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Studio 9 | Beitrag vom 18.03.2020

Computerspielstudie im AltersheimZocken macht echt gute Laune

Von Felicitas Boeselager

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Eine Seniorin hält den Controller einer Playstation in den Händen. (Picture Alliance / dpa / Arne Bänsch)
Hat Zocken an der Spielkonsole positive Effekte auf die Kognitivität von alten Menschen? Das untersucht derzeit die Studie einer Krankenkasse. (Picture Alliance / dpa / Arne Bänsch)

Eine Studie soll herausfinden, wie sich Computerspiele auf die Fitness alter Menschen auswirken. In einem Bremer Seniorenheim hat sich eine "Zockergruppe" formiert, die Motorrad fährt, Briefe austeilt und Tischtennis spielt – alles an der Spielkonsole.

Computerstimme: "Für das Spiel mache ich jetzt ein Foto von ihnen. Bitte lächeln."

Klaus Lehnart sitzt im Rollstuhl vor einem großen Fernseher und lächelt in die Kamera der Spielkonsole, die am Bildschirm angebracht ist.

Computerstimme: "Fahren Sie nach Trier zur Porta Nigra, merken Sie sich Ihren Zielort."

Wenn Lehnart sich auf seinem Rollstuhl nach rechts lehnt, dann fährt das Motorrad auf dem Bildschirm auch nach rechts. Jetzt erscheinen kleine Barrieren auf der Autobahn, Absperrungen oder LKW, die er umfahren oder überholen muss.

"In welcher Stadt fanden 1972 die Olympischen Spiele statt?"

Kognitivität verbessern und Spaß haben

Lehnart nimmt die Ausfahrt nach München. Er ist 59 Jahre alt und lebt seit einem Schlaganfall im Seniorenheim der Johanniter in Bremen. Gemeinsam mit vier Senioren aus dem Heim spielt er seit einem halben Jahr drei Mal in der Woche an der Konsole. Als Teilnehmer einer Studie der Barmer-Versicherung, wie Pflegedienstleiterin Sabine Stubbe erklärt:

"Das Forschungsziel soll sein, dass über diese Spielkonsole dargestellt werden soll, dass Computer-Spiele auch im Alter sinnvoll sind, um Beweglichkeit, Kognitivität oder Motorik in dem jetzigen Zustand zu halten oder zu verbessern. Und auch einfach nur, um Spaß am Spielen haben."

"Sag' mal Bescheid, ob das blau oder gelb ist, ich glaub, ich werde farbenblind."
"Blau, blau!"

Senioren sitzen in kleiner Runde um einen Tisch herum und lachen. (Felicitas Boeselager)Die "Zockergruppe" des Seniorenheims der Johanniter in Bremen ist bestens gelaunt - und freut sich schon auf das nächste Treffen. (Felicitas Boeselager)

Jetzt ist die 84-jährige Helga Holtkamp an der Reihe. Die elegante Dame steht vor dem Fernseher, greift mit dem linken Arm nach hinten und wirft dann ein unsichtbares Paket nach vorne. Ihre Aufgabe ist es, als Briefträgerin die Post in die richtigen Briefkästen zu werfen. Blaue Briefe in blaue Briefkästen und gelbe Briefe in gelbe Briefkästen. Sie muss schnell reagieren, denn der Briefträger auf dem Bildschirm gibt mit seinem Fahrrad ein ganz schönes Tempo vor. Aber die anderen helfen ihr.

Holtkamp ärgert sich, wenn ein Paket daneben fliegt, hat aber sichtlich Freude am Gaming. Das war nicht immer so, am Anfang fand sie das Ganze doof:

"Wenn man sich nicht kennt und es eine zusammengewürfelte Gruppe ist und man soll irgendwas machen und man blamiert sich, dann ist es erst mal doof."

Aber im letzten halben Jahr sind die fünf Spieler zusammengewachsen. "Das ist hier die Zockergruppe", sagt Holtkamp nicht ohne Stolz.

Motorradfahrt in den Himmel

Annemarie Weigt ist 93 Jahre alt und der heimliche Star der Zockergruppe. Berühmt sei sie für ihre Motorradfahrkünste:

"Wenn man den ganzen Tag alleine ist, dann ist man froh, wenn man unter Leute kommt, und dann haben sie sich amüsiert, dass ich mit meiner Motorradfahrt bis in den Himmel gefahren bin, ich würde ja auch lieber sonst wohin fahren."

Annemarie Weigt und der 59-jährige Lehnart machten auch die sichtbarsten Fortschritte in ihrer Mobilität, bei den anderen sei der Gleichgewichtssinn gestärkt worden, erzählt Hausdame Aleksandra Dykier im Gespräch mit Pflegedienstleiterin Stubbe:

"Kannst du dich erinnern? Am Anfang haben die alle im Sitzen gespielt und jetzt spielen die echt alle im Stehen."

Die immer gleichen Lieder nerven

Auf der Konsole können die Bewohner kegeln, Briefe austeilen, Motorrad fahren, gegeneinander Tischtennis spielen und tanzen. Die immer gleichen Lieder und Kommentare der Computerstimme würden langsam nerven, aber weil die Studie Regelmäßigkeit erfordert, könne man das leider nicht ändern. Außerdem kann man den Ton ja auch von Zeit zu Zeit abschalten:

"Ich dreh der irgendwann mal die Gurgel ab."

Das Gelächter der Zockergruppe ist weithin zu hören, weshalb nun auch andere Bewohner gerne mitspielen wollen, erzählt Lehnart:

"Alle wollen mitmachen. Die sehen, dass wir Spaß dabei haben und sehr zufrieden sind. Jedenfalls stellt sich ein Glücksgefühl ein, wenn wir uns getroffen haben und gespielt haben und wieder trennen müssen. Und wir freuen uns immer aufs nächste Mal."

Lehnart sei in der Zockergruppe regelrecht aufgeblüht, beobachten die Betreuerinnen. Aber auch sie selbst gehen, wenn sie einen schlechten Tag haben, bei den Fünfen vorbei, weil sie dort garantiert gute Laune bekämen.

Am Ende der zwei Stunden wird gesungen. Am besten singt Hans Schlesinger, finden die anderen. So hat jeder seine Rolle in dem neuen Freundeskreis. Holtkamp will diese Freunde und das Spielen mit ihnen nicht mehr missen:

"Wir wissen noch gar nicht, was wir machen sollen, wenn das hier mit einem Mal vorbei ist. Dann stehen wir da und sagen, was machen wir denn jetzt?"

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