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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 11.01.2014

Coming-outAbpfiff für "schwule Pässe"

Thomas Hitzlsperger wirbt mit seinem Coming-out für eine tolerantere Gesellschaft

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Thomas Hitzlsperger (dpa / Marijan Murat )
Thomas Hitzlsperger (dpa / Marijan Murat )

Es ist bemerkenswert, was der 31-jährige Ex-Nationalspieler mit seinem Coming-out ausgelöst hat, meint unser Redakteur Andre Zantow. Unsere Gesellschaft brauche mehr Menschen wie Hitzlsperger.

Fußball-Deutschland darf sich freuen: Thomas Hitzlsperger war Gewinner des Tages auf der ersten Seite des englischen Boulevardblatts The Sun. Eine seltene Ehre für einen deutschen Fußballspieler. Und mehr noch: Auch der britische Premier David Cameron hatte sein Coming-out als Hitzlsperger-Fan. Früher wegen der Leistungen für Aston Villa und nun wegen des mutigen Schritts.

Was der 31-Jährige ausgelöst hat, ist bemerkenswert. Nach einer erfolgreichen Profikarriere engagiert er sich gesellschaftspolitisch. Nicht anders ist seine Entscheidung zu verstehen. Es geht nicht um ihn und seine Geschichte, nicht um seine Erfahrungen auf dem Platz. Es geht um die "schwulen Pässe", die von der Kreisliga bis zur Bundesliga gespielt werden. So heißt es unter Fußballern schon mal, wenn ein Pass zu schwach geschossen wurde. Homosexuell gleich schwach, gleich unmännlich, also völlig fehl am Platz im Wettstreit der Gladiatoren.

Thomas Hitzlsperger hat den Anhängern dieser These nachhaltig das Gegenteil bewiesen. Ihm wurde in England der härteste Schuss der Liga nachgesagt. Mit dem VfB Stuttgart erkämpfte er sich sensationell die Deutsche Meisterschaft. Und dieser Top-Spieler steht auf Männer, fragen sich jetzt einige Fans, die in ihrem Schrank noch ein Hitzlsperger-Trikot hängen haben. Was nun? Ignorieren, das Trikot wieder öfter anziehen oder wegwerfen?

Respekt aus Politik und Profisport

Ein Blick auf die Reaktionen im Internet lässt mich mit dem Kopf schütteln. Dort heißt es zum Beispiel: "Solange er niemanden ansteckt, soll er doch schwul sein". Oder: "Der DFB muss jetzt für den Männerfußball zwei Duschen einführen, damit die Spanner nicht glotzen".

Solche Äußerungen könnten auch aus den 60er-Jahren stammen, als homosexuelle Beziehungen in Deutschland noch strafbar waren. Glücklicherweise sind die Gestrigen weniger geworden, die große Mehrheit bekundet heutzutage im Internet ihr Desinteresse. Wer welches Geschlecht bevorzugt, ist meist kein Thema mehr.

Oder doch? Aus Politik und Profisport heißt es, Hitzlsperger verdiene "höchsten Respekt", so die Worte von DFB-Präsident Wolfang Niersbach. Er soll nun "jede erdenkliche Unterstützung" erhalten. Das zeigt, wie groß die Angst vor einer solchen Debatte in der Fußball-Welt ist. Gegen dieses diskriminierende Klima hat der Deutsche Fußball-Bund bisher zu wenig getan. Die 26-seitige Aufklärungsbroschüre mit dem Titel: "Fußball und Homosexualität" ist nur ein Feigenblatt, um Aktivität zu simulieren.

Auch die Bundesregierung lässt sich mehr vom Verfassungsgericht treiben, als selbst voran zu gehen. Zwar bekundet Regierungssprecher Seibert, dass wir in einem Land leben, "in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen". Gleichzeitig stemmt sich die Union allerdings gegen die vollständige Gleichstellung von homosexuellen Paaren. Hier fehlt es Angela Merkel und Horst Seehofer an Mut. Sollten sich beide endlich gegen diese Ungerechtigkeit einsetzen, wäre ihnen mein Respekt sicher.

Coming-out während der Karriere unmöglich

Rechtliche Unterschiede zementieren nur Vorurteile in den Köpfen. Das zeigt ein Blick nach Baden-Württemberg. Dort machen gerade Bürger mobil gegen Pläne der grün-roten Landesregierung. Die will an Schulen "sexuelle Vielfalt" im Unterricht thematisieren. Das widerstrebt vielen Lehrern und Eltern. Sie haben schon fast 70.000 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt. Sie wollen nicht, dass es im Sexualunterricht künftig auch um Lesben, Schwule, Bisexuelle und transsexuelle Menschen geht.

So ist das Versteckspiel im späteren Leben programmiert. Wer in seiner Kindheit Tabus aufbaut, hat es schwer sich davon zu lösen. Vor allem im direkten Umfeld. Ähnlich hat es auch Thomas Hitzlsperger geschildert. Er hat nicht die gesichtslose Fan-Masse gefürchtet, für ihn war es die Kabine, die Stimmung in der Mannschaft, der Gruppenzwang, der ein Coming-out während der Karriere unmöglich gemacht hat.

Bei diesem Klima darf es nicht bleiben. Es braucht in einer Gesellschaft mehr Menschen wie Thomas Hitzlsperger. Nur so lässt sich erreichen, dass "schwule Pässe" schon in der B-Jugend keine Chance mehr haben.

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