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Echtzeit | Beitrag vom 29.06.2019

Courtroom FashionWenn die Anwältin Mode-Tipps gibt

Von Gesine Kühne

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Anna Sorokin sitzt in einem modischen Kleid vor Gericht. (picture alliance/ AP Images / Richard Drew)
Anna Sorokin im April 2019: Zum Modeschaulauf oder doch nur vor Gericht? Mit ihren Outfits sorgte die Hochstaplerin international für Schlagzeilen. (picture alliance/ AP Images / Richard Drew)

Mit ihren Auftritten vor Gericht in betont mädchenhafter Kleidung hat die Hochstaplerin Anna Sorokin weltweit für Aufsehen gesorgt. Ist an "Courtroom Fashion" wirklich etwas dran? Lässt sich mit bestimmter Kleidung ein Vorteil vor Gericht erzwingen?

Rogelio de la Vega ist eine selbstverliebte Figur aus der Telenovela "Jane the Virgin". Als er vor Gericht muss, nervt er seinen Anwalt mit Bildern. Welchen Anzug soll er nur vor Gericht tragen? Welcher Anzug lässt ihn unschuldig aussehen?

Eine ziemlich überdrehte Szene, so wie die ganze Serie. Denn der Anwalt als Style-Berater, das erscheint absurd.

Frauen sollten sich seriös kleiden

Aber nur auf den ersten Blick, sagt die Berliner Anwältin Lina Böcker:

"Ich rate zum Beispiel Frauen, sich nicht so mädchenhaft zu kleiden, um einfach vor Gericht ein bisschen ernst genommen zu werden. Meiner Erfahrung nach macht es einen schlechten Eindruck, wenn man da versucht zu kokettieren und mit Mädchenattributen zu spielen. Männern würde ich immer eher raten, bleib am besten so wie du bist, verkleide dich nicht, wir sind ja hier, weil wir wissen, dass wir Recht haben und können da auch souverän so auftreten, wie wir sind."

Was Lina Böcker hier beschreibt, hat einen Namen: "Courtroom Fashion", Gerichtssaalmode. Diana Weis, Modesoziologin und Dozentin an der Akademie Mode und Design in Berlin erklärt:

"Man kann es am ehesten noch mit einem Vorstellungsgespräch vergleichen. Es ist natürlich ein offizieller Anlass. Ein Gerichtsprozess hat auch immer etwas von einer Bühnensituation. Es gibt Publikum, es gibt Leute, die beeindruckt werden können und vor allem spielt ja neben der faktischen Beweislage, die dargestellt wird, auch ein persönlicher Eindruck der Angeklagten eine große Rolle - auch bei der Urteilsfindung."

"Courtroom Fashion", ein provokanter Begriff. Denn eigentlich, so unsere Vorstellung, hat Mode vor Gericht keine Rolle zu spielen. Schuldig oder unschuldig – das darf ja nicht von der Kleidung abhängen! Und tut es vielleicht doch ein bisschen. Authentizität ist auch hier, wie so oft in der Mode, ein wichtiges Stichwort.

Der dunkle Anzug - für Frauen gibt es nichts Vergleichbares

Anna Sorokin hat mit ihren Kostümen für Aufsehen gesorgt. Denn in ihrem Fall – eine angeklagte Hochstaplerin – gibt es ja eigentlich kein "authentisch". In ihrem Fall wären wohl neutrale, Respekt bekundende Outfits eine bessere Wahl gewesen als kurze Kleider und luftige Blusen.

Männer haben es allerdings auch da leichter, sagt Diana Weis:

"Dreiteiliger, dunkler Anzug, weißes Hemd, neutrale Krawatte, damit kann man eigentlich nichts falsch machen. Und damit sagt ein Mann auch nicht besonders viel über sich aus. Das ist ein antiindividuelles Kleidungsstück, es blendet den ganzen Bekleidungsaspekt aus. Da kann man einmal gucken, der hat sich ordentlich angezogen, ist abgehakt. Für Frauen ist das immer schwieriger, weil sie kein vergleichbares Kleidungsstück haben."

Natürlich haben Zivilprozesse andere Regeln als Strafprozesse. Und in den USA bekommen Angeklagte, wenn sie denn von einer Jury für schuldig oder nicht schuldig befunden werden, oft eine große Bühne. Dann gilt es, nicht nur die Richter zu überzeugen, sondern auch die Geschworenen.

"Law Fashion" statt "Courtroom Fashion"

So eine Beeinflussung durch Kleidung kann auch schon mal in Deutschland vorkommen. Aber, so sagt die Anwältin Lina Böcker:

"Echte 'Courtroom Fashion' gibt es nicht. Was im juristischen Bereich aber eine Rolle spielt, würde ich nicht 'Courtroom Fashion' nennen, sondern 'Law Fashion'. Ich glaube, es gibt immer noch so einen gewissen Respekt der 'Normalbevölkerung' vor den Anwälten und dem ganzen Rechtswesen. Vielen merkt man das an, wenn die zum Beispiel auch das erste Mal hier in die Kanzlei kommen, sich schick gemacht haben, sich was ordentliches angezogen haben und sich dann wundern, wenn die Anwälte bei uns im Poloshirt rumlaufen. Der Respekt vor dem Berufsstand spiegelt sich bei den meisten Menschen schon noch im Outfit wieder."

Anna Sorokins mädchenhafte Flatterkleider ließen diesen Respekt wohl vermissen. Offenbar war es ihr und ihrer Styleberatung, die nicht aus der Anwaltschaft kam, wichtiger, das Image der geldgesegneten, jungen New Yorkerin aufrecht zu erhalten.

Das kam so gut an, dass sie nun zwölf Jahre hinter Gitter muss.

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