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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 21.03.2020

CoronavirusDas widerstandslose Aufgeben der Freiheit ist gefährlich

Von Vladimir Balzer

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Wegen des Coronovirus verwaister Hackescher Markt mit leeren Restauranttischen und geschlossenen Sonnenschirmen am hellen Tag in Berlin-Mitte am 18.03.2020  (imago images / POP-EYE / ChristianxBehringx)
Jeden Tag, an dem Freiheitsrechte eingeschränkt sind, als Verlust wahrnehmen - das ist für Vladimir Balzer ein Teil des nötigen demokratischen Widerstands. (imago images / POP-EYE / ChristianxBehringx)

Die deutsche Politik hat zu spät auf das Coronavirus reagiert. Jetzt muss die ganze Gesellschaft lahmgelegt werden. Angesichts dieser weitreichenden Einschränkungen brauche es demokratischen Widerstandsgeist, mahnt der Journalist Vladimir Balzer.

Dieses Deutschland ist kaum wiederzuerkennen. Alles ist ausgesetzt, was unser Leben lebenswert macht: Freunde treffen, Kultur genießen, sich in seinem Beruf verwirklichen, neue Länder kennen lernen, frei sein.

Warum nehmen wir das einfach so hin? Noch bevor die Frage gestellt ist, kommt aus hunderttausenden Kehlen die Antwort: Die Virologen sagen, dass es sein muss. Wir müssen unsere Freiheit aufgeben. Wir müssen uns fügen. Ja, natürlich, muss die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Ja, dafür muss einiges mobilisiert werden.

Bürger bereit für höchstes Opfer: die Freiheit

Doch vielleicht wäre es bei rechtzeitiger Reaktion der Politik vermeidbar gewesen, eine ganze Gesellschaft lahm zu legen.

Coronavirus-NewsletterUnd wir Bürgerinnen und Bürger nehmen einfach alles hin. Wir sind offenbar bereit, jeden erdenklichen Preis zu zahlen.

Man könnte jetzt einwenden: Ist doch nur ein paar Wochen. Ja, mag sein. Aber genau dieses Durchspielen einer geschlossenen Gesellschaft ist gefährlich. Allein die Möglichkeit, dass wir dieses freie, offene Land ohne Diskussionen und spürbare Widerstände einfach so lahmlegen, dass wir Grundrechte außer Kraft setzen, dass wir Menschen denunzieren, die es wagen, eine Runde im Park zu drehen, dass wir eine Zwangsgemeinschaft aufbauen - allein diese Möglichkeit, ist ein Spiel mit dem Feuer.

Eingeschränkte Freiheitsrechte als Verlust wahrnehmen 

Wir zeigen damit, dass es geht: Demokratie und Freiheit abschaffen. War das nicht das Jahr in dem wir die Deutsche Einheit feiern? 30 Jahre Friedliche Revolution? Schon vergessen?

Natürlich gibt es auch in dieser Krise Hoffnung. Irgendwann sind wir durch. Aber was kommt dann? Vor welcher Gesellschaft werden wir dann stehen? Was haben wir dann? Stunde null? Wie nach einem Krieg?

Die Kulturszene könnte jedenfalls bis dahin gerodet sein und die meisten Freiberufler verarmt. Hunderttausende kleine Unternehmer, die die Lebendigkeit unserer Wirtschaft ausmachen, könnten aufgegeben haben. Staatliche Hilfsprogramme werden nicht ausreichen, können es gar nicht.

Was es jetzt noch dringender als finanzielle Hilfe braucht, ist ein demokratischer Widerstandsgeist. Auch wenn wir vor einer geschlossenen Gesellschaft stehen: sich nicht auf Dauer damit abfinden. Jeden Tag, an dem Freiheitsrechte eingeschränkt sind, als Verlust wahrnehmen.

Und, wenn dieser Alptraum vorbei ist, darauf bestehen, dass Deutschland noch freier und noch liberaler wird. Darauf bestehen, dass wir dieses Land hier eines Tages wiedererkennen.

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