Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 17.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Profil / Archiv | Beitrag vom 26.08.2005

Conquest Mythodea

Eine ganze Familie im Fantasy-Rollenspiel

Von Martin Bremer

Viele Kinder spielen Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianer. Wenn sich aber Erwachsene als Orks, Ritter und Zauberer verkleiden, dann ist das schon außergewöhnlich. Auf dem mittelalterlichen Rittergut in Brokeloh in der Nähe von Hannover haben wir eine Rollenspieler-Familie getroffen.

Giuseppe: "Wir haben angefangen in England, neun Jahre ist das her, beim Gathering, wir sind überall gewesen: Belgien, Schweden Deutschland Italien, England usw. usf."

Giuseppe Platania ist gebürtiger Italiener, kein Zwei-Meter-Mann, aber groß und kräftig, schwarze glatte Haare und ein gepflegter Bartstreifen umrahmt Mund- und Kinnpartie. Er wäre auch so eine imposante Erscheinung, auch ohne seine Rüstung. Giuseppe Platania, im heimischen Mainz ist er Berater bei IBM, hier im Fantasy-Land Mythodea Zeremonien-Meister des Ordo Solis, des Sonnenordens.

Sein fein gearbeitetes Lederwams, der Umhang aus gebleichtem Leinen mit Sonnensymbolen verziert und der Gold blitzende Helm mit tief heruntergezogenem Nasenschutz lassen beinahe vergessen, dass dieser Ritter nur mit Schaumstoff-Schwert und Plastik-Schild in die Schlacht zieht.

Ebenfalls ungewöhnlich für einen Ritter seiner wie auch vergangener Zeiten: der 35-jährige Giuseppe Platania hat seine Frau und seine zwei Kinder mitgebracht, alle im Gewand der Sonnenritter gekleidet, alle mit eigenem Schwert.

Eine Familie, alle dasselbe Hobby - das ist ungewöhnlich und schmiedet zusammen. Der Sonntag ist bei den Platanias traditionell der Familie vorbehalten. Allerdings nutzen sie den wenig traditionell:

Silke: "Also wir treffen uns mit den Mitgliedern unserer Gruppe, die hier so in der Nähe wohnen, einmal in der Woche, meistens Sonntagsmorgens, machen einen Ausflug wenn's schön ist, trainieren da, machen Schwertkampf. Wir machen auch Schwertkampf mit echten Schwertern aus Metall, trainieren, essen zusammen Mittag - Der Sonntag ist sozusagen eingeplant meistens."

Nicht nur der Sonntag: Es braucht mehrere Tage eine Ausrüstung zu fertigen. Die Umhänge müssen geschneidert und bedruckt werden und auf alle Schnallen malen die Kinder Sonnensymbole.

Begonnen hat ihre Liebe zum Rollenspiel zu Hause am Küchentisch, beim Brettspiel, später kamen die Computerspiele dazu und schließlich vor neun Jahren das erste große Event, das Gathering in England. Bereits mit dabei – Töchterchen Noaimi, gerade zwei Monate alt. Eine Tortur für das junge Paar, die nächsten LiveRollenspiele sollten besser organisiert werden, beschlossen sie und gründeten ihren eigen Orden, den Ordo Solis:

Giuseppe/Silke:
(Giuseppe) "Wir sind sehr stolz darauf. Und wir versuchen ein bisschen Europäischer Geist zu bringen, wir versuche über die Grenze zu gehen als Ordis Solis" (Silke) "und weil das eben als Familie blöd ist allein irgendwo hinzugehen, kam die Idee, wir gründen eine Gruppe und machen das mit der Gruppe, dann ist das mehr so als sei man eine Großfamilie.

Man macht was mit Leuten zusammen, die bestimmte Werte und Wertvorstellungen und Ziele teilen, zum Beispiel auch Selbstdisziplin - für die Kinder ist das auch ganz nett, weil die kriegen hier eben nicht alles, es gibt eben nicht alle, die müssen sich auch einfügen ins Gruppenleben, müssen ihre Verwöhntheiten ablegen."

Im symmetrisch angelegten Zeltlager des Ordo Solis herrscht Ordnung: 40 Brüder und Schwestern wollen essen, trinken und schlafen und das ungestört, also müssen Wachen eingeteilt werden – Ein Live-Rollenspiel dauert 24 Stunden am Tag. Immer mittendrin die Kinder. Noaimi kommt gerade aus der ersten großen Schlacht - was sie da gemacht - dumme Frage.

Noaimi: "gekämpft, naja ich habe nur viermal getroffen…"

So richtig zufrieden kann die neunjährige Noaimi nicht sein, die dunklen Mächte des schwarzen Eises konnten fliehen und ihr Schwerthalter rutscht. Kein Problem: Andere Eltern achten auf Mütze und Regenjacke, bei den Platanias geht keiner ohne Schwert aus dem Zelt.

Silke: "Nimm mein Schwert."
Angst, dass die neunjährige Noaimi und der dreijährige Raffael Schaden bei den Ork-Schlachten nehmen könnten, haben die Eltern nicht.

Giuseppe: "Das ist in dem Kopf, wir als Erwachsene, dass Kinder so etwas nicht verstehen, die Verstehen sofort was Spiel ist und was nicht. Ängste werden auf jeden Fall in uns geweckt, die sind aber nicht sind aber nicht verursacht, die werden geweckt. Andererseits gegen ein Monster zu kämpfen, ist quasi eine psychologische Heilung, das hat heutzutage immer mehr Erfolg, weil die Leute suchen die Möglichkeit, sich gegen die inneren Ängste darstellen zu können, in einer einfachen art. Das ist alles dazustellen. Die Griechen haben das schon mit dem Drama gemacht vor 2000 Jahren, und ich glaube das ist unserer Drama unsere griechische Tragödie."

Grau ist alle Theorie und die Krieger des Schwarzen Eises sind in der gespielten Realität eben doch Furcht einflößend. Aber zum Glück kennt Mutter Silke einen Kniff, der auch bei Orks und Co funktioniert.

Silke: "Der Kleine hat oft ein bisschen Angst vor den dicken fetten Masken, die so richtig gefährlich aussehen, da müssen wir dann hingehen und "Nase Meppen". Dann grinsen die ganz nett... die sind alle ganz lieb."

Und weil das "Nase Meppen", dieses freundliche "auf die Nase Drücken, bekannt aus Dick-und-Doof-Filmen, so erfolgreich angewendet wird, sind Raffael und Noaimi auch nicht zu halten. Während Vater und Mutter die Rüstung richten, marschieren die beiden Kleinen schon mit dem Tross des Ordo solis in die nächste Schlacht.

Profil

Poetry-SlamSelbstzweifel in Reime verpackt
Poetry-Slammerin und Psychologie-Studentin Julia Engelmann während einer NDR-Fernsehsendung (dpa picture alliance/ Georg Wendt)

Poetry-Slammerin Julia Engelmann wurde mit einem einzigen Video im Internet schlagartig bekannt. Nun hat sie ein Buch herausgebracht und geht damit auf Tour. Den Rummel um ihre Person sieht sie gelassen. Mehr

Chor der Woche Leichtigkeit für die Deutschen
Blick auf das Münchner Rathaus, aufgenommen am 11.03.2003. (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)

Es ist ein kleines Ensemble für Laien mit Anspruch - und eine feste Größe in der Münchner Musikszene: der Chor "Catchatune". Die Brasilianerin Lilian Zamorana versucht vor allem, Leichtigkeit zu vermitteln.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur