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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.03.2020

Corona im KriegsgebietHilfe für die Menschen von Idlib

Ein Plädoyer von Andreas Zumach

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Panoramablick über ein Flüchtlingslager in Idlib. (imago/ZUMA Wire/Juma Mohammad )
Rund eine Million Geflüchtete befinden sich in der Provinz Idlib. Corona-Tests finden kaum statt - dafür findet das Virus ideale Übertragungswege. (imago/ZUMA Wire/Juma Mohammad )

Sollte die Corona-Pandemie das nordsyrische Idlib erreichen, droht eine Katastrophe, sagt der Journalist Andreas Zumach. Er fordert ein sofortiges Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region. Ohne politischen Druck wird das nicht gehen.

Kann der syrische Alptraum noch schlimmer werden? Leider ja. Zumindest für die rund drei Millionen Menschen in der immer noch heftig umkämpften nordwestlichen Provinz Idlib, darunter rund eine Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus anderen Regionen des Landes.

Die UNO und humanitäre Hilfsorganisation warnen, in Idlib könnte es schon bald zu einem gravierenderen Ausbruch des Coronavirus kommen als in allen anderen bis heute von dem Virus betroffenen 155 Staaten- und in der Folge zu einem Massensterben. Denn die meisten Menschen in der Provinz hausen in völlig überfüllten Flüchtlingslagern oder in zerschossenen Häusern und Dörfern. Die sanitären Verhältnisse sind katastrophal.

Der Informationspolitik ist nicht zu trauen

Auch die Gesundheitsversorgung ist weitgehend zusammengebrochen. Die meisten Krankenhäuser in der Provinz wurden zerstört - überwiegend durch Angriffe russischer oder syrischer Luftstreitkräfte. Zwar meldete die syrische Regierung an die Weltgesundheitsorganisation bislang keinen Coronafall.

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Doch dieser Informationspolitik ist aus mehreren Gründen nicht zu trauen. So verschob die Regierung gerade erst die Parlamentswahlen. Alle Nachbarstaaten Syriens - Jordanien, Irak, Libanon und Israel/Palästina - haben inzwischen zahlreiche Corona-Infektionen gemeldet. Und in Idlib wurde bislang niemand getestet.

Dort herrscht zwar seit zwei Wochen eine Waffenruhe zwischen den von der Türkei unterstützten islamistischen Rebellen und den im Bündnis mit russischen Luftstreitkräften und iranischen Söldnern kämpfenden syrischen Regierungstruppen. Das ist aber nur eine Atempause. Sie ermöglichte bislang noch nicht einmal einen verbesserten Zugang der humanitären Organisationen zu den Millionen hilfsbedürftiger Menschen in Idlib.

Der Druck auf Erdogan muss wachsen

Präsident Assad ist fest entschlossen, den Krieg fortzusetzen: bis zur vollständigen Eroberung Idlibs und Vertreibung der islamistischen Kämpfer. Doch der Krieg wird solange weitergehen, wie Assads Gegner Waffen und andere Unterstützung von der Regierung Erdogan und von den völkerrechtswidrig in Nordwestsyrien stationierten türkischen Streitkräften erhalten.

Wer diesen Krieg beenden und die möglichst baldige humanitäre und gesundheitliche Versorgung der Menschen in Idlib ermöglichen will, der muß jetzt den notwendigen Druck auf die Regierung Erdogan ausüben, ihre Unterstützung für die islamistischen Kämpfer umgehend einzustellen und den Zugang von Hilfsorganisationen in die Provinz in keiner Weise mehr einzuschränken.

Die Wertegemeinschaft EU funktioniert nicht mehr

Die Verhinderung oder zumindest Eindämmung eines Corona-Ausbruchs in Idlib sollte derzeit Priorität haben vor den politischen Kalkülen aller am Syrienkonflikt beteiligten Akteure. Leider ist zu befürchten, dass es auch diesmal beim "sollte" bleibt, was das Handeln der EU in ihrer Flüchtlingspolitik betrifft. Zu sehr sind die europäischen Länder in der aktuellen Pandemie mit sich selbst beschäftigt. Es ist zu befürchten, dass die humanitäre Katastrophe in der Provinz Idlib sehenden Auges in Kauf genommen wird.

So tragisch es erscheint: Die Aussichten für die Menschen in Idlib und künftige Kriegsflüchtlinge aus dieser Provinz scheinen nicht gut. Vermutlich werden wir nun ein weiteres Beispiel dafür erleben, dass die Europäische Union als gelebte Wertegemeinschaft nicht mehr funktioniert.

Porträtfoto von Andreas Zumach (Kristin Flory)Der Autor (Kristin Flory)Andreas Zumach, Journalist und Buchautor, studierte Sozialarbeit, Volkswirtschaft und Journalismus in Köln. Seit 1988 ist er Korrespondent am Sitz der UNO in Genf für die Berliner "tageszeitung" (taz) sowie andere Zeitungen, Rundfunk-und Fernsehanstalten und Internetplatformen in Deutschland, der Schweiz, Österreich und den USA. Sein letztes Buch "Globales Chaos Machtlose UNO- ist die Weltorganisation überflüssig geworden?" erschien im Rotpunkt Verlag Zürich.

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