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Kompressor | Beitrag vom 09.12.2014

ComputerspieleDaddeln in der DDR

Über die Geschichte des Videospiel-Automaten Polyplay

Von Nadine Lindner

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Die einzige Videospielekonsole der DDR, die um 1980 im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) hergestellt wurde. (picture alliance / ZB)
Die einzige Videospielekonsole der DDR, die um 1980 im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) hergestellt wurde. (picture alliance / ZB)

In den letzten Tagen der DDR kam noch der Polyplay auf den Markt, ein schrankgroßer Videospiele-Automat, von dem es noch etwa 30 Exemplare gibt. Kriegsspiele waren darauf verboten. Und auch sonst verbindet sich viel Geschichte mit dem Gerät.

Der Sound geht noch ganz gut. Etwas knarzig und so richtig schön achtziger. Nur der Bildschirm muss repariert werden, bleibt schwarz.
Ich bin zu Besuch in einem Hobby-Keller in der Nähe von Chemnitz. Bei Thomas Uhlig steht noch ein sehr seltener Zeuge aus der Vergangenheit: der Video-Spiele-Automat-Polyplay. Die Daddelmaschine war in den späten Achtziger Jahren die Antwort der DDR auf die weltweite Spielebegeisterung.

Manches musste improvisiert werden, das sieht man, als Thomas Schenk den großen Holzkasten vorsichtig aufklappt.

"Hier sieht man den Joystick, nein, es hieß ja damals Spielhebel..."
Eine interessante Konstruktion: Er ist auf vier Tasten einer konventionellen Tastatur montiert.

"Man muss bedenken, wenn die den Automat früher gebaut haben, da konnten die nicht einfach irgendwo anrufen und sagen, wir brauchen jetzt mal zehn Joysticks."

Hase und Wolf statt Panzern und Granaten

Zusammen mit Thomas Schenk zieht sich Uhlig immer wieder in seinen Hobby-Keller zurück. Beide begeistern sich für Mikroelektronik und Informatik, kennen sich seit der Jugend.

Thomas Uhlig ist sichtbar stolz auf sein Sammlerstück. Ein Glücksgriff, wie er sagt, auch wenn einige der Spielideen vom Westen geklaut waren:

"Die auffälligste Parallele ist das Hase und Wolf-Spiel, was eigentlich ein Pacman-Klon ist."

"Was auf keinen Fall sein durfte, dass es kriegsbezogene Spiele gab in den Automaten."

Mischt sich Thomas Schenk ein. So geht das öfter bei den beiden – sie fachsimpeln über die alten Spiele.

Auf dem iPad schauen wir einen Zusammenschnitt aus alten Familienfilmen an.

"Da sieht man mich und meinen Bruder beim Spielen im FDGB-Heim."

50 Pfennig kostete ein Spiel

Auf den Bildern muss sich der jüngere Bruder von Thomas Schenk noch ganz schön strecken, um an die Tasten zu kommen. 50 Pfennig kostete ein Spiel. Die Automaten waren teuer: über 20.000 DDR-Mark wurden fällig, zuzüglich der Spiele. Nur knapp über 2000 Automaten wurden produziert. Sie standen vor allem in FDGB-Heimen. Entwickelt wurden sie ab Mitte der Achtziger Jahre in Karl-Marx-Stadt. Also der Heimat von Uhlig und Schenk.

"Ich war damals 15 oder 16, du warst damals zehn. Und da bin ich zusammen mit meinem Bruder in den Jugendclub gegangen. Und auf einmal standen die Automaten da, und wir waren vollkommen fasziniert."

Die Faszination ist ihm bis heute erhalten geblieben. Die Liebe für den alten Video-Spiel-Schrank ist sogar so groß, dass sich Thomas Schenk die Arbeit gemacht und für seine Homepage Polyplay.de alle Spiele nachprogrammiert hat.

"Um den zu erhalten, einfach eine Hommage ans Gerät..."

Mittlerweile hat sich eine unabhängige Forschergruppe aus Computerspiele-Fans, Medienwissenschaftlern und Archivaren in Berlin zusammengetan, die der Geschichte des Polyplay auf den Grund gehen wollen. Jens Zirpins ist Teil des Forschungsteams. Er hat sich durch die Archive gegraben und Erstaunliches zutage gefördert.

"Da muss man ein bisschen weiter ausholen, denn eine Besonderheit war die Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit."

Das Ministerium für Staatssicherheit, die Stasi hatte die Finger bei der Entwicklung im Spiel. Über die Motive kann die Forschungsgruppe nur spekulieren. Fest steht jedoch, dass der Polyplay Ergebnis der Politik der Siebziger Jahre der DDR war, damals wurde die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik beschlossen, was die Steigerung der Konsumgüterproduktion zur Folge hatte.

"Das passt wiederum zusammen mit den Plänen für die 80er-Jahre, dass man viel in die Mikroelektronik investiert und dann zur Weltspitze aufstößt..."

Sagt Karla Höss, die zusammen mit Jens Zirpins forscht.

Fest steht: Der Polyplay sollte nicht nur eine Freude für Kinder und Jugendliche sein, sondern so ganz nebenbei die Jugend der DDR mit Mikroelektronik in Berührung bringen. Bei Thomas Uhlig und Thomas Schenk hat das funktioniert: ihre Liebe zum Polyplay hält bis heute...

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