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Weltzeit | Beitrag vom 23.03.2020

Corona in Taiwan, Singapur und ChinaErfolgreich gegen das Virus

Von Carina Rother, Andre Zantow, Lena Bodewein und Axel Dorloff

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Das öffentliche Leben in Taiwans Hauptstadt Taipeh läuft trotz Corona-Krise weitgehend normal unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen. (Carina Rother)
Das öffentliche Leben in Taiwans Hauptstadt Taipeh läuft trotz Corona-Krise weitgehend normal unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen. (Carina Rother)

Taiwan hat noch keine 200 Corona-Infizierten - trotz engsten Beziehungen zu China. Auch Singapur, Südkorea und Hongkong verhinderten Schlimmeres. In China soll die Produktion wieder anlaufen. Was machen diese Länder anders als wir?

Es ist 16 Uhr – die Kinder der Shi-Dong Grundschule in Taipeh strömen aus dem Gebäude. Auf dem Rücken ihren Ranzen - im Gesicht einen Mundschutz. Die Schulen sind wieder geöffnet, nachdem sie im Februar nach den Winterferien für zweieinhalb Wochen geschlossen blieben, um zu verhindern, dass Urlaubs-Heimkehrer das Corona-Virus in den Schulen verbreiten. Seitdem habe man die Ausbreitung unter Kontrolle, versichert Frau Gao, die gerade ihren Sohn abholt:

"Weil wir so enge Beziehungen zu China haben, hat die Regierung sofort die Verbindungen zu China gekappt. Das ist in Europa und den USA nicht passiert. Oder sie dachten, das würde sie nicht betreffen. Aber Taiwan hat sofort zugemacht, weil sie wussten, dass die Epidemie als erstes zu uns kommt. Das finden wir das Beste an der jetzigen Politik."

Trotz Corona-Krise können Kinder in Taiwans Hauptstadt Taipeh auf die Schielplätze. Auch Schulen und Universitäten sind geöffnet, weil alle Bürger die Schutzmaßnahmen befolgen. (Carina Rother / Deutschlandradio)Trotz Corona-Krise können Kinder in Taiwans Hauptstadt Taipeh auf die Schielplätze. Auch Schulen und Universitäten sind geöffnet, weil alle Bürger die Schutzmaßnahmen befolgen. (Carina Rother / Deutschlandradio)

Schon Mitte Januar, als man in Europa nur nebenbei auf die rasant steigenden Zahlen in Chinas Millionenstadt Wuhan blickte, handelte Taiwans Regierung. Erst Einreisestopp für Menschen aus Wuhan, ab Anfang Februar dann für alle Chinesen. Wer in China war oder am Flughafen umstieg, musste zwei Wochen in Quarantäne. Fieberkontrollen und Desinfektion vor jedem öffentlichem Gebäude. Aufstockung der Produktion von Medizingütern, zentral koordiniert.

All das hat funktioniert. Bis heute gibt es noch keine 200 Infizierten im 24-Millionen-Land. Zwei ältere Menschen sind bisher gestorben. Möglich seien diese geringen Zahlen auch durch eine andere Kultur in Taiwan, meint Frau Gao:

"Wir tragen auch alle Mundschutz. Das machen die Europäer nicht, vielleicht finden sie es unhöflich."

Erfahrungen mit SARS vor 17 Jahren helfen heute

Der Hauptgrund für die schnelle Reaktion der Taiwaner liegt vermutlich 17 Jahre zurück, als das Land schon mal von einer Epidemie überrollt wurde, erinnert sich ihre Freundin Frau Huang:

"Wegen der Erfahrung mit SARS wussten die Taiwaner, dass sie schnell reagieren müssen. Das ist unser Vorteil."

Im Podcast der Weltzeit berichtet außerdem Peking-Korrespondent Axel Dorloff, warum am Ursprungsort des Virus - in Wuhan - die Geschäfte wieder anlaufen sollen.

SARS hat 2003 zu einer starken Belastung des taiwanischen Gesundheitssystems geführt.  Mindestens 346 Menschen infizierten sich. 73 Menschen starben. Taipei war monatelang im Ausnahmezustand. Noch so ein folgenschwerer Virus aus China - das sollte den Taiwanern nie wieder passieren. Daher herrschte seit Ende Dezember große Wachsamkeit, als in der chinesisch-sprachigen Welt erste Gerüchte auftauchten über einen Virus im großen Nachbarland. Also reagierte Taiwan als eines der ersten Länder:

"Der erste Schritt ist die Früh-Prävention. Die beginnt bei den Häfen und Flughäfen. Das betrifft die Menschen, die aus dem Ausland zurückkehren. Egal, von wo sie einreisen, wir fordern, dass sie einen Bericht über ihre Reiseroute abgeben. Sie können auf dem Handy eine App herunterladen und die Information eingeben. So wissen die Zollbeamten, woher sie kommen und können die entsprechenden Schritte einleiten. Zum Beispiel wissen sie, wer für 14 Tage unter Quarantäne gestellt werden muss."

Chiang Kuan Yu ist Arzt – und Präsident der NGO Taiwan International Health Diplomacy, die sich für internationale Medizinzusammenarbeit einsetzt. Ein gefragter Mann – der nur am Telefon erreichbar ist. Auch, weil er im Krankenhaus arbeitet, wo nur noch Patienten Zutritt haben. Wer hier neu kommt, darf auch erst nach einem Test rein:

"Wir haben sogenannte ‚Fieberstationen‘ vor den Kliniken aufgebaut, das sind Zelte, die Patienten auf erhöhte Temperatur testen. Krankenhäuser sind ein entscheidender Ort für die Epidemie-Prävention, denn man muss die Patienten früh trennen, um gegenseitige Infektion zu vermeiden. Nur so können wir verhindern, dass Patienten oder medizinisches Personal die Infektion in die breite Bevölkerung hinaustragen."

"Europa hat die Frühprävention verpasst"

Wie die aktuellen Zahlen und Entwicklungen zum Corona-Virus sind, erfahren die meisten Taiwaner über Line. Eine Kommunikations-Plattform wie WhatsApp, die fast jeder nutzt und so jeden Tag vom Gesundheitsministerium den Sachstand direkt auf Handy erhält. Zur Lage in Europa meint der Arzt:

"Das größte Problem in Europa ist, dass sie die Gelegenheit zur Früh-Prävention verpasst haben. Denn sie haben von der WHO falsche Informationen bekommen. Die wirkliche Sterblichkeitsrate dieses Virus in Wuhan ist laut der wissenschaftlichen Fachzeitschrift 'The Lancet' 20 Prozent und keinesfalls drei Prozent, wie es anfangs hieß."

Taiwans Regierung hat sich nie auf die Zahlen der Kommunistischen Partei in China verlassen. Es herrscht eine Grundskepsis, weil die KP die demokratische Insel als ihr Staatsgebiet ansieht und so z. B. verhindert, dass Taiwan Mitglied der Weltgesundheitsorganisation wird. Diese Isolation hat Taiwan wahrscheinlich veranlasst, kritischer zu sein, als enge Partner von China wie Deutschland.

Subventionen auch für Taxifahrer

Die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Virus werden aber alle auf der Welt spüren. Auch Taiwan. "Seit dem Neujahrsfest sind meine Einnahmen um 30 bis 50 Prozent zurückgegangen", erklärt Herr Wu. Er ist Taxifahrer in Taipeh. Eigentlich hat er ständig Gäste und Geschäftsreisende hinter sich sitzen.

"Viele Fahrten fallen jetzt weg, zum Beispiel zum Flughafen oder von Touristen. Es bleiben nur Kurzstrecken, Leute, die zum Arzt oder zur Arbeit fahren. Das beeinträchtigt das Geschäft."

Auch die Regierung rechnet mit schweren wirtschaftlichen Folgen für das Hightech-Land Taiwan. Derzeit ist unklar, ob überhaupt zwei Prozent Wachstum erreicht werden, statt den prognostizierten 2,6 Prozent. Damit es aber nicht zu steigenden Arbeitslosenzahlen kommt, verteilt die Regierung Subventionen. Auch für Taxifahrer, erzählt Herr Wu. Ab nächstem Monat gebe es Zuschüsse zum Sprit – umgerechnet etwa 60 Euro. Dazu gibt es kostenlose Desinfektionsstationen für Taxen. Denn ihr Schutz ist wichtig:

"Wir müssen schließlich fahren, um unser Geld zu verdienen. Wir können nicht die ganze Zeit zuhause bleiben. Aber so haben wir jeden Tag Kunden, die ein- und aussteigen. Deswegen garantiert die Regierung, dass wir erstens immer Mundschutze und zweitens immer Desinfektionsmittel kaufen können. Das gilt für die ganze Branche. Die Regierung macht das gar nicht schlecht."

Singapur riegelt sich ab

Wer sich als Ausländer derzeit in Singapur aufhält, hat keine Freude. Der Stadtstaat hat beschlossen, sich um sich selbst und seine Bürger zu kümmern, und zwar ausschließlich. Singapurer bekommen täglich Nachrichten per WhatsApp von ihrer Regierung, das Covid19-Update vom späten Abend: Singapur verzeichnet 309 akute Fälle, also Menschen, die aktuell im Krankenhaus behandelt werden, davon 14 auf der Intensivstation. Die entlassenen Fälle einberechnet, sind es 455. Es gibt seit gestern 23 neue Fälle, davon sind 18 importiert – das wird die Singapurer Regierung nicht müde zu betonen. Lokale Fälle gibt es kaum, aber die Rückkehrer aus Europa, Amerika oder anderen asiatischen Ländern treiben die Fallzahlen hoch.

Darum, und auch das wird per Whatsapp verkündet, gibt es neue Einreisebeschränkungen: Singapur lässt ab diesem Montagabend keine Kurzzeit-Besucher mehr einreisen, auch der Transit durch den Stadtstaat wird untersagt.

Panorama der Abfertigungshalle eines großen Flughafens, in dem sich kaum Menschen befinden. (imago/Xinhua/Then Chih Wey)Der Changi-Flughafen in Singapur: Gäste aus dem Ausland können kaum noch einreisen. (imago/Xinhua/Then Chih Wey)

"Das sind sehr bedeutsame Schritte, besonders für eine kleine offene Marktwirtschaft wie Singapur, die immer mit der ganzen Welt verbunden war. Aber dies ist eine nie dagewesene Krise", sagt Minister Lawrence Wong, er leitet eine Taskforce aus mehreren Ministerien, die den Ausbruch der Epidemie bekämpft.

"Also haben wir gründlich nachgedacht und schließlich entschieden, dass wir diese Maßnahmen verhängen müssen. Nur so können wir unsere Grenzen sichern und die Zahl von neu importierten Fälle reduzieren, und vor allem unsere Ressourcen auf zurückkehrende Singapurer konzentrieren."

Ärzte sollen nur noch Singapurer behandeln

Bisher durften Reisende aus den meisten Ländern nach Singapur kommen, sofern sie sich dann 14 Tage lang isolierten. Das allerdings habe medizinische und Überwachungskapazitäten gebunden, und diese Kapazitäten sollten jetzt auf Singapurer konzentriert werden, da das Land versuche, eine neue Infektionswelle einzudämmen.

Ärzte in öffentlichen und privaten Krankenhäusern sollen laut Order vom Gesundheitsministerium keine ausländischen Patienten mehr annehmen und die bereits bestehenden anweisen, sich doch in ihren Heimatländern behandeln zu lassen. Auch das soll die Ressourcen der Gesundheitsfürsorge auf die Singapurer konzentrieren.

"Wir diskutieren weitere Maßnahmen"

Ausländer mit Arbeitserlaubnis in Singapur sollten sich gut überlegen, ob sie eine Reise antreten wollen: Nur diejenigen, die lebenswichtige Arbeit leisten, werden wieder hineingelassen. Singapurer und andere mit dauerhafter Aufenthaltserlaubnis müssten immerhin 14 Tage zuhause bleiben. Der Premierminister des Landes hatte schon deutliche Worte gefunden, als er vor nicht unbedingt notwendigen Reisen warnte. Und Lawrence Wong findet noch deutlichere:

"Es muss Konsequenzen geben, denn wenn Menschen immer noch auf Reisen gehen, trotz unserer Warnhinweise, und in voller Kenntnis der ernsten Lage, dann glaube ich nicht, dass wir so ein Verhalten noch weiter erlauben können. Wir diskutieren also weitere Maßnahmen."

