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Interview | Beitrag vom 11.11.2020

Corona-ImpfungErst die Jungen, dann die Alten?

Timo Ulrichs im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Maskenpflicht im oeffentlichen Personennahverkehr. S-Bahn Muenchen am 12.10.2020. Auf dem Bahnsteig steigen Fahrgaeste mit Mundschutz,Maske in einen Zug - alle tragen Masken.  (picture alliance / Sven Simon)
Die Jüngeren verbreiten das Virus schneller als alte Menschen: Deswegen könnte es aus epidemiologischer Sicht angesagt sein, sie zuerst zu impfen. (picture alliance / Sven Simon)

Ein Impfstoff gegen Covid-19 ist in Sicht. Klar, dass Risikogruppen und ältere Menschen zuerst geimpft werden. Oder? Um die Pandemie schnell einzudämmen, könnte es sinnvoll sein, erst die Jüngeren mit dem Schutz zu versorgen, sagt der Epidemiologe Timo Ulrichs.

Stephan Karkowsky: Ich vermute mal, es geht Ihnen ganz ähnlich wie mir, dass sich Ihre Stimmung seit Montag deutlich verbessert hat, weil mitten im trüben Corona-November plötzlich die frohe Botschaft kam: Es wird einen Impfstoff geben. Er kommt aus Deutschland und er wirkt. Jetzt geht es um eine möglichst gerechte Verteilung, also um die Frage, wer kommt zuerst dran? Und da sagt die Politik: erst die Mitarbeiter in den Krankenhäusern und Arztpraxen, Polizei und Feuerwehr und natürlich die Risikogruppen.

Professor Timo Ulrichs ist Infektionsepidemiologe an der Akkon Hochschule in Berlin, und er könnte sich auch andere Erstgeimpfte vorstellen. Wen denn zum Beispiel?

Ulrichs: Man könnte mit den Jüngeren anfangen, also mit den Menschen, die ein höheres Potenzial haben, das Virus auch nach der Infektion weiterzuverbreiten, dann hätte man rein rechnerisch, wenn man diese aus dem Verkehr zieht, die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus weiter ausbreitet, stärker gesenkt, als wenn man die Älteren erst impfen würde.

Die Jüngeren verbreiten das Virus schneller

Karkowsky: Also erst die Jungen impfen, die sich vermutlich am wenigsten an die Corona-Regeln halten?

Ulrichs: Ja, oder sagen wir mal, die ein höheres Potenzial haben, das Virus weiterzugeben, weil einfach die Kontakte da ausgeprägter sind als bei älteren Menschen, die vielleicht zu Hause leben oder auch in Alten- und Pflegeheimen sind, denn da ist es so, dass es weniger Kontakte gibt und die auch besser kontrolliert werden.

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Karkowsky: Kann man nicht davon ausgehen, dass junge Leute ein eher geringes Interesse haben an einer Impfung? Ich meine, solange das nicht verpflichtend ist – und das soll es ja nicht werden –, wird man damit ja auch nicht viel erreichen.

Ulrichs: Ja, das sind alles Faktoren, die man schlecht berechnen kann. Wenn man einfach rein epidemiologisch vorgeht und guckt, wo ist die Ausbreitungsdynamik in welcher Bevölkerungsgruppe am größten und dann da impft, dann könnte man denken, dass dann auch der erste Effekt – und es geht ja nur um den Anfang der Impfkampagne – da am größten ist, um dann diesen Druck der Virusausbreitung möglichst schnell zu reduzieren.

Potenzielle Superspreader aus dem Verkehr ziehen

Karkowsky: Aber hat das nicht dann zur Folge, dass Partys wieder möglich sind, vielleicht die Clubs wieder öffnen können: Das würde natürlich die Betreiber freuen, aber die Pflegeheime müssten weiterhin abgeschottet werden.

Ulrichs: Das ist ja genau das, was man eigentlich verhindern möchte. Deswegen ist das Konzept, was jetzt vorgestellt worden ist mit dem Papier von der Ständigen Impfkommission: Man geht an die innere Verteidigungslinie und schützt zuallererst diejenigen, die das größte Risiko haben, an COVID-19 zu erkranken und zu versterben.

