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Interview | Beitrag vom 27.03.2020

Corona-kranker Berliner Bezirksbürgermeister„Ich spüre schon, dass ein starker Staat notwendig ist"

Stephan von Dassel im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Stephan von Dassel im Halbprofil vor der Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz (imago/Bernd Friedel)
Stephan von Dassel (Grüne) ist Bürgermeister des Bezirks Berlin-Mitte: Zurzeit ist er in Quarantäne - kann also nicht auf den Alexanderplatz. (imago/Bernd Friedel)

Regieren aus der Quarantäne: Stephan von Dassel, Bürgermeister von Berlin-Mitte, hat selbst Corona. Er plädiert in dieser Krisenzeit für einen starken Staat, sieht aber auch Grenzen. Sorgen machen ihm vor allem Familien in beengten Verhältnissen.

Normalerweise sucht Stephan von Dassel gern das Gespräch mit der Bevölkerung von Berlin-Mitte, auch an der Haustür. Doch der Bezirksbürgermeister und Grünen-Politiker hat sich mit dem Coronavirus infiziert und ist in Quarantäne.

"Ich dachte, ich bin eigentlich so gesund, dass ich mir das mal schnell abhole und dann immun bin", sagt er. "Aber Hoffnung kommt wirklich vor dem Fall. Ich habe ganz schön gekämpft."

Problem der Gewalt in Familien

Arbeit hat von Dassel mehr als genug, er sitzt vor seinem Dienstrechner und mehreren Mobiltelefonen. Große Sorgen mache er sich um Familien, die in beengten Verhältnissen leben. Vor allem ein Dilemma beschäftigt ihn: Dass zwar die Zahl der Corona-Opfer geringgehalten werden müsse, aber gleichzeitig nicht die Gewaltvorfälle in den Familien dramatisch steigen dürfen.

"Natürlich haben wir jetzt weniger direkten Kontakt zu Familien, die eigentlich in der Betreuung des Jugendamts sind", erklärt von Dassel. "Wir haben weniger Möglichkeiten, die Kinder zu sehen, weil wir sie in den Kitas und Schulen nicht mehr haben. Da ist natürlich die Sorge, dass man in dieser Stresssituation, in der es sowieso räumlich angespannt ist, und wo es auch in der Familie schon vorher geknirscht hat, dass es dann zu Gewalt kommt, sei es physischer, sei es psychischer Natur. Und dass das auch Schäden hinterlässt, das wissen wir. Wir sind sehr dabei zu überlegen, wie lässt man da vor allem die Kinder nicht allein."

Staatliche Autorität ist notwendig

Die rigiden Maßnahmen der Bundesregierung in der Coronakrise begrüßt von Dassel grundsätzlich: "Ich spüre schon, dass man sieht, dass ein starker Staat notwendig ist und dass auch die staatliche Autorität notwendig ist." Aber es stelle sich die Frage, wie lange das anhalte, wie lange die Politik es schaffe, ihre Versprechen insbesondere an selbstständige Gewerbetreibende zu halten.

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Es gehe auch darum, die Menschen mit ihren Ängsten nicht allein zu lassen: "Deswegen ist das schon eine besondere Bewährungsprobe. Ich glaube, dass man als Staat im Verhältnis zu seinen Bürgern auch da gestärkt herausgehen kann. Aber dann muss natürlich all das, was wir uns vornehmen, auch klappen. Ansonsten, glaube ich, haben wir einen wirklichen Vertrauensverlust, der dann irreparabel wäre."

Der Grünen-Politiker hofft, dass Ausgangssperren nicht notwendig werden. "Man muss rausgehen können", sagt er. "Alles andere, glaube ich, würden die Menschen nicht akzeptieren."

(bth)


Wie ein Jugendamt versucht, unter den Bedingungen der Corona-Pandemie die Arbeit aufrechtzuerhalten, schildert der Jugendamtsleiter von Düren, Ansgar Kieven. Ihm steht derzeit nur ein Drittel seiner Beschäftigten zur Verfügung. "Wir versuchen eine ständige Erreichbarkeit über Telefon", sagt er. Familien zu besuchen, sei eine Abwägungsfrage. Kieven sieht eine große Herausforderung für die Sozialarbeit: "Wir müssen überlegen, dass wir für die Zukunft auf solche Situationen besser vorbereitet sind."

Das vollständige Gespräch hören Sie hier:

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