ist einer von mehreren Wissenschaftlern, die hier an der Uniklinik Erlangen an einer Impfung gegen Corona forschen.

Schutz vor Corona für einige Wochen 

An einer so genannten passiven Impfung, sagt Thomas Winkler. Der Schutz hält nur für einige Wochen – anders als bei einer aktiven Impfung, die ein Leben lang schützt. Weil es die für Corona aber bisher nicht gibt, wäre ein temporärer Impfschutz bereits ein großer Fortschritt - vor allem für Menschen, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind.

"Wir sprechen von Klinikpersonal, wir sprechen von Pflegern in Altenheimen, allen, die eben unter Gefahr stehen, mit Infizierten zu arbeiten und dann prophylaktisch diesen Antikörper bekämen. Wir gehen von mindestens zwei Monaten Schutz aus, wenn man die bisherigen Erkenntnisse betrachtet."

Zu finden sind solche Antikörper im Blut von genesenen Corona-Patienten. In ihnen ist durch die Krankheit ein Immunschutz entstanden. Den machen sich die Forscher jetzt für die passive Impfung zu Nutze. Thomas Winkler zeigt in dem Labor auf einen kleinen Kasten, der sich nach oben aufklappen lässt.

"Hier fängt es an: Wir isolieren in diesen Zentrifugen aus dem Blut Blutzellen nach bestimmten Methoden. Hier kommen die Röhrchen hinein in die Zentrifuge und dann läuft die. Und dann werden wir in weiteren Schritten Zellen isolieren, die diese Antikörper herstellen."

Das Virus wird vom Igel zum Tennisball

Das molekularbiologische Verfahren dahinter ist aufwendig und dauert etwa zwei Wochen. Am Ende kommt eine hellrosa Flüssigkeit dabei heraus. Einige Petrischalen davon lagern in dem Labor gerade in einem Brutschrank. Winkler holt eine der kleinen Glasschalen heraus, schiebt sie unter ein Mikroskop und guckt durch die Linse.

"Wir schauen jetzt hier unter dem Mikroskop die Zellen an, die die Antikörper produzieren. Eine derjenigen wächst hier ganz gut und produziert. Ich weiß nur noch nicht, ob die Antikörper das tun, was ich hoffe, nämlich das Spike-Protein binden."

Das Spike-Protein: Auch wenn der Name wohl den meisten nichts sagt – wie es aussieht weiß inzwischen fast jeder. Die Stacheln, die das Coronavirus umhüllen, sind Spike-Proteine. Antikörper können sie abdecken wie ein dicker Mantel aus Filz. Das Virus wird sozusagen vom Igel zum Tennisball und kann in der Lunge nirgends mehr andocken.

Kontrollblick durch das Mikroskop. (Deutschlandradio/ Christina-Maria Küfner)Der Immunologe Thomas Winkler beobachtet das Wachstum der Antikörper. (Deutschlandradio/ Christina-Maria Küfner)

Winkler stellt die Petrischale zurück in den Brutschrank, verlässt den Raum und läuft eine Tür weiter ins Testlabor. Einige Mitarbeiter hantieren darin an großen Tischen. An einem davon sitzt eine medizinisch-technische Assistentin und träufelt winzige Tröpfchen mit einer Pipette auf eine löchrige Platte.  

"Das ist ein Elisa-Test, ein Antikörper-Nachweis. Wenn Sie jetzt theoretisch Antikörper hätten in Ihrem Blut, dann können wir Ihr Serum gewinnen. Dann würden wir das da drauf geben und wenn Sie Antikörper hätten, dann würde das auf diesem Partikel hängen bleiben und dann diese Braunfärbung hier am Ende ergeben."

Das "Spike" schön dick ummanteln

Mit dem gleichen Test lasse sich nachweisen, ob ein Antikörper das gefährliche Stachelprotein des Coronavirus auch bindet, erklärt Thomas Winkler – ob es die Spitze also schön dick ummantelt. Wäre das Virus damit tatsächlich neutralisiert? Gut möglich, meint der Immunologe, dazu brauche es aber noch weitere virologische Tests.

"Das ist die Hoffnung: Dass hier ein Antikörper produziert wurde, der das Coronavirus so bindet, dass dieses Spike – diese Spitze des Virus – nicht mehr an den Zellen andocken kann und Menschen, die diesen Antikörper bekommen, geschützt wären vor der Infektion."

Erst wenn klinische Studien das auch eindeutig beweisen, wird die temporäre Impfung tatsächlich möglich. Wenn alles weiter gut laufe, sagt Winkler, könne man Ende des Jahres wahrscheinlich die ersten Personen impfen – und so für ungefähr zwei Monate vor einer Corona-Erkrankung schützen.

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