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Im Gespräch | Beitrag vom 27.08.2019

Comiczeichner Reinhard KleistBilder gebrochener Lebenswege

Moderation: Tim Wiese

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Reinhard Kleist (©Carlsen Verlag by Wolf-Dieter Tabbert)
Beim Zeichnen völlig bei sich: Der Comiczeichner Reinhard Kleist. (©Carlsen Verlag by Wolf-Dieter Tabbert)

Nick Cave, Johnny Cash oder das kurze Leben der somalischen Sprinterin Samia Omar: Reinhard Kleist zeichnet Biographien als Comics - und das mit großem Erfolg. Mit seiner neuesten Graphic Novel "Knock Out!" steigt er in den Boxring.

Während die Fäuste flogen, machte er Skizzen: Reinhard Kleist hat sich bei der Recherche für sein neustes Buch "Knock Out!" neben den Boxring gesetzt und die Kämpfer in voller Aktion gezeichnet. Emile Griffith hieß der Boxer, dessen Leben Reinhard Kleist mit dem Zeichenstift nachspürt. Einst ein gefeierter Kämpfer - schwarz, offen schwul. Der Bruch in seiner Biographie kam, als er im Ring einen Gegner tödlich verletzte, der ihn zuvor homophob beleidigt hatte.

Auf diese Geschichte stieß Reinhard Kleist durch Zufall und war sofort beeindruckt von ihrer "emotionalen Wucht": "Ich spürte, dass ich die Geschichte machen sollte, weil sich Emile Griffith so sämtlichen Schubladen entzieht."

"Reinhard, du kannst mich auf den Mond schießen"

Menschen mit Brüchen in ihrem Lebensweg faszinieren den zeichnenden Biographen Reinhard Kleist. So auch der Sänger Nick Cave, über den er ebenfalls eine Graphic Novel vorgelegt hat. Bei der Arbeit sah ihm Nick Cave auch mal über die Schulter:

"Mich hat das ganz schön gepusht, dass ich wusste, der sitzt mir jetzt im Nacken. Aber gepusht heißt auch, dass ich mir sehr viel mehr Druck gemacht habe."

Wobei Nick Cave ihm volle künstlerische Freiheit gab und sagte: "'Reinhard, du machst einen Comic, du kannst mich da auch auf den Mond schießen.' Das habe ich dann auch gemacht."

Live Drawing im Radio

Zeichnen ist eine Arbeit im stillen Kämmerlein. Reinhard Kleist geht aber gern auch raus, er macht "Live Drawing" vor Publikum. Dabei zeichnet er, während ein Musikstück läuft, eine Illustration dazu, möglichst so synchron, "dass ich mit der ersten Note von dem Lied anfange und mit der letzten aufhöre."

So zeichnete Reinhard Kleist während des Gesprächs live im Studio von Deutschlandfunk Kultur ein Bild zum Titel "Henry Lee" von Nick Cave.

Zur Musik von Nick Caves Song "Henry Lee" hat Reinhard Kleist live dieses Bild gezeichnet. Es zeigt natürlich Nick Cave, und eine ihm zugewandte Frau, die das Messer hinterm Rücken versteckt. (Deutschlandradio - Andreas Buron)Zur Musik von Nick Caves Song "Henry Lee" hat Reinhard Kleist live dieses Bild gezeichnet. Es zeigt natürlich Nick Cave, und eine ihm zugewandte Frau, die das Messer hinterm Rücken versteckt. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Und zu "I'm movin' on" von Johnny Cash, dem Reinhard Kleist auch ein Buch gewidmet hat.

Während Johnny Cash mit "I'm movin on" im Hintergrund lief, hat Reinhard Kleist für uns live im Studio dieses Johnny Cash-Porträt gezeichnet. (Deutschlandradio - Andreas Buron)Während Johnny Cash mit "I'm movin on" im Hintergrund lief, hat Reinhard Kleist für uns live im Studio dieses Johnny Cash-Porträt gezeichnet. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Während Reinhard Kleist in unserem Studio zeichnete, wirkte er völlig abwesend. So geht es ihm immer, sobald er zum Stift greift: "Wenn ich damit anfange, dann vergesse ich eigentlich, wo ich bin. Das passiert mir ständig, wenn ich irgendwo zeichne."

Einem Gesicht eine Geschichte geben

Den Verkaufserlös der Bilder, die beim "Live Drawing" entstehen, stiftet Reinhard Kleist unter anderem an Organisationen der Flüchtlingshilfe. Das hängt zusammen mit seiner Graphic Novel über Samia Omar, eine somalische Leichtathletin und Olympia-Teilnehmerin, die 2012 bei der Flucht im Mittelmeer ertrunken ist:

"In Filmberichten sieht man dann irgendwelche Bilder von Horden von Menschen auf diesen unmöglichen Schlauchbooten. Und ich wollte jetzt mal einem von diesen Gesichtern eine Geschichte geben, dass es nicht bloß eine Zahl ist, sondern ein Mensch."

(pag)

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