Seit 18:05 Uhr Feature
Samstag, 06.03.2021
 
Seit 18:05 Uhr Feature

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 10.02.2021

CoronapandemieGefährliche Flucht in die Sucht

Ein Kommentar von Ursula Ott

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mitarbeiter schiebt in einem Supermarkt in Berlin-Schöneberg in der Getränkeabteilung kurz vor Beginn des für Silvester geltenden Verkaufsverbots von alkoholischen Getränken vor einem Hinweisschild einen Wagen.  (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)
Zu Silvester wurde der Alkoholverkauf reglementiert. Sonst wird zurzeit viel getrunken. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)

Der Lockdown lässt den Alkoholkonsum in Deutschland steigen. Suchtprobleme nehmen zu, befürchtet die "chrismon"-Chefredakteurin Ursula Ott. Sie warnt vor den Folgen für Erwachsene, aber auch für Kinder.

Am Anfang haben wir uns lustig gemacht. Lange nach Corona – diesen Witz schickten wir uns vom Homeoffice ins Homeoffice – nach Corona wird dieses Land von Kindern regiert, die von Wein trinkenden Müttern zu Hause unterrichtet wurden. Haha. Da dachten wir noch: Ist doch ganz lustig, ein paar Wochen zu Hause Party machen.

Man traf sich täglich im Weinladen, der trotz aller Kontaktsperren freundlicherweise noch offen bleiben durfte. Und wenn man am nächsten Morgen eine Fahne hatte, konnte das in der Zoom-Sitzung ja zum Glück keiner riechen.

Nicht nur Alkoholkonsum steigt in Zeiten der Pandemie

Jetzt, ein Jahr später, kriegen wir nicht mehr so oft diese lustigen Bilder aufs Handy. Alle sind erschöpft. Corona will gar nicht mehr weggehen. Der Humor ist einer allgemeinen Genervtheit gewichen. Aber das mit dem Alkohol- und Drogenkonsum, das ist so geblieben.

Es wird viel getrunken. Es wird vor allem bei jungen Leuten viel mehr gekifft. Es steigt der Konsum von Ecstasy und Kokain. Beim Alkohol weiß man es genau, dazu gibt es Studien: Jeder dritte Deutsche trinkt mehr seit Corona. Bei den anderen Drogen muss man sich nur umhören bei Ärzten und Therapeutinnen in den Suchtkliniken.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Aber wer macht das schon: sich umhören in einer Suchtklinik. Klar, die haben es schwer. Manche wurden sogar dichtgemacht und zur Corona Intensivstation. Es fehlen Plätze, es fehlen Gruppen-Angebote, und wenn die Ärztin im Ganzkörper-Umhang und mit Mundschutz arbeiten muss, kann sie ihrem Klienten nicht ins Gesicht schauen, kein Vertrauen aufbauen. Alles lästig, aber das kennt man ja inzwischen. Ist doch in der Schule und der Kita und der Kirche genauso.

Die Gefahr der Gewöhnung

Nein, es ist anders. Schlimmer. Weil die wenigen Streetworker und Alkohol-Selbsthilfegruppen, die im Moment überhaupt arbeiten können, keine Lobby haben und mit lachhaft wenig Geld ausgestattet sind. Sie arbeiten wie David gegen Goliath. Jeder koksende Rapper auf Youtube ist ein gehypter, cooler Typ. Mit Alkohol, Zigaretten, aber auch mit Cannabis werden Milliarden verdient. Es ist ein ungleicher Kampf.

Damit haben wir Normalverbraucher ja nichts zu tun? So einfach ist es nicht. Hier wir Genusstrinker, dort die Schmuddelkinder – das haut nicht hin. Jede Droge gibt uns was – ob das Glas Wein, der Joint oder das Aufputschmittel. Tröstet bei Corona-Frust. Nimmt uns die Angst vor Pandemiezahlen und Pleite. Produziert bunte Bilder und schräge Töne im Kopf.

Die meisten Drogen sind erst dann gefährlich, wenn sie als Lösung für Probleme herhalten sollen. Ein Glas Wein nach einem nervigen Tag voller Zoom-Konferenzen, das geht schon klar. Und in der Studenten-WG ohne Partys und Festivals hilft der Joint abends schon mal gegen Langeweile. Aber wenn uns nur noch der Wein und der Joint einfallen als Glücksbringer, wird es spätestens nach Corona richtig gefährlich.

Suchtgefährdete Jugendliche brauchen schnelle Hilfe

Zwei Dinge sind jetzt wirklich wichtig. Erstens: Wir sollten uns selber beobachten – sonst sieht uns ja im Moment keiner. Also uns kritisch prüfen, ob wir zu viel Alkohol konsumieren, zumal vor unseren Kindern.

Zweitens: Die Politik muss sich anstrengen, um das Schlimmste zu verhindern. Es braucht Schulpsychologen und Sozialarbeiterinnen. Es braucht Geld und Personal für Kinderschutzzentren. Und für die Psychiatrien, bei denen jetzt schon mehr Jugendliche mit riskantem Konsum auftauchen – und mit Selbstmordgedanken.

Wirklich blöde wäre, wenn wir uns nach Corona gegenseitig Sprüche schicken müssten, die dann so heißen: Das Land wird jetzt von Kindern regiert, deren Väter schon um zehn Uhr morgens betrunken waren und denen um 12 Uhr die Hand ausgerutscht ist. Das wäre natürlich gar nicht lustig. Und das sollten wir verhindern.

    (Lena Uphoff) (Lena Uphoff)Ursula Ott, Jahrgang 1963, ist Chefredakteurin von "chrismon". Sie studierte Politik und Journalistik in München und Paris, besuchte die Deutsche Journalistenschule und arbeitete bei der "Frankfurter Rundschau", "Emma", "Die Woche" und "Brigitte". Sie hat zwei erwachsene Söhne.

Mehr zum Thema

Warnke, Wübbenstiftung - "Der Lernort Schule fehlt und alles bricht quasi zusammen"
(Deutschlandfunk, Interview, 02.02.2021)

Jugendliche in der Coronakrise - Eine ausgebremste Generation
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 01.02.2021)

Neurowissenschaft - Lässt die Corona-Isolation unser Hirn schrumpfen?
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 30.01.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

Überholtes SelbstbildMännlichkeit ist politisch geworden
Eine sich nach hinten lehnende, antike männliche Statue vor blauem Hintergrund. (Pexels / Saph Photography)

Soldatische Männer in Kampfmontur sorgen in den letzten Jahren immer wieder für ikonische Bilder. Das ist jedoch kein Zeichen von Stärke, meint die Autorin Susanne Kaiser, sondern ein Indikator dafür, dass die Männlichkeit selbst zur Verhandlung steht.Mehr

Generationenkonflikte? Veraltet!Peinlich war gestern
Eine Illustration zeigt drei Generationen rühren an einem stilisierten Küchentisch, die gemeinsam einen Pudding umrühren. (imago images / Ikon Images / Alice Mollon)

68er-Bewegung und Hippie-Kultur - der lustvoll ausgelebte Generationskonflikt im letzten Jahrhundert stiftete Identität und markierte Fortschritt. Das hat sich geändert, meint Journalistin Heike-Melba Fendel. Heute sucht man Lösungen im Miteinander.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur