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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.04.2020

CoronakriseKleine Läden in Bedrängnis

Von Natalie Putsche

Ladenbesitzerin in einem kleinen Bekleidungsgeschäft in Leipzig (Natalie Putsche / Deutschlandradio)
Nähen und entwerfen statt verkaufen: Die Coronakrise ist insbesondere für kleine Läden existenzgefährdend. (Natalie Putsche / Deutschlandradio)

Katharina fertigt Kleidung. Die Leipzigerin versucht, ihren kleinen Laden unbeschadet durch die Coronakrise zu manövrieren. Doch der Onlineverkauf jenseits von Massenware ist aufwendig, der Laden fast zu klein für Abstandsvorschriften. Was also tun?

"Ich hab nur gedacht: Ich kann nicht normal öffnen, weil: Der Laden ist so klein. Ich kann das nicht garantieren mit zwei Meter Abstand. Wenn, dann müsste das auch heißen: einzeln eintreten. Aber dann brauch ich ja auch so viel Zeit für einen Kunden. Dann würde ich mit meinem Pensum nicht hinterher kommen. Deswegen hab ich gedacht, heute bin ich von zwölf bis 16 Uhr da, für Abholungen. Und ich glaube, den Rest der Woche werde ich das so beibehalten, dass noch nicht normal geöffnet ist. Und ich müsste auch noch Vorkehrungen treffen mit einer Plexiglasscheibe an der Kasse. Das sind Dinge, dafür hatte ich noch keinen Nerv. Und wenn ich jetzt hier Abholtermine habe, dann ist die Nähmaschine dabei, ich nutze jede Gelegenheit, zwischendrin was fertig zu machen."

Zwei Wochen vorher: Auch da besuche ich Katharina, in ihrem bereits geschlossen Laden.

"Tut mir leid. Das Telefon klingelt leider ständig. – Hallo. Ja, können Sie mir das Datum sagen, bis wann das fertig sein muss? Weil: Jetzt nähe ich grad die ganze Zeit Mundschutz. Ja, wenn Sie alte kochfeste Baumwolle rumliegen haben, nehme ich die gerne. Vielen Dank, Tschüß! – Da freu ich mich natürlich immer, über alte Bettlaken."

Der Onlineverkauf ist zeitaufwendig

Katharina hat in Leipzig das kleine Modelabel ka:put: Seit fünf Jahren fertigt sie liebliche Streetwear an, wie sie es selber beschreibt, und hat dabei kein zweites Standbein. Ihr Onlineshop diente bisher mehr der Präsentation. Der Verkauf findet vor allem im Laden statt, wo Katharina stets gut gelaunt ihre handgefertigten Sachen raus gibt.

"Weil das Konzept eher aus Einzelstücken besteht. Und für einen Onlineshop braucht man eigentlich Massenware. Also, wenn ich jetzt ein Produkt fotografiere, wäre es sinnvoll, ich hätte noch fünf davon. Das wird aber jetzt meine Aufgabe werden."

Katharina steht am Bügelbrett. Um sie herum große Stoffberge, bunt vor allem und alle möglichen Muster. Rundherum mehrere Haufen fertige Stoffmasken.

"Ist das hier auch ein altes Bettlaken?" – "Nein. Das ist eigentlich Stoff, woraus ich schöne Taschen nähen wollte. Aber die sind grad nicht so notwendig, wie ein Mundschutz. Bei einem Telefonat mit meinem Vater haben wir so rumgescherzt: Was könnte ich jetzt nähen? Mundschutz wäre praktisch, da wird es bestimmt Knappheit geben bald. Dann hab ich es wieder verworfen, weil: Es muss ja alles zertifiziert und geprüft sein. Man kann ja nicht einfach irgendwas auf den Markt schmeißen."

Stoffmasken statt Kleider und Taschen

Dann aber doch. Die Designerin bietet sie unverfänglich als Stoffmasken an. Auf beigefügten Handzetteln weist sie ausdrücklich darauf hin, dass die Masken kein Medizinprodukt sind, nicht zertifiziert, nicht geprüft, können aber das Infektionsrisiko zumindest abmildern. Und: Die handgefertigten Stücke haben eine eingenähte Lasche, in die zusätzlich ein Filter einlegt werden kann. Für diejenigen, die ihre Maske medizinisch benutzbar machen wollen.

"Das heißt, die Masken, die fotografierst du und bietest die im Onlineshop an?"

"Es ändert sich ja jeden Tag. Letzte Woche hab ich sie noch nicht im Onlineshop gehabt. Jetzt kommen aber Anfragen, und ich merke, ich schaff das nicht, jede einzeln zu beantworten. Welche Farbe? Wo soll ich es hinschicken? Und wir reden hier von sechs Euro. Das ist wahnsinnig viel Aufwand. Und deswegen hab ich geschaut: Okay, von welchem Stoff hab ich viel da? Der Stoff reicht für zehn Masken, da mache ich ein Foto, stelle die online, und die Leute können dann kaufen."

Rund 50 Stoffmasken pro Tag hat sie in den vergangenen zweieinhalb Wochen genäht.

"Ich bin wahnsinnig müde. Ich bin wahnsinnig überarbeitet. Ich hab seitdem keinen Tag frei. Ich steh früh auf, sitze an der Nähmaschine bis abends das Licht ausgeht. Dann nehme ich die abends wieder mit nach Hause, dass ich da weiterarbeiten kann. Edward mit den Scherenhänden! Wo bist du? Bewirb dich bei mir!"

Modische Stoffmasken (Deutschlandradio / Natalie Putsche)Modische Stoffmasken verkaufen sich gerade gut. Kleidung und Rucksäcke sind dagegen wenig gefragt. (Deutschlandradio / Natalie Putsche)

Auch Katharina sitzt, wie die meisten Kleinunternehmer, vor den Formularen für eine Soforthilfe. In dem Fall die der SAB, der sächsischen Aufbaubank.

"Ich habe es dann nicht abgeschickt, weil ich so dachte: Jetzt gerade verdiene ich ja noch Geld. Ja, klar, ich weiß nicht, was in drei Monaten los ist. Ich sehe, es wirkt sich auf das Kaufverhalten aus. Meine Artikel, die ich sonst habe" und die sie jetzt auch intensiver im Onlineshop und über Instagram anbietet, "Rucksäcke, Klamotten, das verkauft sich gerade sehr schlecht. Weil die Leute, glaub ich, dafür jetzt nicht den Sinn haben. Und deswegen: Ja, ich müsste es beantragen! Auf der anderen Seite: Ich bin jetzt in den 14 Tagen noch nicht Pleite gegangen."

Soforthilfe beantragen oder nicht?

"Wieso zögerst du, das Geld auch anzunehmen, wenn du dich in so einer unsicheren Position befindest?"

"Weil meine ganze Selbständigkeit hat darauf aufgebaut, keine Schulden zu machen. Und was ich so überflogen habe, musste man schon angeben, dass man 50 Prozent Einbußen hat. Ich konnte das nicht mit ruhigem Gewissen machen. Ich hab jetzt noch nicht diese Riesen-Einbußen. Und natürlich, auf der anderen Seite: Wenn ich mir jetzt gerade meinen Stundenlohn hier ausrechne, dann hab ich extreme Einbußen. Weil ich wahrscheinlich in 14 Tagen das an Stunden geleistet habe, was ich sonst in eineinhalb Monaten mache. Schwierig! – Oh, jetzt werden noch zwei Masken abgeholt. – Hallo. So, einmal Zebra und einmal Blümchen."

"Und hast du noch ein Zebra über?"

"Die Zebras waren sofort raus. Aber ich mach grad noch ganz viele andere lustige Sachen. Warte mal, ich gebe dir noch einen kleinen Hinweiszettel mit, wie du die zu behandeln hast."

"Hau ich jetzt auch erstmal direkt in die Wäsche rein?"

"Ja, bitte. Du kannst die aber auch in den Kochtopf tun und auskochen."

Der Kunde, der kurz in den Laden durfte, weil er um die Ecke wohnt und nur zum Abholen gekommen ist, erzählt mir, dass ihn die witzigen Fotos gelockt haben.

"Tatsächlich bin ich über Instagram drauf aufmerksam geworden und fand die pinke Maske mit dem Zebra ganz toll."

Er legt ihr 20 Euro auf das Bügelbrett.

"Oh, ich danke dir! Dann hast du die nächste schon gut."

Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit

Knapp zwei Wochen später schickt mir Katharina per Whatsapp Sprachnachrichten, um mich über ihre Situation auf dem Laufenden zu halten.

"Hallo, mir geht es soweit ganz gut. Hab mir jetzt auch zu Hause einen guten Arbeitsplatz eingerichtet. Und ich hab teilweise auf dem Balkon genäht, kann unzählige Hörbücher durchhören. Ja, ich such mir meine positiven Aspekte daran."

Arbeiten würde sie nach wie vor bis zum Umfallen, schlafen eher kaum. Mit einer möglichen Soforthilfe, habe sie sich inzwischen noch einmal näher auseinander gesetzt.

"Ich hab meinen Steuerberater angerufen, und er konnte mir den Antrag besser erklären. Gerade dieses Wort ‚Liquiditätsengpass‘, mit dem ich nicht so viel anfangen konnte. Er hat mir erklärt, dass es wirklich ausschließlich dafür gedacht ist: Ladenmiete, Ladenstrom, Telefon, alles was mit dem Geschäft zu tun hat. Dass meine private Miete, mein Gehalt damit nicht abgedeckt wird. Und dann hab ich mich dagegen entschieden, weil: Es werden auf jeden Fall Kontrollen kommen. Das ist ja kein Geld, wo sich hinterher niemand mehr drum kümmert. Ich will auch auf gar keinen Fall Geld beantragen, was ich nicht brauche."

Die Maskenpflicht kommt

Sie habe ihre Kosten bisher soweit decken können, indem sie eben so schnell reagiert habe und aktiv geworden sei.

"Ich hab mir noch nicht die Mühe gemacht, auszurechnen, ob ich jetzt irgendwie ein Minus gemacht hab. Ich weiß auch gar nicht, ob ich Lust dazu habe, das zu machen. Wenn jetzt der Riesen-Einbruch noch kommen sollte, kann ich immer noch bis Ende Mai Geld beantragen. Ich werde weiterhin Masken nähen, weil ich denke, es ist was, was ins Standardsortiment für die nächsten Monate gehört."

Gute Entscheidung! Einen Tag, nachdem Katharina sich gemeldet hat, führt Sachsen als erstes Bundesland die Alltagsmaskenpflicht ein. Und heute, am Montag, wo sie ihren Laden eigentlich wieder öffnen dürfte, wird sie stattdessen noch mal hinter der Nähmaschine verschwinden, um weiter Stoffmasken einzutüten. Die Nachfrage bleibt riesig.

"Die hab ich schon frankiert, die muss ich gleich abschicken. Ab in die Tasche und auf geht es zur Post."

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