Seit 20:03 Uhr Konzert
Donnerstag, 17.06.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.04.2020

CoronapandemieRaus aus dem Panikmodus!

Ein Kommentar von Jagoda Marinić

Eine junge Frau mit einer schwarzen Gesichtsmaske, auf der die berühmte  Rolling Stones Zunge aufgedruckt ist. 13. März 2020, Brüssel, Belgien. (imago / Daina Le Lardic)
Permanent im Alarmzustand zu sein, hilft in der Coronakrise nicht weiter. (imago / Daina Le Lardic)

Ständig die neuesten Infiziertenzahlen auf dem Smartphone checken. Keine Sondersendung zu Corona versäumen. So kommen wir nicht durch die Krise, sagt Jagoda Marinić. Wir sollten besser akzeptieren, dass die Katastrophe für eine Weile Normalität sein wird.

Das Schicksal der Anderen betrifft uns, nicht nur aus Empathie, sondern weil es uns auch treffen könnte. Wenn wir ehrlich sind, ist die fehlende Empathie für globale Ereignisse ein Grund dafür, wie sich dieses Virus ausbreiten konnte.

Obwohl wir zahlreiche Geschäftsbeziehungen zu China pflegen, geradezu abhängig sind, wie man derzeit an vielen Versorgungslücken sieht: Wir haben uns alle benommen, als ginge uns Wuhan und das Coronavirus nichts an. Als ginge uns die Quarantäne von 11 Millionen Menschen nichts an. Selbst Italien war uns nicht nah genug. Wenn wir eines aus dieser Krise lernen müssen: Wir sind nicht nur Individuen und Weltregionen im Dauerwettbewerb gegeneinander. Nein, die Menschheit gibt es noch - und sie ist durchaus noch dazu verdammt, gemeinsame existenzielle Erfahrungen zu machen. Die meisten dachten, das kommt erst mit der Klimakrise, doch es kam schon jetzt.

Ein Alarm jagt den nächsten

Nach der ersten Alarmwelle, die uns allen Quarantäne verordnete, rollt nun die nächste Alarmwelle an: Was machen wir mit den Kollateralschäden der Quarantäne? Im selben Panikmodus, wie wir in die Ausgangsbeschränkungen gerieten, sollen wir nun wieder aus der Quarantäne herausfinden, nach dem Motto: Wenn die Ausgangsperre bestehen bleibt, sterben Menschen an Depressionen, Gewalt oder ihre wirtschaftliche Existenz wird ruiniert.

Ich kann bei all diesem Alarm nicht aufhören, mir die Amygdala in unser aller Gehirnen vorzustellen. Die Amygdala ist ein mandelförmiger Bereich im menschlichen Gehirn, der Emotionen verarbeitet und speichert. Eine Art Schmerzgedächtnis, besonders wichtig auch bei Traumata. Im Moment muss in diesem Bereich die Hölle los sein. Individuell und kollektiv. Deshalb halten viele sich an der Sachlichkeit der Virologen so fest. Man sollte jedoch noch weitergehen.

Die Experten sprechen davon, dass die Pandemie nicht mehr einzudämmen sein wird. Die Menschheit wird diese Katastrophe durchlaufen müssen. Sie wird dem aktuellen Stand nach in mehreren Phasen kommen. Es ist nicht einfach, aber wir müssen die Katastrophenlage für eine Weile als Normalität ansehen. Auch um nicht wahnsinnig zu werden. Normalität heißt, dass wir raus müssen aus dem Dauerbrennpunkt. Man kann nicht jede Nachricht mit den vierzehn neuen Infektionen beginnen und weiter die Angst schüren, während andere Themen völlig aus dem Blick geraten.

Auch in der Coronakrise bleiben andere Themen wichtig

Wer es in Zeiten der Corona-Krise wagt, auf Rassismus hinzuweisen, hört schnell: Es gibt gerade Wichtigeres! Das Virus macht ohnehin keine Unterschiede. Doch die von Menschen definierten Systeme machen diese Unterschiede weiterhin. Feminismus? Was soll das, in diesen Zeiten auf solche Kleinigkeiten zu achten? In diesen Zeiten? Die wenigen Studien, die es zu Epidemien wie SARS, Ebola oder dem Zika Virus gibt, zeigen, dass Frauen die Leidtragenden solcher Epidemien sind. Die Care-Arbeit wird während der Krisenzeit, insbesondere jedoch danach, in weiten Teilen von Frauen geleistet. Es wäre wichtig, jetzt so früh wie möglich, die Effekte einer Pandemie zu erforschen, um die Nachteile für Frauen, Minderheiten und soziale Schwächere abzupuffern.

In den Hauptnachrichten dürften andere Themen und Meldungen nicht heruntergekürzt werden auf wenige Minuten, wenn es im Anschluss ohnehin Sondersendungen zur Pandemie gibt. Wir müssen die Debatten am Laufen halten, um gut zu überleben und nicht in Angstquarantäne zu enden. Es mag widersprüchlich klingen, so früh von einer Normalisierung des Extremzustands zu sprechen. Doch je schneller wir uns anpassen, desto mehr werden wir diese Zeit nicht nur im Schatten des Virus erleben. Es braucht, gerade auch in Krisenzeiten, kritischen Diskurs, konträre Positionen und demokratische Vitalität.

Porträt der Publizistin und Schriftstellerin Jagoda Marinic (Dorothee Piroelle)Die Publizistin und Schriftstellerin Jagoda Marinic (Dorothee Piroelle)Jagoda Marinić studierte Germanistik, Politische Wissenschaft und Anglistik in Heidelberg und arbeitet heute als Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Kolumnistin Heidelberg. Ihre Kolumnen erscheinen in der Süddeutschen Zeitung, taz und in der Internationalen New York Times. Auf ihr preisgekröntes Debüt "Eigentlich ein Heiratsantrag" folgte 2005 der Erzählband "Russische Bücher", ausgezeichnet mit dem Grimmelshausen-Förderpreis. Es folgten u.a. "Restaurant Dalmatia" (HoCa), "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?" (HoCa) und zuletzt "Sheroes – neue Heldinnen braucht das Land" (S. Fischer)
Mehr zum Thema

Existenzangst - Vor Corona sind eben doch nicht alle gleich
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 02.04.2020)

Entschleunigung durch Corona - Warum die neue Langsamkeit nicht entspannt
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 01.04.2020)

Corona und Journalismus - Absolute Transparenz und eine gemeinsame Fehlerkultur(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, Der Tag mit Jagoda Marinić, 31.03.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

CoronapandemieImpfstoffpatente müssen ausgesetzt werden
Illustration einer Spritze die die Welt in Form eines Coronavirus impft. (imago / Marcus Butt)

Während die Corona-Bedrohung in reichen Ländern abnimmt, bleibt der Impfstoff weltweit knapp. Nur eine Aussetzung der Patente kann die Impfstoffproduktion weltweit ausweiten und so die Pandemie stoppen, meint Elisabeth Massute von Ärzte ohne Grenzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur