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Profil / Archiv | Beitrag vom 30.04.2014

ComicsVon der Natur inspiriert

Die finnische Zeichnerin Hanneriina Moisseinen

Von Anette Selg

Ein Wald am See um die Gemeinde Mäntyharju in Südostfinnland (picture alliance / ZB)
Hanneriina Moisseinen holt sich ihre Inspiration aus der Natur (picture alliance / ZB)

Finnische Filme sind seit Aki Kaurismäki weltberühmt. Dass die Finnen auch große Comic-Leser sind, ist weniger bekannt. Eine der beeindruckendsten Comic-Neuerscheinungen kommt dabei von der finnischen Zeichnerin Hanneriina Moisseinen.

Das finnische Nationalmuseum in Helsinki sieht aus wie eine Mischung aus Trutzburg und Kirche, mit vielen Türmen und in dunkelgrauem Stein. Hanneriina Moisseinen geht voraus in die Abteilung mit Volkskunst aus Karelien. Die Zeichnerin ist mittelgroß und hat braunes schulterlanges Haar.

"Das hier ist eine südkarelische protestantische Tracht und das eine südkarelische orthodoxe Tracht. Und hier die verschiedenen Kopfbedeckungen."

Die Puppen mit den volkstümlichen Trachten aus besticktem hellen Stoff stehen neben einer niedrigen Bauernkate, in der alles schwarz vor Rauch ist. An der Wand hängen verschiedene rot und auch mehrfarbig verzierte Leinentücher: Käspaikkas, mit überlieferten karelischen Stickmustern.

"Die Stickmotive findet sich jeweils vier Mal auf einem Käspaikka. Die Bilder wiederholen sich auf beiden Seiten und man muss sich ziemlich konzentrieren bei dieser Stickerei. (lacht) Das hier sind die Grundmotive, hier siehst du die Frau und, hier, den Baum."

Ursprünglich vom Land

Hanneriina Moisseinen ist Mitte 30 und lebt wie die meisten finnischen Comic-Zeichnerinnen und -Zeichner in Helsinki. Geboren und aufgewachsen aber ist sie in Karelien im Osten Finnlands, an der Grenze zu Russland.

"Hinter unserem Haus fing der Wald an, und wir waren immer draußen, in der Natur. Haben Beeren gesammelt oder geangelt, sind über den See gerudert. Wir waren immer nur draußen, zu allen Jahreszeiten. Und eigentlich hat mich die Natur erzogen."

Hanneriina Moisseinen spricht ruhig und leise, sucht immer wieder nach den richtigen Worten. Wie viele Comic-Zeichner hat sie gemalt, seit sie denken kann, und auch Comics hat sie schon früh für sich entdeckt. Die gibt es in Finnland selbst in der karelischen Einöde.

"In Finnland gibt es viele, wirklich gute Bibliotheken. Ich bin schon bald ganz allein in unsere Bibliothek gegangen, und als ich mich dann für Comics interessiert habe, da hab ich die ganzen Comic-Regale durchgelesen."

Studiert hat Hanneriina Moisseinen an der Hochschule für Kunst und Medien in Tampere, einer Stadt im Südwesten Finnlands, danach ist sie nach Helsinki gezogen. Ihr erster großer Comic ISÄ – Vater –, ist in Finnland im vergangenen Jahr erschienen. Er führt zurück nach Karelien und in die Kindheit der Zeichnerin. Hanneriina Moisseinen erzählt darin vom plötzlichen Verschwinden ihres Vaters, als sie gerade zwölf war.

"Ich musste diese Geschichte erzählen. Es passiert so selten, dass eine Person einfach verschwindet und nicht wieder auftaucht. Und für mich war es sehr wichtig, diese Szene, in der mein Vater verschwindet, zu zeichnen. Ich habe lange nicht gewagt, es mir vorzustellen, und es hat mich sehr viel Mut gekostet."

Zeichnungen von Wäldern und Seen

In ihrem Comic finden sich viele seitenfüllende Bleistiftzeichnungen, von Wäldern und Seen und auch von der Insel, auf der ihr Vater das letzte Mal gesehen wurde.

"Durch das Zeichnen habe ich mich langsam wieder an ihn erinnert. Zuerst an seine Arme, dann an die Farbe seiner Haut. Das war so wichtig für mich. Und irgendwann hab ich verstanden, dass er wirklich einmal eine reale Person war – und nicht nur ein Geist."

Neben den Bleistiftzeichnungen finden sich in ISÄ auch Seiten mit bestickten Stoffbahnen. Comic-Käspaikkas sozusagen. Dass die Künstlerin für ihren Comic auch zu Nadel und Faden gegriffen hat, hat mit einem karelischen Trauerritual zu tun.

"Zumindest in der orthodoxen Tradition gibt es noch immer diese Feier für die Toten.  Vierzig Tage nachdem ein Verwandter gestorben ist, hängt die Familie vom Friedhof bis zum Haus unzählige dieser Stofftücher,  Käspaikkas, auf. Um die Seelen des Toten zu einem letzten Mahl einzuladen. Man feiert die Erinnerung an den Verstorbenen und danach schickt man seine Seele wieder ins Grab zurück, um dort in Frieden zu ruhen. Und das wollte ich für meinen Vater machen, ihn einladen und danach wieder zurückschicken und ihn in Frieden ruhen lassen."

In ihrem aktuellen Comic-Projekt setzt sich Hanneriina Moisseinen mit der Geschichte ihrer karelischen Heimat im zweiten Weltkrieg auseinander. 1940 fiel ein Großteil dieses Gebietes an die Sowjetunion. Rund 450 00 Finnen flohen aus der besetzten Region oder wurden daraus vertrieben.

Ihre neue Arbeit sieht Hanneriina Moisseinen auch als Kommentar zu vielen anderen Kriegs-Comics, mit ihren tapferen Helden und siegreichen Schlachten.

"Ich halte diese Comics fast alle für etwas sehr naiv, als ging es nur um den heroischen Kampf, um Sieg oder Niederlage.  Mich interessieren die Verwundeten, die Kriegerwitwen, das, was zuhause passiert, das, was danach kommt. Auch deshalb wird es definitiv ein Kriegs-Comic aus Sicht der Frauen werden."

Hanneriina Moisseinen: ISÄ – Father
Finnisch mit englischen Untertiteln
Huudaduuda-Verlag
150 Seiten, 25 Euro

Comic Atlas Finnland
herausgegeben von Sascha Hommer und Kalle Hakkola
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
240 Seiten, teilweise farbig, 34 Euro

Profil

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