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Profil / Archiv | Beitrag vom 15.10.2007

Comics kratzen

Die Zeichnerin Line Hoven

Von Alexandra Mangel

In Hamburg hat sich eine lebendige Szene junger Comic-Zeichner entwickelt. Zu ihr zählt Line Hoven, die ihre Comics nicht malt, sondern mit einem Cuttermesser in Karton ritzt. Zurzeit kratzt sie auf diese Weise eine Familienchronik ins Papier. Ihr allererster Comic-Band "Liebe schaut weg" wurde auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Line Hoven: "Das ist ein Karton, der beschichtet ist mit weißer Kreide und darüber ist schwarze Tusche. Und viele Freunde von mir kennen dieses Geräusch, wenn sie mich anrufen und mit mir telefonieren, weil man im Hintergrund dann immer dieses Kratzen hört."

Line Hoven zeichnet ihre Comics nicht. Sie kratzt sie.

"Das ist halt sehr schön, weil man da sehr detailliert arbeiten kann – und auch konzentriert – und es hat auch ein bisschen was Meditatives – könnte sein, dass das auch ein Punkt ist, warum es mir so viel Spaß macht."

Mit einem Cuttermesser aus dem Baumarkt ritzt sie das Tiefschwarz des Kartons. Lässt weiß unter schwarz Tage und Nächte, Räume und Landschaften erscheinen. Und Figuren, deren Einsamkeit, Verliebtheit und Versunkenheit das schwarze Rechteck der Zeichnung so dicht ausfüllt wie Wasser ein Aquarium.

"Nachdem ich die Zeichnung gemacht habe, weiß ich dann, okay, die nächsten so und so viel Stunden werd ich jetzt hier sitzen und einen Teppich kratzen, ein Tapetenmuster kratzen – dann ist das einfach nur noch vor sich hin arbeiten – und das mag ich total an der Technik."

Eine ganze Woche kratzt sie an einem Karton, nicht größer als ein Briefbogen. Was in dieser Woche aus dem Schwarz hervortritt, wirkt nicht schwer wie ein Holzschnitt, sondern schwebend wie eine Sprechblase.

"Am wichtigsten ist mir immer der Ausdruck! Hier, bei diesem Bild, da war dieses Gesicht einfach so sehr das, was ich mir vorgestellt hatte - …"

Das Gesicht eines sehr jungen, sehr hübschen Mädchens. Es leuchtet aus dem Dunkel einer Tanzfläche. Auf dem Gesicht ein Hauch von einem Lächeln.

"Liebevoll einfach. Als wenn sie sich in diesem Moment eben verliebt hätte! Und das fand ich als Aufgabe sehr schwierig - ein Gesicht zu zeigen, bei dem man das Gefühl hat, es verliebt sich gerade!"

Es ist das Gesicht von Line Hovens Mutter. Charlotte Hoven.

" – gefühlt ist es nicht mehr wirklich meine Mutter, aber die Person, die meine Mutter sein soll –"

... eine ihrer Figuren eben. Denn in ihrem neuen Comic erzählt Line Hoven die Geschichte ihrer Familie – ihrer Eltern und Großeltern. Es geht um Erinnerung …

"… die Geschichten, die mir erzählt wurden, als ich klein war, die Geschichten, die ich mir ausgedacht habe, als ich die Fotos gesehen habe ..."

… um Abschiede. Aufbrüche. Begegnungen. Auf dem Bild verliebt sich Lines Mutter, in den 60er Jahren als Austauschstudentin aus dem amerikanischen Michigan in Bonn, gerade in Lines Vater Reinhard.

"Ja, (Lachen), ja, das erste Date zwischen ihnen. Beim Tanzen. (Kichern)"

Line Hoven begegnet man wie ihren Zeichnungen: Je näher man kommt, umso mehr hellt sich alles auf. Ernstes Gesicht, schwarzer Rock, dunkler Pulli – alles verliert seine Schwere unter Zwinkern, Schmunzeln, Lächeln. Sie ist 29 – die letzten drei Jahre hat sie an diesem Buch, ihrem ersten eigenen Comic gearbeitet. An ihrem Schreibtisch. In der kleinen Altbauwohnung im Hamburger Schanzenviertel, die sie sich mit einer Freundin teilt

"Also zum Schluss hab ich wirklich so gelebt, dass ich morgens aufgestanden bin – und noch vor dem Frühstück angefangen hab – hab dann nach dem Frühstück bis zwei Uhr morgens gekratzt – hab dann irgendwann Schwierigkeiten mit meiner Hand gekriegt."

In ihrer Comic-Familienchronik müssen die Figuren Entscheidungen treffen, die ihr ganzes weiteres Leben bestimmen werden. Beim Kratzen geht es um nichts anderes: Jeder Kratzer eine Spur. Kratzen heißt entscheiden, heißt erzählen. Bild für Bild. Ernster kann man das Prinzip Comic nicht nehmen.

Sprechblasen-Text: "Reinhard … - Reinhard! Schluss jetzt! Gib mir das! - Ich möchte zu gern wissen, wo er immer diese Heftchen herbekommt."

Ein aufgeräumtes 50er Jahre-Wohnzimmer. Ein kleiner Junge – völlig versunken in die Lektüre seiner Marvel-Comics. Und eine schimpfende Mutter, die sich im nächsten Bild wieder in ihre Frauenzeitschrift "Constanze" vertieft.

Sprechblasen-Text: "Fabelhaft, was Rondo schafft … ihr moderner Hausgeist … Das muss ich haben … wie praktisch ist das!"

Mehr liebevolle Aufmerksamkeit für die Figuren geht nicht in eine Bilderfolge. Und auch nicht mehr Liebe zum Detail.

Line Hoven: "Das kommt vielleicht, weil ich früher beim Theater gearbeitet hab und Ausstattungsassistentin war. Also mir sind immer so Requisiten, die in der Zeit spielen total wichtig."

Zwei Jahre lang war sie am Theater in Kassel. Dann fing sie an, Visuelle Kommunikation zu studieren. Erst in Kassel, dann in Hamburg. Ihr neuer Comic wird dort ihre Diplomarbeit sein – und ihre erste eigene Comic-Veröffentlichung im Hamburger Reprodukt-Verlag. Geld hat sie bislang nicht bekommen. Das ist so in der Comic-Branche: Keiner ihrer Hamburger Freunde und Kollegen kennt das anders. Jeder hat einen Job, um zu leben. Line verkauft Schallplatten. Die Frage, warum sie soviel für so wenig Geld arbeitet, kann sie eigentlich nicht mehr hören – und beantwortet sie dann doch.

"Na, es macht einen einfach glücklich, das zu machen! Also, ich könnte jetzt nichts anderes machen. Das ist bei mir so, wenn ich abends noch an den Schreibtisch gehe und dann denke: Oh eigentlich ist das ja ganz okay geworden … Das passiert mir sehr selten, aber wenn es so ist – dann ist das so ein schönes Gefühl, dass ich mich schon darauf freue, am nächsten Tag weiterzumachen."

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