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Fazit | Beitrag vom 15.11.2020

Corona-Spots der BundesregierungLetzter Ausweg: Ironie

Bert Rebhandl im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Ein 22-Jähriger liegt auf der Couch uns schaut fern. (Deutsche Bundesregierung)
Die Helden von heute: Man trifft sie auf Sofas und in Betten an. (Deutsche Bundesregierung)

In Rückblenden erzählt ein Mann im Großvateralter von seinen Heldentaten als junger Mann: Im Coronawinter 2020 habe er einfach gar nichts getan. Mit Videoclips wie diesem will die Bundesregierung junge Erwachsene dazu bewegen, zuhause zu bleiben.

Die Bundesregierung versucht mit Videoclips, junge Menschen davon zu überzeugen, ihre sozialen Kontakte stark einzuschränken, um die Corona-Pandemie einzudämmen. "Es ist der Versuch, eine Generation ins Boot zu holen, bei der ein negatives Ressentiment aufgetaucht ist in den letzten Monaten", sagt der Filmkritiker Bert Rebhandl über die neue Werbekampagne.

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Diese trägt den Titel "Besondere Helden". Kern sind zwei socialmedia-taugliche Videoclips, die sich an die Generation der 20-Jährigen richten. Den Jugendlichen und jungen Erwachsenen hängt seit dem Sommer ein unsoziales Image an, weil sie nicht immer strikt den Corona-Regeln folgten.

Im ersten Videoclip erzählt ein Mann im Großvateralter rückblickend vom harten Corona-Winter 2020 und seiner Heldenaufgabe: dem Nichtstun. In Rückblenden sieht man, wie er als damals 22-Jähriger auf dem Sofa fläzt und angestrengt fernsieht.

"Öffentlich-rechtlicher Anti-Charme"

In einem zweiten Clip sieht man ihn erneut in fortgeschrittenem Alter, dieses Mal mit seiner Lebenspartnerin, und beide erzählen in Rückblenden von den gemeinsamen Strapazen des Nichtstuns – damals im Corona-Winter 2020.

Die Clips spielen also einige Jahrzehnte in der Zukunft. Die aktuelle Krise wird hier bereits historisch eingeordnet als eine Zeit, über die man auch in 50 Jahren noch sprechen wird.

Das sei Teil der Pointe, so Rebhandl. Auch die seltsame Ästhetik der Clips generiert Aufmerksamkeit. Assoziationen mit "Derrick", dem Schauspieler Siegfried Lowitz oder Doktor Dressler aus der "Lindenstraße" würden wachgerufen, wie Rebhandl erklärt: "Das Ganze hat schon, und ich glaube mit Absicht, einen öffentlich-rechtlichen Anti-Charme."

Erinnerungen an Guido Knopp

Dieser sei nötig für das Funktionieren der Pointe, meint der Kritiker: Statt im Luftschutzbunker zu darben und Rübensuppe zu essen, werde von den Jüngeren derzeit eben nur erwartet, auf der faulen Haut zu liegen und Chips zu knabbern. So erinnern ihn die Clips auch ein wenig an die "ZDF History"-Dokus von Guido Knopp: Alternde Zeitzeugen erzählen dort von traumatischen Erfahrungen im Krieg, hier nun eben von den Strapazen des Nichtstuns – untermalt mit einer für Heldenepen typischen Musik.

Die Hoffnung der Macher sei wohl, so Rebhandl, dass die Angesprochenen die Ironie aufnähmen und "mit einem Grinsen" die Erwartungen erfüllten.

(ckr)

Mit dem Internetexperten Sascha Lobo sprachen wir außerdem über die Debatten, die die Spots in den Sozialen Medien ausgelöst haben:

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