Tonart 26.03.2020

Corona-Zwangspause Finanzielle Hilfe für Musiker im WartestandRainer Pöllmann im Gespräch mit Andrea Gerk

Beitrag hören Ein Mann liegt, umringt von Instrumenten, mit seiner E-Gitarre auf dem Rücken auf einem Teppich. (Getty Images / Maskot)Auftritte abgesagt, stattdessen im Übungsraum. Für viele Musiker heißt die Coronakrise auch, dass sie kein Einkommen haben. (Getty Images / Maskot)

Ein Großteil des Musiklebens hierzulande wird von der "Freien Szene" realisiert. Auch Ensembles von Weltrang sind oft eine Ansammlung von Soloselbständigen - und aktuell ohne Einkommen. Wo bekommen sie Hilfe? Wie können Unterstützer helfen?

Andrea Gerk: Theater- und Opernhäuser sind geschlossen, auch Konzertsäle. Davon sind alle Musiker und Musikerinnen betroffen, besonders aber die, die zur "Freien Szene" gehören. Und die stemmen nun mal einen Großteil des Musiklebens, ob das die Alte oder die Neue Musik ist, Ensembles für Vokalmusik, Instrumentalensembles, Kammerorchester, alles Ensembles von Weltrang. Sie bestehen fast alle aus Freiberuflern und Soloselbstständigen, die im Moment ja überhaupt nichts verdienen, also null Einkommen haben.

Um sie zu unterstützen, gibt es mittlerweile hunderte von Aufrufen, Petitionen und konkrete Aktionen. Wir wollen heute ein bisschen Orientierungshilfe leisten, und dafür ist Rainer Pöllmann zu mir gekommen. Er ist Musikredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. Es gibt ja schon einiges an staatlichen und halbstaatlichen Maßnahmen. Was wird da angeboten, um diese Künstler erst mal zu schützen?

Rainer Pöllmann: Also zu dem großen Maßnahmenpaket, das der Bundestag gestern erst beschlossen hat, gehören natürlich auch Hilfen für Soloselbstständige: Man macht sich das nicht so ganz klar: Diese vielen Ensembles, diese Kammerorchester, die alle so seit vielen Jahren spielen und nach außen eigentlich sehr etabliert und institutionalisiert wirken, sind in Wirklichkeit auf der juristischen Ebene eine Ansammlung von Einzelfreiberuflern. Für die ist dieses Maßnahmenpaket schon auch gedacht. Es wird vieles auffangen, denke ich. 

Allerdings läuft es jetzt erst an, und man muss mal sehen, wie sehr dann da Fallstricke auch im Detail liegen. Aber das deckt, glaube ich, schon mal viel ab. Zu dieser Bundesförderung gibt es dann natürlich auch noch Einzelförderungen, Einzelhilfsmaßnahmen, ich glaube, jedes einzelnen Bundeslandes, auch von Kommunen und Regionen. Von staatlichen Stellen wird da wirklich viel getan.

Dann haben sich natürlich die Lobbyverbände auch sehr stark engagiert, nicht zuletzt mit einer Forderung nach einem Grundeinkommen, das aber so erst mal nicht kommt. Die Deutsche Jazzunion hat das gefordert, auch der Deutsche Tonkünstlerverband oder der Deutsche Kulturrat.

Dann gibt es auch ganz konkrete Hilfe von, wenn man so will, Lobbyorganisationen oder Ständevertretungen. Also die GEMA hat einen Hilfsfonds ausgerufen, allerdings für Urheber, also für ihre eigene Klientel – wogegen nichts zu sagen ist, aber was den Kreis natürlich begrenzt. Die GVL, die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten, hat auch für ihre Mitglieder einmalig 250 Euro. Die würde die ausschütten, aber dazu muss man dann auch noch umfangreiche Anträge stellen.

Also da frage ich mich, ob das wirklich was bringt, aber da gibt es natürlich viele. Auch die Deutsche Orchestervereinigung wird einmalig 500 Euro an freiberufliche Musiker und Musikerinnen ausschütten, und zwar nicht nur an die eigenen Mitglieder – das ist, finde ich, ein Zeichen dafür, dass festangestellte Orchestermusiker, die da im Wesentlichen in der DOV organisiert sind, auch an ihre freiberuflichen Kollegen und Kolleginnen denken.

Kulante Stiftungen 

Gerk: Jetzt sind ja auch Stiftungen und Fonds ganz wichtig im Musikleben. Hat man da auch schon irgendwas gehört?

Pöllmann: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil man so sehr unterschätzt, wie viel auch von spektakulären Projekten, über die wir uns als Besucher und Besucherinnen freuen, projektfinanziert sind. Die also von Stiftungen finanziert sind und keineswegs aus dem normalen Haushalt finanziert werden. Und solche Stiftungen haben normalerweise ein sehr, sehr strenges Reglement, was die Verwendung von Geldern angeht, was die Fristen angeht, bis wann ein bestimmtes Projekt gestartet oder abgeschlossen sein muss.

Diese sehr strengen Regeln zur Mittelverwendung werden jetzt, wenn der Eindruck nicht täuscht, von vielen dieser Stiftungen doch eher kulant behandelt. Auch von einem weitgehenden Verzicht auf Rückforderung von Förderungen ist die Rede. Da muss man dann im Einzelnen mal sehen, wie sich das tatsächlich realisiert. Die Siemens-Musikstiftung, einer der größten Förderer im Bereich der zeitgenössischen Musik, hat ihre Preisverleihung des Siemens-Musikpreises an Tabea Zimmermann in München im Frühsommer abgesagt, aber eigentlich müssten auch die ganze Förderstruktur oder die ganzen Einzelfördermaßnahmen, die hinter diesem großen Preis stecken, komplett umgestrickt werden.

