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Studio 9 | Beitrag vom 24.06.2020

Coronaquarantäne in Berlin-NeuköllnStillstand im Wohnblock

Von Claudia van Laak

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Der unter Quarantäne gestellte Wohnblock im nördlichen Berlin-Neukölln (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)
Wenn die Zeit einfach stehen bleibt: Im Harzer Kiez in Berlin-Neukölln steht eine ganze Mietergemeinschaft unter Quarantäne. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)

Sie fühlen sich stigmatisiert: Bewohner eines Mietshauses in Berlin-Neukölln, das wegen eines Coronaausbruchs komplett unter Quarantäne gestellt wurde. Nur ein einziger Bewohner darf raus - unsere Reporterin hat mit ihm gesprochen.

Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal. Vier- und fünfstöckige, sanierte Mietshäuser in pastellblau, -beige, -grau. Von einem Balkon weht eine Deutschlandfahne, in einem Fenster liegt ein Kissen.

Doch etwas fehlt an diesem sonnigen Juninachmittag: der Lärm vom benachbarten Spielplatz. Tischtennisplatte, Klettergerüst, Bänke – alles leer, niemand zu sehen.

Ein Blick auf die Eingangstüren liefert die Erklärung. Dort steht auf einem Zettel: "Alle Haushalte in diesem Haus stehen vollständig bis zum 26.6. unter Quarantäne."

"Nicoletta, wie geht´s Dir? Alles gut, noch drei Tage und wir gehen raus."

Michael Leistner – so möchte er im Radio genannt werden – darf als einziger von etwa 300 Bewohnerinnen und Bewohnern raus und spazierengehen. Mit seiner Diabetes und den Herzproblemen gehört er zur Risikogruppe, sein Arzt hat ihm 10.000 Schritte am Tag verordnet.

Infektionsrisiko beim Test im Hausflur

In den letzten zehn Tagen der Quarantäne hat sich vieles bei ihm angestaut – jetzt bricht es unter dem blauen Einmalmundschutz hervor:

"Wie das Gesundheitsamt hier eine Maßnahme ergreift, hier bei uns, um unsere Gesundheit zu schützen, aber eigentlich unsere Gesundheit aufs Spiel setzt, das ist das Skandalöse."

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Der Mann in der dunkelblauen Trainingsjacke redet sich in Rage, rudert mit den Armen. Ab und zu hält er kurz inne, greift in die rechte Tasche seiner Jeans, holt eine Flasche Desinfektionsmittel heraus, sprüht damit seine Hände ein.

Mit den Testungen fing es an, sagt Leistner und deutet mit der Hand in Richtung Eingangstür: "Im Treppenhaus hat das Gesundheitsamt die Abstriche gemacht, statt geschützt im Innenhof."

"Wenn Sie Viren, Bakterien im Mund haben, dann verbreiten die sich an dieser Stelle im Raum, im ganzen Treppenhaus. Und das Schockierende ist: Zwischen den einzelnen Testungen fand keine Desinfektion statt."

Ein Paketbote kommt in schnellem Schritt angelaufen, in der linken Hand einen graubraunen Karton. Der Bote trägt weder Mundschutz noch Handschuhe, vermutlich weiß er noch nicht einmal, dass er in diesem Moment ein Corona-Haus betritt. Der Versuch, ihn zu informieren, scheitert. "Ich habe keine Zeit, Entschuldigung."

Sozial schwach? Von wegen!

Michael Leistner schüttelt den Kopf. Dass der Lieferservice überhaupt das Haus betreten kann, dieser Fehler reiht sich für ihn ein in eine ganze Kette von Pannen: die Quarantäne zu spät verhängt, die Hausverwaltung nicht informiert, die Bewohnerinnen und Bewohner nicht mit Desinfektionsmitteln und Mundschutz versorgt.

"Das erwarte ich. Das ist ihr Job. Die haben Epidemiologen, sorry, wenn ich das mit Maske nicht gut ausspreche, die haben sich auf diese Sache vorbereitet."

Etwa die Hälfte der Hausgemeinschaft seien Roma, schätzt Michael Leistner und winkt den Kindern an der Tischtennisplatte zu. Das Miteinander sei gut – umso mehr ärgert er sich über Neuköllner Kommunalpolitiker und Boulevardjournalisten, die die Adresse des Hauses veröffentlicht und wieder einmal Klischees über die Roma verbreitet hätten.

"Und dass es angeblich sozial Schwache sind. Die sind nicht sozial schwach, die sind sozial stark. Ich bin dort quasi sozial geborgen und darf mir jetzt von Politikern anhören, dass ich bildungsfern sei und sozial schwach und in beengten Verhältnissen einer Mietskaserne lebe. Finde ich ziemlich frech", ärgert sich Leistner.

Nicht alles lief optimal

Lange Flure, graues Linoleum, graue Wände. Es riecht nach Verwaltung. Hier im Rathaus Neukölln hinter der schwarz gestrichenen Tür mit der Nummer 210 sitzt Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat von Berlin-Neukölln. Eckige Metallbrille, scharfer Scheitel, blütenweißes Hemd. Der CDU-Mann kennt die Kritik und gibt zu: Hier ist nicht alles optimal gelaufen.

Martin Hikel (SPD), Bezirksbürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln, unterhält sich zu Beginn einer Pressekonferenz im Rathaus Neukölln mit Bezirksstadtrat Falko Liecke (l), Bezirksstadtrat. Beide tragen einen Mundschutz.  (dpa / Wolfgang Kumm)Bezirkstadtrat Falko Liecke von der CDU zusammen mit Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD). Liecke gibt zu: Hier ist nicht alles optimal gelaufen. (dpa / Wolfgang Kumm)

"Das will ich gar nicht schönreden. Wir sind auf das große Ausbruchsgeschehen in dieser Form nicht wirklich vorbereitet gewesen, wir mussten sehr schnell entscheiden."

94 Infektionsfälle habe es im Harzer Kiez gegeben, darunter viele Schulkinder, die Ursache bis heute unklar, womöglich ein Gottesdienst. Wir wissen es nicht, sagt der CDU-Mann, die Betroffenen reden nicht mit uns, vielleicht schämen sie sich.

"Die Option wäre gewesen, acht, neun Schulen zu schließen, davon sind wir abgekommen, das wäre nicht verhältnismäßig gewesen, deswegen haben wir doch zu der sehr harten Maßnahme gegriffen. Wir quarantänisieren dort, wo das Ausbruchsgeschehen am intensivsten war."

Was für Michael Leistner in der Harzer Straße ein Skandal ist, nennt Neuköllns Gesundheitsstadtrat Liecke "Optimierungspotenzial".

Am Freitag ist die Quarantäne zu Ende.

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