Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
Donnerstag, 22.10.2020
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Weltzeit | Beitrag vom 16.06.2020

Corona in Kenia Wie eine Massai-Gemeinschaft gegen die Krise kämpft

Von Bettina Rühl

Beitrag hören Podcast abonnieren
In bunten Kleidern roden Massai-Frauen mit Hacken ein Feld. (Bettina Rühl)
Von der Viehzucht zum Ackerbau: Das ist eine der Folgen, die die Coronakrise für diese Massai-Frauen hat. (Bettina Rühl)

In Afrika breitet sich das Coronavirus zwar langsamer aus als andernorts. Doch die Menschen treffen die Gegenmaßnahmen hart. Viele haben ihre Arbeit verloren oder können ihr Vieh nicht mehr verkaufen. Auch die Tiere leiden: Denn Wildern wird zur Versuchung.

Maimusi kann seine Ungeduld kaum zügeln. Der Spürhund arbeitet in Loisaba, ein Schutzgebiet im zentralen Hochland von Kenia. Im Ernstfall spürt er Wilderer oder Kriminelle auf, aber heute trainiert er nur. Hundeführer Joseph Ekaran zeigt Maimusi den Fußabdruck des Rangers, der heute den Verdächtigen spielt. Maimusi senkt die Nase, nimmt den Geruch auf.

Jetzt ist Maimusi bereit, gleich wird er die Fährte aufnehmen.

"Such!", sagt Joseph, und Maimusi läuft los. Die Ranger kommen kaum hinterher.

Loisaba hat eine Fläche von 230 Quadratkilometern, ist also ein bisschen kleiner als Frankfurt am Main. In dem Schutzgebiet leben Elefanten, Löwen, Giraffen und die bedrohten Grevy-Zebras – insgesamt 50 verschiedene Säugetierarten, dazu 260 unterschiedliche Vögel.

"Bevor wir die Hunde hatten, gab es sehr viele Fälle von Wilderei. Innerhalb und außerhalb des Schutzgebietes", sagt Joseph Ekaran. "Kaum waren die Hunde da, haben sie die ersten Wilderer aufgespürt. Sie wurden festgenommen und bekamen Gefängnisstrafen. Dadurch ist die Wilderei deutlich zurück gegangen."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter "Weekender". Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Die Spürhunde sind nicht nur im Schutzgebiet im Einsatz: Die Bevölkerung kann die Hilfe der Hundestaffel erbitten, wenn jemand in einen Laden eingebrochen hat, wenn Vieh gestohlen wurde oder auch bei größeren Verbrechen. Allein das Wissen um die Spürhunde von Loisaba wirke aber abschreckend, wie Joseph Ekaran erklärt:

"Inzwischen haben wir manchmal drei Monate lang keinen einzigen Fall von Wilderei. Zum Einsatz kommen die Hunde eigentlich nur noch in Fällen von kleineren Diebstählen: Wenn jemand in einen Laden einbricht und Mehl oder Zucker klaut. Solche Sachen."

Durch die Coronakrise bleiben die Touristen weg

Dass die Menschen für solche Kleinigkeiten eine Strafe riskieren, macht deutlich, wie hart hier der Überlebenskampf ist und wie weit verbreitet die Armut. In der Region leben vor allem Viehzüchter aus den Volksgruppen der Massai, Samburu oder Pokot. Außer von ihrem Vieh leben die Menschen vom Tourismus. Aber wegen der Corona-Krise kommen schon seit Monaten keine Reisenden mehr.

"Die meisten Menschen hier haben ihre Jobs verloren", sagt Joseph Ekaran. "Einige von ihnen haben Familien, müssen die Bildung der Kinder bezahlen. Wenn du in so einer Situation kein Geld mehr verdienst und nichts mehr zu Essen im Haus hast, kannst du auf die Idee kommen, wildern zu gehen."

Drei Männer in grünen Rangeroveralls gehen über ein Feld. Einer führt einen Spürhund an der Leine. (Bettina Rühl)WIlderern auf der Spur: Hund Maimusi mit Joseph Ekaran und bewaffnetem Begleitschutz. (Bettina Rühl)

Der Weg ins Hauptquartier von Loisaba führt über holprige Pisten. Zunächst über eine weite Ebene und dann durch leicht hügeliges Land. Nach wochenlangen, heftigen Regenfällen ist im Moment alles grün, die oft ausgetrocknete Savanne steht zum Teil unter Wasser.

