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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 02.06.2020

Corona-SkeptikerIst das noch Wissenschaftskritik oder kann das weg?

Eine Polemik von Jasamin Ulfat-Seddiqzai

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Ein Demonstrant mit Maske und Aluminiumschirm steht auf der Straße in Berlin. (laif/ Fritz Engel)
Die Gruppe Demokratischer Widerstand sowie verschiedene andere Gruppen rufen bundesweit zu sogenannten Hygiene Demonstration auf. (laif/ Fritz Engel)

Ist das noch Wissenschaftskritik – oder kann das weg? Sie kennen nicht den Unterschied zwischen Bakterien und Viren. Das hindert Viren-Skeptiker nicht, komplexe Studien auf Twitter zu zerpflücken. Sie fühlen sich dabei wie Wilhelm Tell und sind doch nur der Suppenkaspar, meint Jasamin Ulfat-Seddiqzai.

Gender Studies – mit diesem Begriff kann man selbst ruhige Gemüter zum Kochen bringen. Das Fach, welches kulturelle Geschlechterrollen untersucht, wird immer wieder als Beispiel für aus dem Ruder geratene Geisteswissenschaften herangezogen. Der Begriff "Orchideenfach" ist dabei noch nett: Geisteswissenschaften seien schön, aber nutzlos.

Andere sehen in ihnen Pseudowissenschaften, deren Ziel die Unterwanderung der Politik und letztlich die Umerziehung der gesamten Gesellschaft ist. Selbst kulturinteressierte Menschen fragen sich zuweilen, ob an der Kritik nicht etwas dran ist. Als leuchtendes Gegenbeispiel werden stets die Naturwissenschaften hochgehalten, die aber am Ende doch nur als Feigenblatt missbraucht werden. Fakten und Zahlen akzeptiere man ohne Wenn und Aber, heißt es dann, die Geisteswissenschaften seien mit ihrer Ungenauigkeit aber selbst schuld, dass sie nicht ernst genommen werden.

"Genderwahn"-Kritiker gegen Naturwissenschaften

Als Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf britischer Kolonialgeschichte analysiere ich unter anderem Texte des 19. Jahrhunderts. Darin Rassismen herauszuarbeiten, bedeutet nicht, dass man die Romane auf den Müllhaufen der Geschichte wirft. Unsere Forschung gibt einen Einblick in die Ideengeschichte verschiedener Kulturen und erklärt, woher historisch gewachsene Bilder und Einstellungen tatsächlich kommen könnten. Diese nuancierten Beobachtungen werden in bestimmten Medien gerne als "cancel culture" verschrien, es heißt, wir würden überall Rassismus sehen und wollten alles zensieren.

Solche Kritik gab es an Naturwissenschaften bisher kaum. Schließlich wurden sie nur selten mit politischen Entscheidungen in Verbindung gebracht. Zu Beginn der Coronapandemie betonten Virologen zu Recht, dass sie lediglich faktenbasierte Empfehlungen aussprechen, also sachliche Zahlen liefern für eine sachliche Gesellschaft. Doch das scheint den ansonsten so auf Zahlen und Fakten orientierten "Genderwahn"-Kritikern trotzdem nicht zu reichen. Und so erleben wir, dass Virologen genauso wie ihren geisteswissenschaftlichen Kollegen zuvor die Wissenschaftlichkeit auf einmal abgesprochen wird.

Der Unwillen, Fakten zu akzeptieren

So glauben auf einmal Menschen, die den Unterschied zwischen Viren und Bakterien nicht kennen, komplexe Studien innerhalb weniger Minuten inhaltlich auf Twitter zerpflücken zu können. Diejenigen, die mit einer "Also, DAS könnte ich auch!"-Haltung moderne Kunst kommentieren, haben nun die Hobby-Virologie entdeckt. Es scheint fast, als wäre die Fundamentalkritik an der Geisteswissenschaft im Endeffekt doch immer nur kindische Weigerung gewesen, wissenschaftliche Ergebnisse zu akzeptieren, sobald sie unsere Gewohnheiten berühren.

In den letzten Tagen hat diese Unwilligkeit, Fakten zu akzeptieren, besonders widerliche Blüten getrieben, gipfelte in Morddrohungen gegen den Virologen Christian Drosten und den SPD-Politiker Karl Lauterbach per Post. Diese Form des Hasses war nie Kritik an wissenschaftlichen Methoden.

Während viele sogeannte Viren-Skeptiker sich wahrscheinlich in der revolutionären Tradition eines Wilhelm Tell sehen, ähnelt ihr vehementes "Dagegen" viel eher einer anderen, berühmten literarischen Figur: dem Suppenkaspar*. Mit seiner absoluten Weigerungshaltung – pardon: Obrigkeitskritik – bezahlt der Kasper am Ende den ultimativen Preis. Sein Beispiel zeigt, dass ein Blick in die Literatur durchaus helfen kann, aktuelle Phänomene einzuordnen – auch wenn man dabei zuweilen auf makabre Kinderreime zurückgreifen muss.

Jasamin Ulfat-Seddiqzai posiert für ein Pressebild. (Foto: privat)Jasamin Ulfat-Seddiqzai (Foto: privat)Jasamin Ulfat-Seddiqzai lehrt und forscht an der Universität Duisburg- Essen zu britischer Literatur im 19. Jahrhundert. Ihre Schwerpunkte umfassen dabei Themen wie Orientalismus, Stereotypenbildung und Männlichkeitsbilder, insbesondere im Kontext der Anglo-Afghanischen Kriege, über die sie derzeit ihre Dissertation schreibt. Ihre journalistischen Texte behandeln Xenophobie, Frauen im Islam oder das Kopftuch und erschienen bisher in der "taz" und der "Rheinischen Post".

*In einer vorherigen Version haben wir einen falschen Autoren des "Suppenkasper" genannt.

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