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Interview | Beitrag vom 19.10.2020

Corona und NovemberbluesWie man gut durch die dunkle Jahreszeit kommt

Julia Scharnhorst im Gespräch mit Dieter Kassel

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Regentropfen an einem Fenster - im Hintergrund sind Bäume und Büsche zu sehen. (imago images / Wilhelm Mierendorf)
Die dunkle Jahreszeit macht vielen Menschen zu schaffen - für Betroffene ist es wichtig, aktiv dagegen an zu gehen. (imago images / Wilhelm Mierendorf)

Herbst und Winter sind nicht jedermanns Sache. Die Dunkelheit schlägt auf die Stimmung, und dieses Jahr kommt auch noch Corona hinzu. Die Psychotherapeutin Julia Scharnhorst hat praktische Tipps für alle, die unter der Jahreszeit und den Einschnitten leiden.

Dieter Kassel: Ich bin ja einer von denen, die den Herbst wirklich leben, es war immer meine Lieblingsjahreszeit. Für viele andere ist das aber die Jahreszeit, in der sie sich nicht so richtig wohlfühlen, in der sie ein bisschen Trübsal blasen. Und dieses Mal kommt dann auch noch ausgerechnet zu dieser Jahreszeit die wieder zunehmende Bedrohung durch die Coronapandemie hinzu. Wie man mit dieser unseligen Kombination zurechtkommt, fragen wir Julia Scharnhorst. Die Psychotherapeutin ist die Leiterin des Fachbereichs Gesundheitspsychologie im Verband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Haben auch Sie ein bisschen Angst vor den kommenden Wochen und Monaten?

Scharnhorst: Die habe ich nicht so sehr wegen des Herbstes, sondern tatsächlich wegen dem, was die Coronakrise uns noch abverlangen wird, da ist sicherlich im Moment niemand besonders fröhlich.

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Kassel: Aber ist es denn wirklich so, dass die psychische Belastung im Herbst und Winter größer ist als im Sommer und Frühling?

Scharnhorst: Ja, es gibt so etwas, was wir die saisonale Depression nennen. Das hat damit zu tun, dass wir im Herbst, im Winter weniger Tageslicht abbekommen, und das Tageslicht wiederum beeinflusst unseren Hormonhaushalt. Wenn der dadurch ein bisschen ins Schwanken, ins Trudeln kommt, kann uns das auf die Stimmung schlagen, obwohl die meisten Menschen nur sehr milde Formen davon haben, das hat sicherlich keinen Krankheitswert bei den allermeisten Menschen. Man muss aufpassen, dass man sich das nicht selber einredet.

Die Welt ist nicht nur böse und gemein

Kassel: Aber auf der anderen Seite ist es natürlich schon so, dass wir jetzt Corona-bedingt den Herbst auch noch mal anders erleben werden als sonst, man muss noch mehr drinnen bleiben, nicht nur wegen des schlechten Wetters. Verstärkt das nicht dieses Gefühl, dass das alles im Moment ein bisschen viel ist?

Scharnhorst: Ja, da gehe ich von aus, dass sich das bei vielen Leuten noch mal summiert, das kann man sich auch nicht schönreden, dass wirklich viele Menschen auch sehr darunter leiden. Trotz alledem können wir natürlich aktiv werden, und das ist auch aus psychologischer Sicht ganz hilfreich, jetzt nicht einfach nur in der Ecke zu sitzen und die Welt böse und gemein zu finden, sondern wirklich zu gucken, was kann ich jetzt tun.

Ich kann natürlich trotzdem rausgehen, auch wenn ich nicht abends feiern gehen darf. Ich kann mittags einen Spaziergang machen, da komm ich raus und dann tue ich auch gleich etwas für meinen Hormonhaushalt, weil ich da nämlich genügend Tageslicht tanke. Man muss jetzt für die nächsten Monate ein bisschen über eine Strategie nachdenken, was möchte man tun, damit man dieses allgemeine Tief ein bisschen ausgleichen kann und wirklich aktiv dagegen angeht.

Die Kirche im Dorf lassen

Kassel: Aber was raten Sie Leuten, die sagen, ich mache das und hab es bisher auch ganz gut geschafft. Aber nach so vielen Monaten die Vorstellung, dass es mit Corona jetzt wieder schlimmer wird und wir noch mehr Maßnahmen ergreifen müssen: Mir wird das zu lang, ich halte das wirklich langsam nicht mehr aus.

Scharnhorst: Da muss man vielleicht auch mal ein bisschen die Kirche im Dorf lassen, es sind ja nun keine im engeren Sinne schmerzhaften Einschnitte. Sich ein Stück Stoff vor Mund und Nase zu tun, ist natürlich nicht angenehm, aber es ist auch nicht wirklich was ganz Schlimmes, da kann ich mir ganz viel schlimmere Dinge vorstellen.

Natürlich ist es nicht nett, sein gewohntes Freizeitverhalten umzustellen, aber auch da müssen wir jetzt versuchen, kreativ zu werden, dann vielleicht häufiger anzurufen. Was ich auch sehr empfehlen kann, ist, auch Videoanrufe zu machen, dass man sich nicht nur auf Chatnachrichten beschränkt, sondern wirklich persönlicheren Kontakt hat, indem man den Menschen hört und am besten auch sieht.

Das ist etwas anderes, als wenn man immer nur hin und her textet. Wir können schon etwas dafür tun, auch diese Gefühle von "Ich bin ganz allein, ich darf nichts mehr" ein bisschen in den Griff zu bekommen, indem wir einfach aktiv Alternativstrategien suchen – was geht dann doch noch, was geht vielleicht auch an neuen Dingen, die ich lange nicht mehr gemacht habe, vielleicht wieder ein Hobby, mal das dicke Buch anpacken, was da schon länger rumliegt und mich anguckt. Wie gesagt, bloß nicht sich zu sehr einreden, dass alles ganz furchtbar ist und in Selbstmitleid versinken, das macht es sicherlich überhaupt nicht besser.

Kaffee mit den Kollegen virtuell trinken

Kassel: Sie haben die Einsamkeit schon angesprochen. Nun ist es so, dass viele Menschen ja im Moment auch von zu Hause aus arbeiten, entweder teilweise, viele auch ganz. Das hat viele Vorteile, aber es hat natürlich den Nachteil, dass man auch diese Kontakte am Arbeitsplatz nicht mehr hat – die Teeküche ist bei mir zu Hause immer relativ leer, muss ich zugeben. Sie beraten ja Arbeitgeber: Was können Sie denen im Moment raten, wie kann man die Leute vor Einsamkeit und vor so einem sturen, oft unbefriedigenden Vor-sich-hin-arbeiten zu Hause bewahren?

Scharnhorst: Da darf man dann tatsächlich auch mal Dinge organisieren, die Kontakte ermöglichen, dass man sagt, wir können dann ja stattdessen mal ein Kaffeetrinken virtuell machen oder wir können auch mal das Feierabendbier virtuell machen, dass jetzt trotzdem noch Kontakte möglich sind und die nicht nur die Arbeit betreffen, sondern auch das Private.

Ich kenne viele Firmen, die das so machen, die wirklich morgens gemeinsam frühstücken im Team, halt jeder für sich vom Homeoffice aus, und trotzdem dann gemeinsam, um so ein bisschen diese informellen Kontakte aufrechtzuerhalten.

Das ist auch ein Tipp für die Führungskräfte, auch das mit im Auge zu behalten, jetzt nicht nur Arbeit zu verteilen und zu kontrollieren, sondern auch - ganz, ganz wichtig - diesen sozialen Zusammenhalt weiter zu fördern und nicht aus den Augen zu verlieren. Das ist für ganz viele Arbeitnehmer wirklich einer der wichtigsten Punkte, warum sie zur Arbeit gehen, weil sie ihre Kollegen treffen wollen. Und wenn das nicht mehr stattfindet, dann muss man versuchen, dass das möglichst trotzdem noch viel Raum bekommt.

Nicht jeder Chef kann zum Psychotherapeuten werden

Kassel: Goldene Zeiten gerade für die Leute, die immer sagen, an meiner Arbeit ist alles toll, außer die Kollegen. Aber vielleicht merken von denen auch ein paar: Moment, das stimmt so gar nicht. Ein Thema noch, Frau Scharnhorst, ruhig auch im beruflichen Kontext: Was kann man als Chef, als Vorgesetzter tun, wenn man spürt, ich habe da ein paar Leute, die haben wirklich Angst, die werden blockiert, weil die sagen, wenn ich doch einmal im Monat ins Büro kommen soll, ich habe Angst, bei der Gelegenheit stecke ich mich sofort an, ich habe bei jedem Kratzen im Hals das Gefühl, das ist jetzt Covid-19. Wie kann man solchen Leuten helfen?

Scharnhorst: Natürlich kann jetzt nicht der Chef zum Psychotherapeuten werden, wenn da jemand wirklich irgendwelche hypochondrischen Ängste entwickelt. Aber ich finde es schon hilfreich, wenn man versucht, dem so weit wie möglich entgegenzukommen. Man weiß nicht unbedingt, warum diese Leute diese Ängste haben, vielleicht haben sie eine chronische Erkrankung, von der niemand etwas weiß und auch nicht wissen muss.

Dann kann man schon versuchen, diesen Leuten möglichst ihre Arbeitsweise zu ermöglichen, die sie gerne hätten, denn das muss man auch sagen, abgesehen von den Ängsten: Viele Leute finden es ja auch ziemlich gut, dass sie nicht so viel Zeit mit Pendeln verbringen müssen, nicht in der vollen S-Bahn sitzen müssen, das entschleunigt ja auch den Alltag.

Das spielt sicherlich auch bei vielen eine Rolle, die dann sagen, lieber nicht unbedingt ins Büro, wenn’s nicht sein muss. Aber wenn es wirklich ausgeprägte Ängste sind, dann sollte man die nicht versuchen wegzudrücken. Sondern man kann schon informieren zum Beispiel: Wie sieht das Hygienekonzept aus am Arbeitsplatz? Was tut man alles dafür, dass die Leute sich nicht anstecken? Und ansonsten niemanden zu etwas zwingen, wenn es irgendwie geht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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