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Kommentar | Beitrag vom 07.10.2020

Corona-Pandemie - neue Beschränkungen in BerlinDiese Stadt lässt sich nicht kontrollieren

Von Sebastian Engelbrecht

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Eine große Menge junger Leute Pfingsten 2020 am Ufer des Berliner Landwehrkanals. Sie sitzen dicht an dicht auf dem Rasen und demonstrieren für Partykultur und Ravekultur. (imago images / Travel-Stock-Image)
Anarchie oder Unvernunft? Am Pfingstwochenende demonstrierten junge Berliner dicht an dicht gedrängt für den Erhalt der Clubkultur. (imago images / Travel-Stock-Image)

Die Berlinerinnen und Berliner müssen sich auf verschärfte Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie einstellen. Die Maßnahmen seien sinnvoll, aber die Partylust wiege in dieser Stadt schwerer als das Kontrollpotenzial, kommentiert Sebastian Engelbrecht.

Da kann der Senat noch so viele Verbote verhängen: Berlin ist nicht nur ein Corona-Hotspot, sondern auch ein Hotspot der Anarchie. Die Stadt lässt sich nicht regieren wie andere. Schon zu Zeiten des Lockdowns, Ende April, waren die Parks voll, die Leute saßen dicht an dicht beieinander.

Ein innerer Widerspruch

Seit hundert Jahren gibt es das so genannte "Groß-Berlin". Die Stadt ist von ihrer Fläche her so groß, dass Partygänger oder Drogenverkäufer immer Platz finden. Sie liefern sich mit der Polizei und den Kontrolleuren vom Ordnungsamt ein Katz-und-Maus-Spiel.

Die Parks sind weit, Straßen gibt es unendlich viele. Es wird dem Ordnungsamt, es wird der Polizei nicht gelingen, das feierwütige Volk zu bändigen. Eine "Sperrstunde" für Berlin? Das klingt ganz und gar nach einem inneren Widerspruch. Das ist unvereinbar mit der Stadt, in der die "Kreuzberger Nächte" besungen wurden.

Es gibt keinen Grund, stolz darauf zu sein. Aber der anarchische Charakter dieser Stadt ist auch das Geheimnis ihres Charmes. Nur weil Berlin so viele freie, schwer kontrollierbare Geister hat, können sich Kultur und Wissenschaft und die digitale Wirtschaft hier so gut entwickeln.

Partylust wiegt schwerer als das Kontrollpotenzial

Die Maßnahmenkataloge des Senats sind gewiss sinnvoll. Aber Partylust und Autonomie wiegen in dieser Stadt schwerer als das Kontrollpotenzial von Polizei und Ordnungsamt. Da müssen schon höhere Mächte kommen, um die Corona-Lage in den Griff zu kriegen: vielleicht der Winter, der die Gemüter melancholisch macht.

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