Seit 17:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 12.08.2020
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Die Reportage | Beitrag vom 19.07.2020

Corona in Honduras, Kroatien und dem SenegalDrei Geschichten, drei Reporter, eine Pandemie

Von Martin Reischke, Sabine Adler und Anne Françoise Weber

Beitrag hören Podcast abonnieren
Menschen in San Pedro, Honduras, die für Essen einer Hilfsorganisation anstehen. Sie stehen mit Gesichtsmasken dicht gedrängt vor einem Lkw und strecken die Arme aus. 17.04.2020 (Getty / SOPA Images / LightRocket / Seth Sidney Berry)
Schon vor Corona war das Leben in Honduras in Zentralamerika beschwerlich. Die Pandemie hat die Situation weiter verschärft. (Getty / SOPA Images / LightRocket / Seth Sidney Berry)

Samael wollte ein neues Leben in den USA beginnen, Dubrovnik vermisst die Touristen und im Senegal gibt jetzt auch die berühmte Tanzschule "Ecole des Sables" Onlinekurse. Unsere Autoren berichten aus drei Ländern über das Leben in der Coronakrise.

Der Autor Martin Reischke war vor zwei Jahren ganz nah dran an der Karawane von Menschen, die sich zu Fuß in Richtung USA aufgemacht haben, um dort Armut und Gewalt hinter sich zu lassen. Unter ihnen ist der junge Familienvater Samael aus Honduras.

Von Honduras in die USA und wieder zurück

Als Martin Reischke ihn vor zwei Jahren ein Stück begleitet und danach fragt, warum Samael Honduras verlassen hat, klingt Samael resigniert. Er hat es satt, in einem Land zu leben, wo Morde alltäglich sind – und die Täter meist nie zur Rechenschaft gezogen werden. Zudem reicht sein Einkommen als Qualitätsmanager bei einer US-Firma für sich, seine Frau und ihre beiden Kinder nicht aus. Nachdem er den Job verliert, beschließt Samael zu gehen.

Eine Menschenkarawane läuft an einer Straße entlang. (Martin Reischke)Zu Fuß machten sich vor zwei Jahren zahlreiche Menschen auf den Weg in die USA und durchquerten dabei auch Mexiko. (Martin Reischke)
Heute ist Samael zurück in Honduras. Nach einer Zeit in verschiedenen Auffanglagern in Kalifornien, Arizona und Mississippi war er zermürbt und die Aussichten eine Aufenthaltsgenehmigung in den USA zu erhalten schien unmöglich.

"Diese Anhörungen liefen immer gleich ab. Egal, ob es Kubaner, Syrer oder Inder waren – alle Anträge wurden abgelehnt. 'Nein, nein und nein' – das waren die Worte des Richters."

Corona hat alles noch schlimmer gemacht

Darum beschloss Samael zurückzukehren. Nachdem Martin Reischke Samael nun noch einmal kontaktiert, berichtet der ihm, dass Corona alles noch schwieriger gemacht hat. Samael hat nur einige Wochen Teilzeit gearbeitet, sein karges Gehalt wurde gekürzt. Seine Frau, die als Grundschullehrern ihre Klassen zwar von zu Hause unterrichten kann, wartet seit Wochen auf ihr Gehalt.

"Was wir am dringendsten brauchen in Honduras sind ein menschenwürdiges Gehalt, gute Arbeitsmöglichkeiten und Lebensmittel, die für alle erschwinglich sind."

Ein junger Mann sitzt bei Sonnenuntergang mit Taschen und Beuteln um sich herum auf einer Tribüne. (Martin Reischke)Eine Odyssee von Honduras in die USA und zurück nach Honduras liegt hinter Samael. (Martin Reischke)
Doch es deutet nichts darauf hin, dass die Situation bald besser wird. Trotzdem musste Samael seinen beiden Töchtern Yanine und Diana schwören, sich nicht sich nicht noch einmal auf den Weg in die USA zu machen. Also schlägt er sich weiter durch. Und er bereut nichts. "Ich habe mein Glück versucht, das Schicksal hat sich gegen mich gewandt, aber ich habe es wenigstens versucht."  

Dubrovnik – Von Tausenden Touristen keiner mehr da

Sabine Adler war beindruckt, mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie die Stadtführern Gabriela Lucic durch die von Touristen völlig überfüllten Gassen Dubrovniks lotste. Vor einem Jahr noch kamen an einem einzigen Tag bis zu 25.000 Touristen in die Altstadt der kroatischen Hafenstadt, viele von Kreuzfahrtschiffen.

Gabriela Lucic übernahm immer gern die speziellen Touren zu den Drehorten der Fantasyserie "Game of Thrones", die teilweise in Dubrovnik gedreht wurde. Highlight ihrer Führungen war immer die berühmte Treppe, auf der Queen Cersei ihren "Walk of Shame" zurücklegte, doch vor lauter Touristen konnte man die Stufen kaum erkennen.