Weitreichende Informationskampagne

Am Wochenende waren die ersten beiden Menschen an einer Infektion mit Covid-19 in Singapur gestorben. Als Reaktion hat Singapur noch mehr Maßgaben zum Abstandhalten verkündet, natürlich auch per WhatsApp, aber auch in allen Zeitungen, plakatiert in den U-Bahnstationen und Bushaltestellen: "Take Safe Distancing seriously, nehmen Sie die Sicherheitsabstände ernst", steht da: "Halten Sie einen Meter Distanz zu den anderen, schütteln Sie keine Hände, arbeiten Sie von zuhause, wenn möglich, treffen Sie sich per Videokonferenz."

Eine Frau steht im Innern eines U-Bahnwaggons und blickt aus dem Fenster. Sie trägt eine Schutzmaske. (imago/ZUMA Wire/Maverick Asio)U-Bahnfahren in Singapur: Nur mit Schutzmaske. (imago/ZUMA Wire/Maverick Asio)

Das haben heute auch der Singapurer und der australische Regierungschef getan und so Handelsabsprachen, Verteidigungspartnerschaften und Digitalabkommen diskutiert.

"Wir alle müssen die notwendigen Maßnahmen treffen, um uns und unsere Familien zu schützen." Sagt der Singapurer Gesundheitminister Young. "Wir müssen zusammenstehen, zusammenarbeiten, einander unterstützen und umeinander kümmern. Wenn wir zusammenstehen, werden wir uns durchsetzen und Covid-19 überwinden."

Neue App spürt Kontakte auf

"Stay together", und seit neustem auch "Trace together": Seit Freitag gibt es eine neue App zum Kontakt-Aufspüren. Alle sollen sie herunterladen und Bluetooth einschalten. So könne man später leichter herausfinden, ob in der Nähe ein Corona-Infizierter stehe. Singapur steht nicht nur zusammen, es spürt auch zusammen auf.

"Leiste deinen Teil im Kampf gegen Covid-19", fordert ein schmissiges Video die Singapurer auf, "lade die App herunter und richte sie auch bei allen um dich herum ein, und dann mach Bluetooth an. So einfach. So bekommst du deinen Seelenfrieden, denn 'Trace together' vereinfacht es den Kontakt-Tracern, dich zu informieren, ob du Kontakt mit einem Covid-19-Fall hattest, ob du ihn kennst oder nicht."

Schmachtsongs und Gehaltsverzicht

Das Kontakt-Tracing ist eine Methode, die nach der SARS-Epidemie vor 17 Jahren entwickelt wurde. Alle Infizierten werden isoliert, und alle ihre Kontakte identifiziert und unter Quarantäne gestellt. Auf diese Art und Weise hatte Singapur seit dem ersten Fall Ende Januar den Krankheitsausbruch nicht gestoppt, aber zumindest unter Kontrolle gehalten. So, und mit rigorosen Maßnahmen sowie Appellen an das Gemeinschaftsgefühl:

"Together we can overcome" heißt zum Beispiel ein Schmachtsong, mit dem die tapferen Krankenschwestern, Ärzten, Putzkräfte und Freiwilligen gelobt wurden. Zugunsten dieser Helden an der Corona-Front verzichtete der Premierminister so wie all seine Minister und sämtliche Abgeordneten auf ein Monatsgehalt.

Das tötet keine Viren, aber schafft Solidarität. Das Virus gilt hier als Existenzbedrohung von Gesellschaft und Wirtschaft. Deswegen die Taskforce mehrerer Ministerien und vor allem eine rigorose Quarantäneverordnung: Wer zur Vorbeugung unter Selbstisolation zu Hause gestellt wird, bekommt unregelmäßig Textnachrichten, die ihn auffordern, per GPS im Mobiltelefon seinen Standort nachzuweisen. Oder er muss seine Umgebung fotografieren – um zu zeigen, dass er sich tatsächlich in der Wohnung aufhält. Bei Verstößen wird hart durchgegriffen. Bereits 83 Ausländer haben ihre Arbeitserlaubnis verloren.

Together, das gilt vor allem für die, die sich an Vorschriften halten. Und am besten Singapurer sind.

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