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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.03.2020

Coronavirus in NRWViele kleine Unternehmen fürchten um ihre Existenz

Von Vivien Leue

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Sechs Taxen stehen der Reihe nach in einem U um eine Verkehrsinsel. (Getty Images / Vladimir Rys)
Taxen - aber keine Fahrgäste: Taxifahrer in Düsseldorf stehen momentan oft herum. Die finanziellen Einbußen sind gewaltig. (Getty Images / Vladimir Rys)

Nordrhein-Westfalen ist vom Coronavirus am stärksten betroffen - auch wirtschaftlich. Viele Kleinunternehmer kämpfen bereits gegen die Pleite. Die Bundesregierung hat nun unbegrenzte Kredite zugesagt. Doch wann kommen die? Und wer hält bis dahin durch?

In Düsseldorf–Lohhausen im Norden der Stadt, nur wenige Minuten vom Flughafen und der Messe entfernt, steht der Landgasthof Im Kühlen Grund. Das Restaurant und die angeschlossene Pension gibt es schon seit gut hundert Jahren – so lange, wie das Haus steht.

Elke Jährling betreibt den Landgasthof gemeinsam mit dem Besitzer, der Betrieb ist ihr Leben. "Das ist total neu renoviert, wir haben extra hier eine Pantry-Küche drin, das Badezimmer wird gerade neu gemacht."

Alle Gäste haben storniert

Die 59-Jährige steht in einem hellen, großen Hotelzimmer: zwei Betten, eine Ausziehcouch, weiß gefliestes Bad. "Und es ist leider … viel, viel Geld ausgegeben - und wir wissen noch nicht weiter."

Denn die Gäste, die in den kommenden Wochen hier hätten übernachten sollen – sie haben alle storniert. Das Haus ist leer, dabei wäre der März ein Monat mit besonders vielen Messen gewesen.

"Wir wissen nicht, wie’s weiter geht."

Ähnlich dramatisch die Lage im Hotel Haus am Zoo, 20 Minuten entfernt, nahe der Düsseldorfer Innenstadt. "Die aktuelle Situation ist sehr kritisch", sagt Otto Leyh, der das Hotel zusammen mit seiner Frau seit fast 40 Jahren führt. Die Situation sei "massiv gefährdend fürs Unternehmen".

Mindestens 70 Prozent der Buchungen seien storniert worden. "Ich habe den Golfkrieg miterlebt, ich habe die Ölkrise miterlebt, ich habe einiges miterlebt", so Leyh. Aber etwas so Gravierendes habe er noch nicht erlebt - vor allem nicht so plötzlich.

Seine Frau sei quasi permanent am Telefon: mit dem Steuerberater, dem Arbeitsamt; dazwischen Diskussionen mit Gästen darüber, ob Stornogebühren wirklich bezahlt werden müssten. Die Gäste wehrten sich massiv, was ein großes Problem sei. "Wenn wir die Stornokosten schon mal bekommen würden für die laufenden Reservierungen, dann wäre uns schon wohler, dann könnten wir schon ein bisschen leichter agieren. Aber das ist eben nicht der Fall."

Stattdessen hat Otto Leyh jetzt ein Gespräch mit seiner Bank vereinbart.

"Ich gehe mal davon aus, da werde ich einen Überbrückungskredit beantragen, damit es in den nächsten Monaten weitergeht."

Gravierende Probleme durch abgesagte Messen

In ganz Nordrhein-Westfalen sind die Auswirkungen des sich ausbreitenden Coronavirus in der Wirtschaft spürbar. Für viele Kleinunternehmer und Selbständige ist die Lage schon jetzt existenzbedrohend.

Norbert Koßmann fährt seit über 30 Jahren Taxi – ihm gehört sein Auto, er ist selbständig. "Ich bin seit heute Morgen um halb acht dran, jetzt haben wir fünf Uhr … fünf Fahrten!" Normalerweise seien es doppelt so viele.

Lange könne er das nicht durchhalten. Seine Kosten – Versicherungen, Gebühren für die Taxi-Zentrale – laufen ja weiter. "Wenn das diesen Monat so bleiben sollte, wie es ja aussieht, dann wird’s schwierig. Dann muss man an die Reserven." Aber auch die könnten ihn nicht über mehrere Monate tragen. Seine Angst wächst: "Das ist nicht normal, das ist wirklich kein Spaß mehr."

So geht es in Düsseldorf aktuell vielen Taxi-Unternehmern, sagt der Chef der Düsseldorfer Taxi-Genossenschaft und Vizechef des Taxiverbands NRW, Dennis Klusmeier. Die Umsatzeinbußen in Berlin, so habe er gehört, lägen bei 40 Prozent, in NRW bei 60 bis 70 Prozent.

"Wir haben Kollegen, die haben gestern um 17 Uhr noch keine einzige Fahrt gemacht. Und das ist schlecht, dramatisch." Er erwarte in den kommenden Monaten zahlreiche Insolvenzen in seinem Gewerbe. "Gerade für Düsseldorf. Wenn hier keine Messen stattfinden und die Leute nur Homeoffice machen, dann ist natürlich nur die Düsseldorfer Bevölkerung da, und dann wird’s eng." Denn die Anzahl an Taxen sei ausgelegt auf den Wirtschaftsstandort und den Messestandort Düsseldorf.

Die fehlenden Messen haben wohl bisher die gravierendsten Auswirkungen. Messebauer, IT-Unternehmen, Dienstleister, Caterer, Hotels und Gastronomen – sie alle leben von den üblicherweise zahlreichen internationalen Besuchern in der Stadt.

So auch Bäcker Peter Lück. Er backt noch selbst und hat nur eine Filiale, und die läuft – eigentlich - prima. "Sonst haben wir sehr viele Lieferkunden, zum Beispiel die Hotels. Ohne Ende, da haben wir eine Riesenliste."

Nicht vorbereitet auf das Virus

Lück zeigt auf einen Din-A4-Zettel mit gut 20 aufgelisteten Hotels. Hinter vielen steht – nichts. "Das war es heute, das sind alles Hotels. Und das ist … fünf und drei, die kriegen normalerweise 50 und 30." Fünf Brötchen statt 50, drei Brote statt 30. "Ich hatte jetzt Messefirmen, die sollten vom 15. bis 19. ungefähr 800 belegte Brötchen kriegen, und Ende des Monats hatte ich eine Firma, Umsatzvolumen 4.000 Euro. Das findet nicht statt."

Der Bäcker zuckt mit den Schultern. Ob ihm Kurzarbeitergeld oder ein Überbrückungskredit über die nächsten Monate helfen könnten? "Das ist, glaube ich, in meiner Größe uninteressant. Ich wüsste auch gar nicht, wie man da rankommt. Da müsste ich, wenn überhaupt, mal mit dem Steuerberater reden."

Das Virus kam für viele Unternehmer zu schnell. Kaum einer hat es wirklich kommen sehen. Vorbereitet war niemand.

Auch Elke Jährling nicht vom Landgasthof Im Kühlen Grund. "Wenn das jetzt so weitergeht und wir kriegen dann auch eine Ausgangssperre, dann können wir wirklich sagen, dann ist es ganz vorbei", sagt die 59-Jährige und tritt auf die Terrasse. "Wir hoffen jetzt auf schnelles gutes Wetter."

Dann kommen vielleicht doch wieder ein paar mehr Gäste ins Restaurant. Noch will Jährling die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Traditionsbetrieb es über diese schwere Zeit schafft.

"Das wäre sehr, sehr schade, wenn dieser Betrieb zugemacht wird. Das wäre ein Stück Geschichte von Lohhausen, das sterben würde."

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