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Länderreport | Beitrag vom 25.11.2020

Coronakrise im Dreiländereck um ZittauZum zweiten Mal ist alles zu

Von Michael Frantzen

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Blick auf das Zittauer Rathaus (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Die Gewerbesteuer ist eingebrochen, für das Stadt-Budget von Zittau gilt weiter eine Haushaltssperre. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Die Corona-Infektionszahlen in Zittau sind hoch. Die Sorgen sind bei vielen groß, dem städtischen Haushalt fehlen Einnahmen. Dennoch gibt es auch Optimismus. Das Kunstbauer-Kino hat sein Programm für Dezember schon online gestellt.

Und ewig grüßt das Murmeltier, im Zittauer Gebirge, dem hintersten Winkel Sachsens: Es ist Montagvormittag und Knut Poppken ganz in seinem Element. Großes Reinemachen: staubsaugen, desinfizieren. Das gehört sich so, bevor die Gäste in sein uriges Restaurant, die "Kammbaude", kommen.

Im Sommer, beim letzten Besuch, kurz nach dem ersten Shutdown, war der Wirt noch ziemlich optimistisch. Jetzt ist er nur noch konsterniert. In zwei Tagen muss er schließen. Shutdown. "Ich hätt es nicht gedacht, dass es so extrem reinschlägt, jetzt noch mal hier. Und wie es jetzt weitergeht, über den Winter, das muss man dann mal sehen."

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Poppken hat sich ans Fenster gesetzt. Draußen schlägt das Herbstlaub auf der verwaisten Terrasse Purzelbäume, doch der Gastwirt hat dafür keinen Blick. Er verzieht das Gesicht. Juli, August, September waren Bomben-Monate, sein Haus rappelvoll. Bis der Oktober kam und sich herausstellte, dass der Spuk doch nicht vorbei war, der Corona-Spuk. Stammgäste Buchungen für Feierlichkeiten stornierten.

"Dass das weniger ist, beziehungsweise ganz und gar Absagen sind. Diese ganz großen Feiern, was jetzt so 70, 80, 90 Leute sind, dort gehen die Leute auf Sicherheit und die sagen das vorher ab."

Konstatiert der Mann mit dem kleinen Wohlstandsbauch, ehe er sich einen Ruck gibt. Schließlich hat er ja noch Glück im Unglück, im Sommer hat er 9000 Euro Soforthilfe vom Freistaat Sachsen bekommen. Und im November: traditionell Betriebsferien. "Ich bleib hier. Das ist am besten, am sichersten."

Hohe Infektionszahlen in Zittau

Auf Nummer sicher geht auch, einmal quer durch die bizarre Felslandschaft von Deutschlands kleinstem Mittelgebirge, Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker. Im Rathaus gilt Maskenpflicht. Der 45-jährige nickt. Selbstverständlich. Schließlich haben sich in letzter Zeit in seiner 30.000-Einwohner-Stadt pro Kopf so viele Leute mit dem Coronavirus angesteckt wie kaum sonst in Deutschland. Vorherzusehen war das nicht.

Ende Juni waren die Infektionszahlen mit die niedrigsten der Republik; hatte Zenker mit seinem Amtskollegen aus der tschechischen Nachbargemeinde Hradek bei böhmischen Bier noch darauf angestoßen, dass die Grenzen wieder offen waren, alles in Lot zu sein schien.

"Was jetzt im Sommer passiert ist: Es gab eine große Erleichterung bei vielen Menschen, da schließe ich mich nicht aus. Aber wenn man jetzt sieht, was für Zahlen passieren. Und wenn man sieht, dass andere Länder uns bitten, doch bitte Intensivpatienten aufzunehmen: Dann frage ich mich schon sehr, wie man diese Dinge einfach nicht mehr ernst nehmen kann."

"Man" – das sind die Corona-Leugner. Zenker hat mit ihnen mehr zu tun, als ihm lieb ist. "Permanent. Ganz aktuell: Heute ist Markttag. Der Markt in Zittau ist zu zwei Dritteln eine Fußgängerzone. Wenn man über die Grenzwerte springt, die also eine Risikoregion kennzeichnen, dann ist in Fußgängerzonen die Maskenpflicht gültig. Und der Kollege von der Öffentlichkeitsarbeit darf sich jetzt in Social Media und in sonstiger Stelle mit den vielen duellieren, die das infrage stellen."

Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker.  (Deutschlandradio / Michael Frantzen)Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker. In seiner 30.000-Einwohner-Stadt haben sich pro Kopf so viele Leute mit dem Coronavirus angesteckt wie kaum sonst in Deutschland. (Deutschlandradio / Michael Frantzen)

Die Nerven liegen blank im Dreiländereck, dem deutsch-tschechisch-polnischen. Einige Zittauer würden am liebsten die Grenzen wieder dicht machen, wegen der höheren Infektionszahlen in Tschechien und Polen. Der OB schüttelt den Kopf: Kommt gar nicht in Frage. Allein schon wegen der 60 tschechischen Mitarbeiter, die täglich ins Klinikum Zittau pendeln, darunter Oberärzte und Ärztinnen. Er hat so schon genug Stress. Die Gewerbesteuer: eingebrochen, für das Stadt-Budget gilt weiter eine Haushaltssperre. Die Prognose für 2021: düster.

"Völlig egal, ob Kommune, Bund und Land oder auch Privatpersonen oder Privatwirtschaft: Es ist eine Krisensituation. Und ich kann nicht erwarten, dass ich zu hundert Prozent abgefedert werde in all den Dingen. Sodass es noch eine erhebliche Auseinandersetzung sein wird in dem Thema Fairness und Gerechtigkeit: Wer hat denn jetzt welche Unterstützung bekommen?"

Kein Kinogenuss im November

"Guten Abend. Herzlich Willkommen im Kunstbauer-Kino Großhennersdorf. Heute zu: 'Kiss me kosher', einer deutschen Komödie." Eine Komödie statt einer Tragödie, kurz vor dem Shutdown 2.0: Filmvorführer Thomas Fuchs lächelt gequält. Wenn das kein Timing ist. Bald gehen die Lichter im Alternativ-Kino aus. Gibt es: "Null Filme. In null Tagen. Null Filme in null Tagen."

Seinen Humor hat der Mann mit den langen, grauen Haaren nicht verloren. Seinen Galgen-Humor. Natürlich ärgert sich der 52-Jährige, dass sie trotz funktionierendem Hygiene-Konzept zumachen müssen. Andererseits sind die Infektionszahlen nun mal so hoch, dass das soziale Leben heruntergefahren werden müsse. Findet der Ehrenamtliche, der, wie schon im Sommer, weiter das "Unplanbare plant".

"Wir haben das große Glück, dass wir alle nicht davon finanziell abhängig sind. Dass wir davon nicht leben müssen. Die Kinos, die davon leben müssen: Da geht es wirklich ans Eingemachte."

Publikums-Festival mit Maske und Abstand

Glücksfall Kunstbauer-Kino: Wenn man so will, gilt das auch für das hauseigene "Neiße-Film-Festival". Ende September lief eine Reihe deutscher, tschechischer und polnischer Filme: In abgespeckter Form zwar, dafür aber live und nicht online. "Ich war da sehr skeptisch, wie das abgehen konnte. Also ein Publikums-Festival quasi mit beschränktem Publikum. Mit Masken. Aber: Es ging. Gab auch sehr viel positives Feedback gerade von den Filmemachern."

Fuchs schaut auf die Uhr. Es wird Zeit. Morgen muss er wieder früh raus. Bislang ist seine Anlagebau-Firma halbwegs glimpflich durch die Coronakrise gekommen. Hauptsache die Grenzen bleiben offen, seine tschechischen und polnischen Angestellten gesund.

"Es gibt keine Ausfälle von unseren tschechischen und polnischen Kollegen. Weil: Die wissen, was auf dem Spiel steht. Die sagen: Ich komme hierher auf Arbeit, ich gehe nach Hause, ich gehe vielleicht noch irgendwo einkaufen, aber ansonsten entziehe ich mich dem gesellschaftlichen Leben."

Fuchs steht auf, ehe er sich noch einmal umdreht. Vor ein paar Tagen haben sie das Kinoprogramm für Dezember online gestellt. Man weiß ja nie. "Kopf in den Sand stecken: Das bringt nix. Die Band muss bis zum Schluss spielen."

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