Im Hauptquartier sitzt Tom Silvester in seinem Büro, er ist der Manager von Loisaba. 

In den vergangenen Wochen musste er viel rechnen: "Loisaba bezieht die Hälfte seiner Einnahmen aus dem Tourismus. Das sind Abgaben für den Naturschutz, Gebühren für die Übernachtung, und Einnahmen durch Angebote wie Reiten auf Pferden und Kamelen. Dass das alles wegfällt, hat enorme Auswirkungen."

Die Tiere sollen trotz Sparzwang geschützt werden

In seinem ursprünglichen Budget hatte Silvester für das laufende Haushaltsjahr 900.000 US-Dollar aus dem Tourismus eingeplant, die er komplett streichen musste. Von dem Geld finanziert Loisaba die Infrastruktur im Park, Projekte für die anwohnende Bevölkerung und den Schutz der Wildtiere. Von den 210 Angestellten des Schutzgebietes hat Silvester keinen entlassen, aber allen die Gehälter gekürzt, auch sich selbst. Er spart, wo er kann:

"Unsere Hauptaufgabe ist es, die Natur und die wilden Tiere zu schützen. Wir sind sehr entschlossen, das trotz der Sparmaßnahmen auch weiterhin zu tun. Wir versuchen also, in allem effizienter zu sein. Die Zahl der Patrouillen werden wir vermutlich etwas reduzieren müssen, ebenso die Zahl der Überwachungsflüge."

Afrika würde von Corona härter betroffen sein als jede andere Region der Welt, hieß es noch zu Beginn der Pandemie. Die Gesundheitssysteme seien zu schwach, die Regierungen zu arm. Doch Monate später haben sich die Annahmen erstmal nicht bewahrheitet. Viele Staaten sind hart und entschlossen gegen Corona vorgegangen und das Virus hat sich vergleichsweise langsam ausgebreitet auf dem Kontinent. Das war bislang auch in Südafrika der Fall, wo einer der härtesten Lockdowns der Welt gilt. Welche Konsequenzen er für die Wirtschaft, den Safaritourismus - und die Tiere hat, erklärt Jana Genth im Interview: 

Die etwa 90 Angestellten der Hotels und Lodges in Loisaba seien aber entlassen worden. Ebenso wie Joseph Ekaran fürchtet auch Silvester deshalb einen Anstieg der Wilderei. Die Gefahr sei ernst zu nehmen, meint Silvester: In einem benachbarten Schutzgebiet sei kürzlich zum ersten Mal seit langer Zeit ein Elefant getötet, die Stoßzähne entfernt worden. Für Loisaba ist er aber im Moment trotzdem noch zuversichtlich, weil die Bevölkerung das Schutzgebiet unterstützt:

"Der wirksamste Zaun ist eine große Gemeinschaft in der Nachbarschaft der Schutzgebiete, die kein Interesse daran hat, die Zäune und Mauern zu überwinden."

Das gelingt nur, wenn die Bevölkerung von den Schutzgebieten profitiert, also beispielsweise durch Einnahmen aus dem Tourismus und durch Jobs. Außerdem erlaubt Silvester seinen Nachbarn in Dürrezeiten, ihr Vieh in Loisaba grasen zu lassen. Das Schutzgebiet finanziert Schulspeisungen und zwei zusätzliche Lehrer, unterstützt das Gesundheitszentrum mit Medikamenten und hat ein medizinisches "Outreach"-Programm, schickt also eine Assistenzärztin regelmäßig in abgelegene Dörfer. Wegen der gegenwärtigen Beschränkungen und der Finanznot wurden diese Programme eingestellt. Trotzdem versucht Silvester gerade jetzt, die Menschen weiterhin zu unterstützen – ihre Not ist schließlich größer denn je.  

Viele Menschen haben keinen Zugang zu Essen mehr

Paul Naiptari öffnet das Vorhängeschloss, das die Tür zum Lagerraum der Ewaso-Grundschule sichert, die Schule liegt einige Kilometer von Loisaba entfernt.

"Hier im Lager haben wir Mais, Bohnen und Maisporridge", sagt er. "Diese Lebensmittel möchten wir an die Bevölkerung verteilen. Essen muss man nun einmal, aber viele Menschen haben dazu keinen Zugang mehr."

Paul Naiptari ist der Verbindungsmann zwischen Loisaba und der Bevölkerung in den umliegenden Dörfern.

