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Im Gespräch | Beitrag vom 19.09.2018

Countertenor Jochen Kowalski"Das ist meine Stimme!"

Moderation: Katrin Heise

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Countertenor Jochen Kowalski (imago stock&people)
Vor seiner Gesangskarriere arbeitete Jochen Kowalski als Requisiteur an der Deutschen Staatsoper in Berlin. (imago stock&people)

Er war der erste Countertenor der DDR. Der Metzgersohn Jochen Kowalski sang zuvor Tenor und quälte sich dabei, auch wenn es sich gut anhörte. Als nach einem bierseligen Abend seine Altstimme entdeckt wurde, war das wie eine Befreiung.

Bereits als Kind im brandenburgischen Wachow singt Jochen Kowalski gerne Opern. Im Schulchor ist er ein gefragter Sänger und im Krippenspiel wird seine Stimme gelobt: "Er singt so schön, wie ein Mädel!" Über diese Art von Komplimenten freut sich der junge Kowalski allerdings gar nicht:

"Ich dachte immer, ich fall in Ohnmacht, wenn die das gesagt haben. Wieso sing ich wie ein Mädel? Ich singe so wie ich kann – für mich war das das normalste von der Welt. Und dann nachher, als man dann mitgekriegt hat, viele machen sich drüber lustig, dann kriegt man erstmal Angst. Dann traut man sich nicht mehr."

Aber der Wunsch, zu singen ist größer. Dass er professionell singen will, ist Kowalski immer klar, dass es Opern sein sollen ebenfalls. Als er es schließlich wagt, sich an der Hochschule für Musik Hanns Eisler zu bewerben, tut er dies als Tenor, etwas anderes sei undenkbar gewesen:

"Tenor. Immer Tenor. Gar nichts anderes kam in Frage. Tenor. Lohengrin. Bühne der Staatsoper. Auftritt mit Schwan. Das war das Ziel von Jochen Kowalski."

Von Halle an der Saale an die Komische Oper

Beim dritten Bewerbungsversuch wird er tatsächlich angenommen und studiert so lange Tenor, bis endlich seine Altstimme entdeckt wird und er zum Vorsingen für die Händel Festspiele als Countertenor eingeladen wird – eine regelrechte Befreiung:

"Da habe ich gemerkt, dass das meine Naturstimme ist. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich war. Plötzlich konnte ich das aus mir rauslassen, was mir als Tenor versagt blieb, bis zum heutigen Tag."

Zunächst trainiert Kowalski seine Altstimme heimlich, denn "das ist ja so im Plan der Deutschen Demokratischen Republik nicht vorgesehen gewesen". Der erste große Auftritt als Countertenor findet in Halle an der Saale statt – ein Riesenerfolg! Der junge Sänger wird gefeiert und der Intendant der Komischen Oper engagiert ihn umgehend als Solist für die nächste Spielzeit.

Die Komische Oper als Spielstätte ermöglichte Freiheiten, wie sie sonst in der DDR nur wenig zu finden waren. Kowalski bezeichnet sie als den "fünften Sektor", mit ihrer internationalen Besetzung und Weltoffenheit bot sie den Sängern ein ideales Arbeitsumfeld und darüber hinaus auch noch diverse Reisen ins nicht-sozialistische Ausland.

Vor dem Durchbruch: Requisiteur an der Deutschen Staatsoper

Auch in diesem weltoffenen Ambiente wurden Countertenöre allerdings nicht immer ernst genommen:

"Es wurde immer ein bisschen belächelt, in Deutschland sowieso. Und da leide ich manchmal heute noch drunter. Ich kann mich erinnern, am Anfang meiner Laufbahn ist manchmal ein Lachen oder ein Kichern durch den Raum gegangen." Die Reaktion darauf war eindeutig:

"Jetzt erst recht! Jetzt will ich die beiden, die da gelacht haben, überzeugen. Das ist mir meistens gelungen. Ich finde, man muss das überzeugend machen. Die Stimme ist meine Stimme, die Stimme passt zu mir, ich habe keine andere, ich habe nur diese Stimme und kann nur mit der etwas ausdrücken. Sonst nichts."

Bevor Jochen Kowalski es überhaupt gewagt hat, sich bei der Aufnahmeprüfung der Musikhochschule zu präsentieren, arbeitete er einige Zeit als Requisiteur an der Deutschen Staatsoper in Berlin. Er liebte es, am Bühnenrand sitzend die großen Sänger zu hören und lernte dabei unglaublich viel:

"Das kann ich jedem angehenden Sänger nur raten: Fangt im Theater als Requisiteur, Bühnenarbeiter oder irgendwas Handwerkliches an, damit ihr erstmal die Arbeit der Leute schätzen lernt, und dass man geerdet wird und dass man mal den Theaterbetrieb, wie er wirklich ist, kennenlernt. Fünf Jahre Staatsoper, Bühnenarbeiter – das war – ich sag jetzt was ganz Schreckliches – mit die schönste Zeit meines Lebens."

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