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Interview | Beitrag vom 04.09.2020

Corona-ForschungHerdenimmunität ist keine Option

Sabine Wicker im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Zwei Hände in Schutzhandschutzen drücken einen Oberarm zusammen und setzen eine Spritze an.  (picture alliance / dpa / Sven Simon)
Mit Hochdruck wird weltweit an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus geforscht. (picture alliance / dpa / Sven Simon)

Impfkritiker stehen einer Schutzimpfung gegen Corona skeptisch gegenüber. Abzuwarten, bis die Bevölkerung mehrheitlich immun geworden ist, sei allerdings keine Alternative, sagt die Ärztin Sabine Wicker. Denn es würden dabei Abertausende sterben.

Noch ist kein Mittel gegen Covid-19 gefunden, dennoch machen Impfkritiker schon jetzt dagegen mobil. Viele von ihnen setzen hingegen auf das Konzept der Herdenimmunität - darauf also, dass sich das Virus nicht mehr weiter verbreiten kann, weil sich die Mehrheit der Bevölkerung bereits mit Corona angesteckt hat und so immun geworden ist.

Die stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut, Sabine Wicker, sieht darin allerdings keinen gangbaren Weg. "Die Idee einer Herdenimmunität auf natürlichem Wege wird zu abertausenden Todesfällen führen", warnt sie. "Wir haben 83 Millionen Einwohner in Deutschland. Wenn wir jetzt 60, 70, 80 Prozent für eine Herdenimmunität bräuchten - das wären dann vielleicht 60 Millionen Menschen, die erkranken müssten." Abhängig von der Todesrate würden daraus hunderttausende Todesfälle resultieren: "Das ist etwas, was wir so nicht in Kauf nehmen wollen."

Schnelle Zulassung des Impfstoffs

Sie sei daher fest davon überzeugt, "dass wir diesen Impfstoff benötigen, damit wir wieder zu unserem ursprünglichen Leben zurückkehren können", so Wickert.  Normalerweise nehme die Zulassung eines Impfstoffs zehn bis 20 Jahre in Anspruch. Dies werde aber im Falle eines Corona-Impfstoffs schneller gehen, ist die Ärztin sicher. Denn man werde größere personelle und finanzielle Ressourcen einsetzen und versuchen, "Genehmigungsverfahren, administrative Abläufe und nationale wie internationale Kooperationen hochzufahren".

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Aussagen darüber, wie viele Menschen geimpft sein müssen, damit auch die Umgeimpften vor Corona geschützt sind, lassen sich laut der Ärztin bislang nur schwer treffen. Das komme auf die jeweilige Erkrankung an, sagt Wicker. Bei Masern etwa benötige man eine Impfquote von 95 Prozent, bei Diphterie hingegen seien es um die 80 Prozent. Im Fall von Sars-Cov-2 gingen die wissenschaftlichen Meinungen diesbezüglich noch auseinander - manche Forscher sprächen von 40 bis 50, andere wiederum von 80 Prozent.

Anstrengender Kampf gegen Vorbehalte der Impfkritiker

Mit Blick auf Impfskeptiker und Verschwörungstheoretiker sagt Wicker, es mache sie "mürbe", immer wieder gegen die gleichen Vorbehalte und Misinterpretationen ankämpfen zu müssen: "Wenn man Tag für Tag mit Patienten zu tun hat und sehen kann, was aus dieser Infektion resultieren kann, dann habe ich dafür auch als klinisch tätige Ärztin wenig Verständnis."

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