Das ist völlig in Ordnung so. Nur wäre eben diese Alternative durchaus bedenkenswert, aber das wäre eben nur der epidemiologische Ansatz. Es gibt, wie Sie schon gerade richtig gesagt haben, noch sehr viel andere Aspekte, die man dabei bedenken muss, zum Beispiel auch die Logistik der Impfung und wie man am besten kommuniziert, das heißt, wo man ansetzt, dass eine Impfkampagne dann gestartet wird.

Karkowsky: Es soll ja zu unserem Thema, über das wir gerade reden, auch eine Studie geben aus Seattle in den USA, was sagt die denn aus?

Ulrichs: Die verfolgt genau diesen Ansatz: Wenn man das Ganze mathematisch modelliert, würde es bei einem Impfstoff, der eine sehr große Abdeckung hat, also einen hohen Schutzfaktor – und das ist ja bei diesem Kandidaten von BioNTech und Pfizer der Fall, über 90 Prozent –, rein rechnerisch sinnvoller sein, eher die Jungen, die potenziellen Superspreader, aus dem Verkehr zu ziehen durch Impfungen, weil man dann mittelbar damit auch die älteren Menschen besser schützen würde.

Aber das ist eine Modellierung, die nur diese Faktoren berücksichtigt, die epidemiologisch messbar sind, und nicht diese ganzen anderen Bereiche.

Die Logistik muss bei der Impfung funktionieren

Karkowsky: Zurzeit geplant ist: Stelle eins der Impfung muss das medizinische Personal sein und dann haben Sie ja bereits viele Tausend junge Leute, die in den Kliniken und Arztpraxen arbeiten, automatisch dabei.

An Stelle zwei, sagt die Politik, müssten die kommen, die mit großer Wahrscheinlichkeit schwere Krankheitsverläufe befürchten müssen, also alle Menschen über 80 und chronisch Kranke, das hätte ja dann zwei Vorteile: Die wären erstens geschützt und müssten zweitens sich nicht mehr fernhalten von ihren Enkeln und Urenkelinnen, selbst wenn die noch nicht geimpft sind. Wahrscheinlich ist das dann doch die beste Lösung, oder?

Ulrichs: Das ist auf jeden Fall eine sehr vernünftige Lösung, und so ist es ja jetzt auch vorgeschlagen worden, daran wird man sich jetzt auch orientieren, wenn das Impfkonzept von Bund und Ländern dann weiter vorbereitet wird. Wichtig ist natürlich, dass man das Ganze so schnell wie möglich gut vorbereitet, damit die Logistik dann auch funktioniert, wenn es soweit ist.

Wir werden zwar am Anfang nur begrenzt Impfdosen haben, aber diese Menge wird dann stetig zunehmen, das heißt, die Bundesländer sollten dann auch gut vorbereitet sein, die Zahl der Geimpften pro Zeiteinheit massiv erhöhen zu können.

Karkowsky: Daran wird hinter den Kulissen schon kräftig gearbeitet. Spielt denn auch die Art des Impfstoffs für die Priorisierung der zu Impfenden eine Rolle?

Ulrichs: Ja, ein bisschen. Wenn der Schutz sehr gut ist, dann würde man sagen, da könnte man dann eben auch die Jüngeren noch mit in Betracht ziehen, aber was eben auch wichtig ist, sind Daten, was die Altersgruppen betrifft. Dyas heißt, wir müssen wissen, ob er in allen Altersgruppen gleich gut schützt.

Das sind jetzt erst mal vorläufige Daten, die wir bekommen haben von BioNTech und Pfizer, aber das Ganze sieht, glaube ich, ziemlich gut aus. Man muss eben auch sehen, ob es eine einmalige Impfung ist oder ob man dann noch das zweite Mal geimpft wird, um dann wirklich den vollen Impfschutz zu entfalten. Davon hängt sehr viel ab, was die Logistik angeht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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