"Diese Lebensmittel waren für die Schulspeisungen bestimmt, aber wegen der Coronapandemie sind die Schulen geschlossen. Wir haben uns entschieden, sie an die Bevölkerung zu verteilen. Dann können die Kinder das, was sie sonst in der Schule bekommen hätten, zu Hause essen."

Afrikanische Frauen in bunten, langen Gewändern stehen um Säcke mit Getreide herum. (Bettina Rühl)Die mitgebrachten Säcke der Massai-Frauen werden bei der Lebensmittelverteilung nur spärlich gefüllt. (Bettina Rühl)

Ein paar Kilometer weiter werden die ersten Säcke ausgeladen. Etliche Massai-Frauen sitzen schon wartend unter einem Baum, einige tragen einen Mundschutz.

Stephen Lesongoi Lesongoi ist der Chief der Massai-Gemeinschaft der Region. Er hat sich zu den Frauen gestellt und erklärt ihnen, dass es leider nicht genug für alle gibt und außerdem nur kleine Portionen. Aber immerhin sei das doch besser als nichts.

Die Frauen sind mit großen Säcken gekommen, in denen verschwinden die paar Kilo, die sie kriegen: zehn Kilo Mais, fünf Kilo Bohnen, zwei Kilo Porridge. Das soll pro Familie für zwei Wochen reichen.

"Anschließend werden wir sehen, woher wir Geld bekommen, damit wir die Familien weiter unterstützten können", sagt Naipari. "Zum Teil sicher aus dem Budget von Loisaba, aber wir werden auch unsere Freunde und Geldgeber im Ausland ansprechen. Vielleicht geben sie uns etwas Geld, und wir können die Familien auch danach mit Lebensmittelpaketen unterstützten."

Das hilft den Menschen und schützt die Tiere in Loisaba. Denn so lange sie überleben kann, wird die Bevölkerung auch in den kommenden Wochen vermutlich nicht häufiger wildern als bisher.

Weniger gemeldete Coronainfektionen als befürchtet

Von der Verteilung profitieren an diesem Morgen fast 200 Familien, etwa 1300 Menschen. In Kenia gibt es bisher viel weniger bekannte Coronainfektionen als ursprünglich befürchtet. Viel schlimmer sind die wirtschaftlichen Folgen, erzählt Sabina Lemiliko. Die 51-Jährige wartet darauf, dass sie bei der Verteilung an die Reihe kommt.

"Das Virus trifft uns, weil die Lebensmittelpreise gestiegen sind", sagt sie. "Außerdem finden im Moment keine Viehmärkte statt, aber wir sind auf diese Märkte angewiesen, damit wir unsere Tiere verkaufen können. Sonst haben wir kein Geld für Essen. Jetzt haben wir keine Einnahmen mehr. Unsere Situation ist sehr schwierig."

Fast alles sei teurer geworden, sagt die Mutter von neun Kindern, vor allem Maismehl, Gemüse und Zucker. Also streckt sie, was sie sich leisten kann: statt Maisbrei gibt es nun Maismilch, immer wieder fallen Mahlzeiten aus. Außerdem tut es ihr leid, dass ihre Kinder schon seit Monaten nicht mehr in die Schule gehen können. Die Abschlussprüfung für das Schuljahr fiel aus, und noch weiß niemand, wann es weitergeht. An Homeschooling ist in den Massai-Dörfern nicht zu denken: Es gibt keinen Strom und kein vernünftiges Licht, Internet nur über die Handys, sofern Empfang ist. Von Tablets oder Computern in den Familien ganz zu schweigen.

"Meine Kinder vermissen die Schule", sagt Sabina Lemiliko. "Sie wollen lernen und hoffen sehr, dass diese Pandemie vorbei geht, damit sie wieder in die Schule können."

Fast alle Mitarbeiter der Öko-Lodge wurden entlassen

Am Rande des Geschehens steht Paul Lebeneo. Er ist Manager einer Öko-Lodge, die der Massai-Gemeinschaft gehört. Sie steht im Koija-Naturschutzgebiet, das an Loisaba grenzt und von den Massai betrieben wird. Eigentlich war die Lodge für die nächsten Monate gut gebucht. Jetzt steht sie wegen der Corona-Krise leer. Von seinen 23 Angestellten musste er 21 entlassen.

"Das ist mir sehr schwer gefallen", sagt er. "Einige von unseren Angestellten sind von Anfang an dabei, andere machen ihren Job wirklich gern, und sie sind auf das Einkommen angewiesen, um ihre Rechnungen bezahlen und ihre Kinder in die Schule schicken zu können. Aber ich hatte keine andere Wahl, weil es keine Arbeit gibt."

