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Interview | Beitrag vom 13.07.2020

Coronakrise"Der Kreuzfahrtindustrie steht das Wasser bis zum Hals"

Wolfgang Meyer-Hentrich im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Person mit Atemschutzmaske geht an dem Kreuzfahrtschiff, welches am Dock liegt, vorbei. (Getty Images / David Hecker)
Das Kreuzfahrtschiff 'Mein Schiff 3' der TUI stand im Mai 2020 in Cuxhaven unter Quarantäne. (Getty Images / David Hecker)

Als schwimmende Virusschleudern haben Kreuzfahrtschiffe in der Coronakrise von sich reden gemacht. Jetzt sollen sie wieder auslaufen dürfen. Für den Autor Wolfgang Meyer-Hentrich hat sich das Konzept Massenkreuzfahrt gleichwohl erledigt.

Als Kreuzfahrtschiffe noch klein und überschaubar waren, ist Wolfgang Meyer-Hentrich gern mitgefahren. Doch dann wurden aus den Schiffen schwimmende Dörfer - und bald vielleich sogar schwimmende Kleinstädte? "In Wismar wird gerade ein Schiff für den chinesischen Markt gebaut, das kann bis zu 10.000 Passagiere aufnehmen plus 2000 Menschen Besatzung", berichtet der Autor, der inzwischen zum scharfen Kritiker von Kreuzfahrten geworden ist.

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Der dort herrschende Gigantismus gebe inzwischen selbst den Verantwortlichen der Branche zu denken, sagt der Autor des Buches "Wahnsinn Kreuzfahrt". "Und ob diese Konzeption der Massenkreuzfahrt auf Dauer Bestand hat, das ist nach Corona und mit Corona sehr fraglich." Derzeit stehe der Kreuzfahrtindustrie jedenfalls das Wasser bis zum Hals. "Die größte Kreuzfahrtgesellschaft der Welt, Carnival Cruises, verbrennt jeden Monat ungefähr eine Milliarde Dollar, das frisst die Reserven auf." Die Branche könne im Moment nicht ohne Kredite leben, die auf dem Finanzmarkt aufgenommen würden.

Profite wie in keiner anderen Branche

Befördert worden sei die Entwicklung hin zu immer größeren Schiffen schlicht durch Geldgier. "Die Profite der Unternehmen waren bis zur Coronakrise gigantisch", sagt Meyer-Hentrich. So mache ein einzelnes, größeres Schiff der Aida-Flotte im Jahr einen Umatz von rund 400 Millionen Euro. "Das sind Profite, die sind sonst in der gewerblichen Industrie völlig ungewöhnlich und nicht vorstellbar."

Auf dem Meer herrsche das "Discounter-Prinzip", so der Autor weiter. Leidtragende seien die Beschäftigten auf den Kreuzfahrtschiffen, die ziemlich schlecht bezahlt würden. "Man kann auch von Ausbeutung sprechen." Außerdem litten auch die öffentlichen Kassen - weil die Schiffe alle unter Billigflaggen unterwegs seien und so nirgendwo regulär Steuern zahlten.

Nicht zuletzt leidet auch die Umwelt. Denn die Masse der Schiffe fahre nach wie vor mit Schweröl und verfüge über ein "ausgeklügeltes Treibstoffmanagement", das sich den unterschiedlichen Regeln in den jeweiligen Ländern anpasse: "Sodass die Treibstoffingenieure sich immer überlegen, was sie gerade an Treibstoff nehmen oder welche Mischungen sie gerade nehmen."

Die Emissionen von Kreuzfahrt- und Containerschiffen belasteten nicht nur die Küsten, betont Meyer-Hentrich. Auch wer in Stuttgart oder Leipzig wohne, solle nicht glauben, dass er von den Schiffsabgasen nichts mitbekomme. "Die Europäische Union geht davon aus, dass Schiffsabgase für den Tod von 50.000 – 60.000 Menschen in Europa verantwortlich sind."

(uko)

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