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Buchkritik | Beitrag vom 26.06.2018

Cory Doctorow: "Walkaway" Technologie gegen die Angst vor dem Sterben

Von Marcus Richter

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Cover von dem Science-Fiction-Roman "Walkaway", im Hintergrund eine durch den Computer geschaffene abstrakte Landschaft. (Heyne Verlag / imago / Science Photo Library)
Cover von dem Science-Fiction-Roman "Walkaway", im Hintergrund eine durch den Computer geschaffene abstrakte Landschaft. (Heyne Verlag / imago / Science Photo Library)

Wie ist eine Gesellschaft ohne Geld möglich? Wie ist es, wenn Bewusstsein als Software existiert? Mit seinem Science-Fiction-Roman "Walkaway" ist es Cory Doctorow gelungen, eine spannende Story zu erzählen – die zudem lehrreich ist.

Alles beginnt mit einer Party, die in einer Zukunft stattfindet, die zwar nicht detailliert erklärt wird, aber sofort authentisch wirkt: "Das Bier war selbstleuchtend und biolumineszent. Hubert Etcetera fragte sich besorgt, was wohl in den transgenen Jesusmikroben stecken mochte, die fähig waren, Wasser in Bier zu verwandeln."

Cory Doctorow benutzt in "Walkaway" Umschreibungen, die groben Pinselstrichen gleichen. Es gibt Lücken, die von der eigenen Fantasie ausgefüllt werden müssen, aber die so entworfene Welt der Walkaways zieht unweigerlich in ihren Bann und lässt sich dafür auch Zeit. Das ganze erste Drittel des Buches braucht es, bis die Bühne vorbereitet ist. Bis hierher wird das Bild einer zukünftigen Gesellschaft gezeichnet, die von wenigen Ultrareichen - den Zottas - regiert wird.

Alles kostenlos vom 3D-Drucker

Auf der anderen Seite gibt es die Walkaways, Menschen, die außerhalb der Zivilisation leben. Nur hier können Sie ihren Traum leben. Denn eigentlich ist die Technik soweit fortgeschritten, dass alles, was man zum Leben braucht, mit Hilfe von Computern und 3D-Druckern kostenlos hergestellt werden kann. In der normalen Gesellschaft ist das aber verpönt, hier gilt weiterhin die Macht des Geldes. Waren werden hier durch Patente, Markenrecht und Kopierschutzmechanismen künstlich verknappt und weiterhin verkauft.

Doctorow stellt in seinem Roman die Frage: Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der theoretisch alles Materielle im Überfluss vorhanden sein könnte? Seine Antwort: Es kommt zum Krieg. Denn die Zottas haben Angst davor, ihr privilegiertes Leben, das auf ökonomischer Ausbeutung beruht, zu verlieren. Deshalb versuchen sie die Walkaways, die eben die Auflösung wirtschaftlicher Zwänge in einer Post-Knappheits-Gesellschaft propagieren, mit lückenloser Überwachung, psychologischer Zersetzung und militärischer Macht auszuradieren.

Ist eine Gesellschaft ohne Geld möglich?

Dieser Krieg wird zwar aus der Perspektive einzelner Charaktere dargestellt, die leben, lieben und auch sterben, gleichzeitig stehen diese Figuren aber auch für bestimmte Philosophien und Konzepte. Während sie handeln oder diskutieren, lernen Leserinnen etwas. Über weite Strecken ist "Walkaway" auch ein Sachbuch im Romangewand: "Blickst du immer noch nicht durch? Geld zu spenden löst keine Probleme. Wenn du die Zottareichen bittest, Geld zu spenden, um sich freizukaufen, erkennst du damit an, dass sie ihr Geld irgendwie verdient hätten und das Recht haben, zu entscheiden, wer es bekommt."

Wenn im Buch Weltsichten aufeinanderprallen, wird damit sowohl eine Einführung in klassische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle geben, als auch spannende Fragen erörtert. Ist eine Gesellschaft ohne Geld möglich? Welchen Lebenszweck hat ein Mensch, wenn er sich nicht mehr beweisen kann? Und wie ändert sich das alles, wenn man sein Bewusstsein als Software betreiben kann?

Kann neben "Neuromancer" und "Snow Crash" bestehen

Das ist der eigentlich schlagzeilenträchtigere zweite Teil des Buches: Die titelgebenden Walkaways entwickeln eine Technologie, die es erlaubt, das eigene Selbst als Kopie in der Cloud zu betreiben. Keine echte Unsterblichkeit, aber doch irgendwie die Angst vor dem Tod nehmend, verschärft das die Konflikte zusätzlich. Denn wenn diese Technologie jedem zur Verfügung steht und keiner mehr Angst vorm Sterben haben muss, verlieren die mächtigen Zottas ihr letztes Druckmittel gegenüber den Armen und Aussteigern.

"Walkaway" bleibt bis zum Schluss spannend und lehrreich. Cory Doctorow ist es gelungen, eine mögliche Zukunft zu entwickeln, die neben Entwürfen wie denen in William Gibsons "Neuromancer" oder Neal Stephensons "Snow Crash" gleichberechtigt bestehen kann.

Cory Doctorow: Walkaway 
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Heyne, München 2018
736 Seiten, 16,99 Euro

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