Einige der Arbeiter kämen immer noch jeden Tag in die Lewaso-Lodge, obwohl sie nicht bezahlt werden.

"Sie hängen auf dem Grundstück herum und wir essen zusammen. Das wenige, was ich habe, teilen wir. Aber Geld kann ich ihnen nicht geben."

Im Garten der Lewaso-Lodge mühen sich einige Massai-Frauen mit Hacke und Spaten ab. Die 37-jährige Ngilu Lamanias beantwortet gerne ein paar Fragen:

"Für uns ist das eine Herausforderung. Erstens haben wir noch nie etwas angebaut. Wir sind Viehzüchter, normalerweise kümmern wir uns um unsere Tiere. Mit der Feldarbeit haben wir nichts zu tun. Aber jetzt ist alles durcheinander. Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als selbst etwas anzubauen, wenn wir etwas zu essen haben wollen. Wirklich, ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich eines Tages mal auf einem Feld stehe, aber eigentlich läuft es gar nicht so schlecht."

Gemüseanbau statt Viehzucht

Die Idee mit dem Gemüseanbau hatte Ellie Modesta, die Frau von Paul Lebeneo. Die beiden managen gemeinsam die Lodge der Massai-Gemeinschaft.

Ellie zeigt den Frauen, wie die Feldarbeit geht. Sie ist selbst Massai, kommt aber aus einer anderen Region. Dort haben die Massai-Frauen schon seit einigen Jahren Gemüsegärten. Jetzt in der Corona-Krise gibt Ellie ihr Wissen weiter.

"Wir haben heute erst angefangen und kommen gut voran", sagt sie. "In ein paar Tagen werden wir pflanzen, und ich bin sehr zuversichtlich, dass es gut gelingen wird. Vielleicht schicken wir dir Fotos von unseren Fortschritt, vielleicht sogar davon, wie wir das Gemüse kochen. Denn ich bin sicher, dass wir dahin kommen werden."

Porträtaufnahme einer Massaifrau in buntem Kleid. (Bettina Rühl)Ellie Modesta managed zusammen mit ihrem Mann eine Lodge der Massai (Bettina Rühl)

Ellie Modesta ist eine der wenigen Frauen in der Gegend, die studiert haben, und zwar Community development und Tourismus. Schon lange vor der Coronakrise hat sie damit angefangen, ehrenamtlich mit den Frauen der Gegend zu arbeiten. Sie will ihnen weitere Möglichkeiten erschließen:

"Wir haben eine Frauengruppe mit 60 Mitgliedern. Ich liebe es, anderen zu helfen und Wissen weiterzugeben, vor allem an Frauen. Zum Beispiel bei Gesundheitsthemen, die Frauen betreffen. So viele von ihnen haben gesundheitliche Schwierigkeiten! Das liegt unter anderem daran, dass sich viele von ihnen nicht in ein Krankenhaus trauen."

Seit dem Beginn der Coronakrise ist Ellie Modesta unermüdlich damit beschäftigt, Lösungen für die vielen neuen Probleme zu finden. Und vor allem Wege, das verlorene Einkommen aus dem Schmuckverkauf an Touristen zu ersetzen. Die Frauen nähen jetzt Gesichtsmasken, angeleitet von Ellie. Auch das Imkern haben sie angefangen. Durch die Not gezwungen, lernen sie in diesen Wochen viel, was ihnen auch in Zukunft noch helfen wird.

Mehr zum Thema

Afrika droht Coronakatastrophe - Hungern oder sich vor dem Virus schützen
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 19.04.2020)

Corona: Erkenntnisse einer Krise - Afrikas Gesundheitsnöte
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 03.06.2020)

COVID-19 im Sahel - Terror und Pandemie
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 19.05.2020)

Weltzeit

Mauer zu Mexiko Trumps Bollwerk gegen Einwanderer
Der Grenzschutzbeamte Anthony Garcia steht im Gegenlicht entlang der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko. (Getty Images / The Washington Post / Carolyn Van Houten)

Es solle die längste und die großartigste Mauer aller Zeiten werden, und Mexiko werde dafür bezahlen, versprach Donald Trump, der in seiner Amtszeit die Zuwanderung radikal begrenzt hat. Sie steht nun in großen Teilen und verursacht viel Leid.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur