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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 07.04.2021

Corona als existenzielle HerausforderungWir müssen wieder lernen, den Tod zu denken

Eine Betrachtung von Klaus-Rüdiger Mai

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Särge mit Verstorbenen mit der Aufschrift "Covid 19" und dem Zeichen Biohazard stehen im Kühlraum des Krematoriums "Feuerbestattungen Dülmen". (picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd)
Das Ableben ist ein Grund zum Leben und ein Korrektiv, meint Klaus-Rüdiger Mai. (picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd)

Der Tod ist nicht zu besiegen, daran erinnert uns die Pandemie. Die moderne Gesellschaft sollte aufhören, die Sterblichkeit zu verdrängen, meint der Publizist Klaus-Rüdiger Mai. Es sei unser Machbarkeitswahn, der uns so hilflos gegenüber Corona macht.

Im theosophischen Überschwang schrieb einst einer der seltsamsten Menschen des 19. Jahrhunderts, der Amerikaner Prentice Mulford: "Bessere Amerikaner sterben nicht mehr, sie sagen, es sei eine mindere Gewohnheit, freudlos und zeitraubend, etwas für zurückgeblieben Europäer allenfalls." Mulford starb 1891 im Alter von 57 Jahren, sein Leichnam trieb eine Weile in einem Segelboot vor Long Island, bevor er entdeckt wurde. 

So kann es kommen, wenn man die Bodenhaftung verliert, und das scheint in einer ebenso prosperierenden wie diesseitigen Wohlstandsgesellschaft nicht ganz selten zu sein. Haben wir nicht auch im geheimen Glauben unserer eigenen Unsterblichkeit gelebt?

Doch die Pandemie deckt gnadenlos die mentale Schwachstelle, die metaphysische Not der hedonistischen Gesellschaft auf. Nicht alles ist machbar, ewige Jugend nicht erreichbar, der Tod nicht zu besiegen, auch wenn Paulus fragte: "Tod, wo ist dein Stachel?" Innerweltlich kann der Tod jedenfalls nicht überwunden werden.

Die Kunst des guten Sterbens

Darüber, was uns nach dem Tod erwartet, wissen wir nichts, doch glauben dürfen wir an das Paradies – wenn wir noch zu glauben vermögen. Es wäre der Glauben an einen Übergang von der Zeitlichkeit in die Ewigkeit.

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Man muss nicht unbedingt Dantes Reise durch die drei Welten, Hölle, Fegefeuer, Paradies heranziehen, klar ist auch so, dass der Mensch des Mittelalters an ein Leben nach dem Tod glaubte, dass dieser Glaube es war, der den Tod besiegte: Man konnte sich aus der Welt denken. Und weil das Leben nach dem Tod, nach der kurzen Zeit im Jammertal, ewig währen würde, so kam alles darauf an, nicht in der Hölle zu enden, sondern nach einer möglichst kurzen Zeit der Reinigung im Fegefeuer im Paradies zu weilen.

Als größtes Risiko sah der Menschen des Mittelalters den Übergang an. So galt ihm mehr als die Kunst des guten Lebens, mehr als die ars vivendi, die Kunst des guten Sterbens, die ars moriendi. Diese Kunst – beispielsweise durch Beschäftigung mit den Bußpsalmen der Bibel, bereitete den Moribunden auf den Weg in die andere Welt vor.

Ihre Voraussetzung bestand in der Gewissheit der Transzendenz, im metaphysischen Trost, dessen der Mensch des Mittelalters bedurfte. Denn er lebte inmitten von Krankheit, Gebrechlichkeit und Tod. Der Tod gehörte zum Leben. Die moderne Gesellschaft hat jedoch den Tod ins Exil geschickt, sie versucht ihn durch technischen Fortschritt und durch Verdrängung auszuschließen. So aber wird der Tod zum Wegelagerer.

Die Sterblichkeit als Korrektiv

Doch das Ableben ist ein Grund zum Leben – und ein Korrektiv. Aus dem Wissen heraus sterben, aus dem Glauben, sich womöglich dereinst rechtfertigen zu müssen, stellt sich doch erst die Frage nach der Verantwortung, die man in der Welt hat. Auch wenn man nicht an ein Leben nach dem Tode glaubt, würde doch die Vorstellung, sich selbst aus der Welt zu denken, erst offenbaren, was von einem bleibt. Hat man etwas bewirkt? War man wichtig oder gütig oder gar ein Segen?   

Wir müssen wieder lernen, den Tod zu denken. Wir müssen im memento mori aus dem Wissen der eigenen Sterblichkeit heraus klug werden, den Dingen in der Welt ihre wahre Dimension zuerkennen. Auch weil wir Krankheit und Tod ins Exil, in Sonderbereiche verbannt haben, erwischt uns die Pandemie nun auf dem falschen Fuß. Wenn niemand mehr sterben darf, darf auch niemand mehr leben.

Ist der Ausdruck, dass man "an" und "mit" Corona sterben kann, nicht deutlich genug? Nicht undenkbar ist es, dass mehr Menschen "mit", anstatt an Corona sterben, einsam auch, weggesperrt. Fast will es scheinen, dass öfter an der Angst vor dem Tod als durch den Tod gestorben wird. Es ist unsere Hybris, die uns so hilflos gegenüber Corona macht, unser Machbarkeitswahn, der die Allmacht des Todes erst vollkommen zur Geltung bringt.

    (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi) (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)Klaus-Rüdiger Mai, geboren 1963, Schriftsteller und Historiker, verfasst historische Sachbücher, Biografien und Essays, sowie historische Romane. Sein Spezialgebiet ist die europäische Geschichte und Gegenwart. Zuletzt erschien von ihm "Und wenn die Welt voll Teufel wär. Martin Luther in Worms". Am 15. April kommt der gesellschaftspolitische Essay: "Die Zukunft gestalten wir!" heraus.

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