Gerk: Das waren ja jetzt die großen Institutionen. Wie ist denn das, was kann ich denn jetzt als Musikfreundin machen und als Privatmensch, um Musiker zu unterstützen?

Pöllmann: Zwei Bereiche würden mir einfallen. Das eine ist tatsächlich die Spende. Da hat zum Beispiel die Deutsche Orchesterstiftung, also nicht der Deutsche Orchesterverband, sondern die fast gleichnamige Stiftung, einen bundesweiten Spendenaufruf für freischaffende Musiker und Musikerinnen gestartet, ausdrücklich für die freischaffenden Musiker und Musikerinnen, und das ist nämlich enorm wichtig zu betonen: Die Musiker in großen Orchestern haben ihre Festanstellungen, die sind weitgehend geschützt, aber diese ganzen freischaffenden Musiker und Musikerinnen nicht. Auch die Zeitschrift "Crescendo" hat einen Spendenaufruf gestartet, und es gibt noch sicher ein paar weitere auch, die unspezifisch zu Spenden aufrufen. Also man kann das schon guten Gewissens machen, und die verteilen diese Spenden dann.

Bindung zwischen Publikum und Musikern

Gerk: Und das ist dann in einem Topf, und dann gibt es ja oft das Gerangel, wer kriegt jetzt was – wie wird es da aussehen?

Pöllmann: Da geht es in der Musik natürlich nicht anders zu als im Spendenwesen insgesamt. Da gibt es auch bei großen Spenden von karitativen Organisationen immer dieses Spannungsverhältnis: Einerseits das Spendenziel und die Spendenempfänger möglichst allgemein und umfassend zu halten und andernteils aber eine ganz konkrete und damit zwangsläufig auch kleinteilige Unterstützung zu gewährleisten. Genauso ist das natürlich bei Spenden an die Musik auch. Es gibt die großen Sammeltöpfe, Deutsche Orchesterstiftung zum Beispiel. 

Und es gibt natürlich die Direktförderung per Spende. Jetzt kann jeder an seinen, an ihre Künstler und Künstlerinnen natürlich eine Überweisung tätigen. Das ist dann wirklich eine ganz private Entscheidung, aber es gibt auch noch ein paar andere Möglichkeiten: "Support your local artist" zum Beispiel ist ein Spendenaufruf der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft. Und dieses "local artist", das halte ich für ein ganz entscheidendes Kriterium.

Gerade bei dieser Ensemblestruktur, bei den freischaffenden Musikern und Musikerinnen gibt es eine ganz starke Bindung zwischen dem Publikum und den Musikern und Musikerinnen, über Jahrzehnte gewachsen. Viele, die wirklich in jedes Konzert gehen, die alle diese Musiker und Musikerinnen persönlich kennen und die jetzt natürlich dann umso leichter auch für diese Musiker und Musikerinnen auch spenden und nicht in einen ganz allgemeinen Spendentopf einzahlen wollen. Ähnliche Aktionen gibt es in Leipzig, und ich finde wirklich, dass das auch ein gutes Zeichen gegen kulturpessimistische Schwarzmaler ist, dass jetzt alles den Bach runtergeht, wie eng diese Bindungen sind und dass die durchaus schon in diesen Zeiten auch halten.

Dann gibt es noch eine ganz spezielle Art von Förderung: der Verzicht auf Rückzahlung von schon gekauften Tickets. "Ich will kein Geld zurück" heißt da zum Beispiel eine Aktion von FREO, der Organisation von freien Ensembles und Orchestern, gemeinsam mit dem Deutschen Musikrat, also bereits bezahlte Tickets sozusagen als Spende zu verstehen und manchmal tatsächlich auch absetzen zu können.

Es gibt auch noch ein paar andere vergleichbare Aktionen dieser Art, Aktion "Ticket behalten" zum Beispiel von der Folkszene. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das so pauschal tatsächlich eine gute Idee ist, weil es elementar drauf ankommt, welches Ticket man an wen nicht zurückgibt. Wenn ich jetzt ein 150-Euro-Ticket für ein Riesen-Mega-Konzert bei einem Megakonzern und einem Riesenveranstalter nicht zurückgebe, dann, glaube ich, haben die Künstler nichts davon. Und wenn, dann bräuchten sie es nicht, weil sie ohnehin genug verdienen auf anderem Wege.

Wenn das ein kleiner Konzertveranstalter ist oder gar ein von Musikern selbst veranstaltetes Konzert, dann kommt es denen natürlich ganz unmittelbar zugute. Also diese Abwägung, diese Recherche, glaube ich, muss man treffen, ansonsten ist das natürlich eine schöne Aktion. Der Komponist Gordon Kampe hat das vor ein paar Tagen im Radio gesagt, dass er sein Honorar für eine Kolumne für Hamsterkäufe nutzt, nämlich für Tickets zu hamstern. Wenn man weiß, welche Tickets man hamstern soll, ist das eine Superidee.

Gerk: Also auf jeden Fall ist das dann eine gute Investition in die Zukunft, in der es ja dann wieder Livemusik geben wird.

Die Deutsche Orchester-Vereinigung verlinkt auf ihrer Webpräsenz unter anderem zu den Programmen der Länder. Sie aktualisiert die Linksammlung nach eigenen Angaben fortlaufend.

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