Eine Frau mit langen Haaren steht vor einem alten Stadtturm und lächelt in die Kamera. (Sabine Adler)Stadtführerin Gabriela Lucic in Dubrovnik würde sich langsam auch wieder über mehr Touristen freuen. (Sabine Adler)
Deshalb suchte die Stadt nach Wegen, um die Touristenströme in ein erträgliches Maß für Stadt und Bewohner und Bewohnerinnen zu kanalisieren. Maximal 4000 Schiffspassagiere sollten sich nach Plänen von Bürgermeister Mato Frankovic gleichzeitig in der Stadt aufhalten, nicht mehr. Nun bleiben die Mauern der Altstadt wegen der Pandemie so gut wie komplett leer. Kaum Touristen kommen mehr in die Stadt.

"Ich bin ja das ganze Jahr über hier und ich gestehe, dass es auch mal toll ist, niemanden hier zu sehen."

Doch allzu lange möchte auch Gabriela Lucic nicht mehr auf die Touristen warten müssen. Denn auch wenn es vor einem Jahr noch niemand geglaubt hätte: Jetzt sehnt sich die Stadt und mit ihr die Stadtführerin nach Besuchern.

Tanzen ohne Nähe

Vor drei Jahren hat die Autorin Anne Françoise Weber die renommierte Tanzschule "Ecole des Sables" im Senegal besucht. Eigentlich bringt diese Schule jedes Jahr Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt zusammen, um ihnen modernen afrikanischen Tanz beizubringen – die Acogny Technik, benannt nach der Schulgründerin Germaine Acogny. Doch auch in der Ecole des Sables findet der Unterricht nun digital statt.

"Es ist ganz anders, hier in meiner Küche vor einem Computerbildschirm zu unterrichten und dabei den Geist der 'Ecole des Sables' zu vermitteln."

Nachdem die Schule wegen der Coronapandemie ihre Kurse absagen musste, hat die Tanzlehrerin Alesandra Seutin sich ein Konzept überlegt, den Geist der außergewöhnlichen Tanzschule online zu vermitteln und die internationalen Tänzerinnen und Tänzer trotzdem zusammen zu bringen. Mit Erfolg.

Die beiden Tanzschulgründer Germaine Acogny und Helmut Vogt  (Deutschlandradio / Anne Françoise Weber)Die "Ecole des Sables" bleibe etwas ganz Besonderes: Die beiden Tanzschulgründer Germaine Acogny und Helmut Vogt. (Deutschlandradio / Anne Françoise Weber)
Bei ihren Kursen erscheinen auf ihrem Laptop in kleinen Bildschirmfenstern Wohnzimmer in Europa, Japan, China, Kanada oder den USA. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind froh, auf diesem Weg dem Tanz nahe zu sein und sich auszudrücken. Tänzer und Tänzerinnen aus den USA berichten Alesandra Seutin von Tränen der Erleichterung.

"Durch das Tanzen konnten sie die Spannung lösen, die sie in den letzten Wochen in Amerika erlebt hatten. Das fand ich sehr ermutigend."

Auch Onlineunterricht bringt Anerkennung

Auch Schulgründerin Germaine Acogny findet Gefallen daran, ihren Schülerinnen und Schülern durch die Onlinekurse nahe zu sein.

"Ich habe viel Vorstellungskraft, habe mir also die Leute vorgestellt und meinen Tanzunterricht gemacht. Am Schluss drückt man auf einen Knopf und sieht einige glückliche Teilnehmer. Das macht Freude, so weiß man, dass hinter den Bildschirmen Menschen sind, die unsere Arbeit verfolgen."

Sie kann sich durchaus vorstellen, auch nach der Coronapandemie mit dem Online-Tanzunterricht fortzufahren. Eine virtuelle "Ecole des Sables" könne es allerdings nicht geben, sagt sie, denn dieser Ort bleibe etwas ganz Besonderes.

Kurz vor dem Corona-Lockdown probte eine Kompanie von 38 Tänzerinnen und Tänzern aus 14 afrikanischen Ländern in der Ecole des Sables Pina Bauschs ikonische Choreografie "Der Frühlingsritus". Ein Dokumentarfilm zeigt die letzte Probe der Kompanie am Strand von Toubab Dialaw im Senegal. Da die internationale Tournee aufgrund der Pandemie abgesagt wurde, ist der Film vielleicht die einzige Möglichkeit, in diesem Jahr einen Einblick in das Projekt zu erhalten.

Mehr zum Thema

Migrantenmarsch aus Mittelamerika - Immer Richtung Norden
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 22.10.2018)

Corona weltweit: Kroatien - Dubrovnik wartet auf die Rückkehr der Kreuzfahrschiffe
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 29.05.2020)

Senegal - Afrikas berühmteste Tanzschule kämpft um ihre Existenz
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 31.07.2017)

Die Reportage

AmtsbestattungenDer einsame Abschied
In die Erde gesteckte Namensplaketten (Deutschlandradio / Philipp Lemmerich)

Wer in Deutschland ohne Angehörige verstirbt, wird von den Behörden bestattet - pragmatisch und möglichst kostengünstig. In Berlin stehen gerade einmal 731 Euro für eine ordnungsrechtliche Bestattung bereit. Wie würdevoll kann ein solcher Abschied sein?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur