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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.03.2017

Comics & Graphics Festival in LeipzigZwischen totalem Trash und extremer Exklusivität

Von Jule Hoffmann

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Das Manga-Bild zeigt das Portrait eines Gesichts mit einer Sprechblase und dem Text: "Du bist schön". (Karl-Josef Hildenbrand, dpa / picture alliance)
Faszination Manga-Comic: Wir sind nicht reich, haben aber Ideen (Karl-Josef Hildenbrand, dpa / picture alliance)

The Millionaires Club - so war das diesjährige Comics & Graphics Festival in Leipzig betitelt. Finden konnten Besucher beispielsweise Comics in Kleinstauflagen, Daumenkinos, Rolex-Uhren aus Pappe - oder selbstgebaute Tätowiermaschinen für den Knast.

Quer zwischen zwei Häusern der Leipziger Kolonnadenstraße wehen als große goldene Heliumballons die Buchstaben TMC im Wind – TMC wie The Millionaires Club.

Die Stimmung ist wie bei einem Open Air: neben Comiczeichnern und Illustratoren sammelt sich auf der Straße das hippe Publikum; drinnen haben Kleinstverlage, Magazine und Künstlerkollektive ihre Messestände. Die Atmosphäre: entspannt. Kein Sehen und Gesehen werden, eher ein Meet & Greet.

"Wir laden die Leute ein, die wir mögen, deren Arbeiten wir lieben",

sagt Comiczeichnerin Anna Haifisch. Weil sie und ihre Kollegen auf Reisen andere Comiczeichner kennengelernt haben, ist der Millionaires Club in diesem Jahr international. Gina Wynbrandt ist aus Chicago angereist:

"Ich liebe Graffitis und den ganzen Anarcho-Kram, das finde ich wirklich notwendig gerade und ich bin wirklich froh, zu sehen, dass es das gibt.”

Wie ist die existenzielle Lage?

Auch aus Peking sind drei Gäste eingeladen. Eine Übersetzerin hilft beim Austausch mit den deutschen Comiczeichnern.

"Was würden Sie dazu sagen, jetzt in Deutschland als Manga-Autor, wie ist ihre existenzielle Lage?"

Haifisch: "Es liegt uns total am Herzen, dass wir auch die kleinen Gruppen haben, die kommen ja irgendwie von weit her, mit'm Auto aus Paris irgendwie letzte Nacht, so Kollektive, die halt sonst auch nicht immer so ganz einfach 'ne Plattform geboten kriegen."

Herzstück des Millionaires Club sind die Verkaufsstände mit den selbstpublizierten Heften der Künstler: feinste Handarbeit in kleinen Auflagen, von Hand gedruckt und gebunden – und selbst verlegt. Der Berliner Comiczeichner Paul Paetzel:

"Du kriegst sozusagen das fertige Buch aus der Hand vom Künstler. Das ist halt direkt so der pure Apfelsaft, als wenn es jetzt noch mal durch die Fabrik läuft."

Selbstverlegen als künstlerische Praxis

Selbstverlegen als künstlerische Praxis - Auch Heiner Fischer aus dem Organisationsteam des Hamburger Comicfestivals sieht darin einen großen Vorteil.

"Man macht das ja in erster Linie für sich. Und wenn du das über'n Verlag machst und ein Verlag macht das kommerziell und ernsthafter, dann hat das'n anderes Gefühl, das ist ja dann irgendwie haptisch auch anders. Obwohl du vielleicht eigentlich nur ein in Anführungsstrichen Trashprodukt machen wolltest."

(Jule Hoffmann)Kein Sehen und Gesehen werden, eher ein Meet & Greet - der Millionaires Club (Jule Hoffmann)

Zwischen Trash und Exklusivität bewegt sich auch das Angebot an den Ständen des Millionaires Club – neben Zines und Comics gibt es handgezeichnete Tattoos zum auf die Haut kleben, Daumenkinos und Rolex-Pappuhren. Anna Haifisch:

"Wir sind keine Millionäre, natürlich nicht, aber halt Visionäre, reich an Ideen."

In einem Ausstellungsraum duftet es intensiv nach Bananen und Orangen. Beim "DIY- Knast Tattoo Maschinenbau-Workshop" üben die Teilnehmer mit ihren selbstgebauten Tätowiermaschinen das Tätowieren auf Obstschalen. Workshopleiter Thorsten Illner:

"Na es ist, würde ich sagen, Grafik auf Haut und je nach Bauart kommen ja unterschiedliche Striche zustande ... die illustrieren sich hier selbst."

Exklusives Angebot der "Big Pussy"-Autorin

Die Tätowiermaschinen sind eigene Kunst– bzw. Trash-Objekte.

"Also ich hab von so nem Plastikdinosaurier den Bauch einfach aufgeschnitten und mit so nem Regalwinkel versuch ich, dass halt die Nadel quasi hier so durch den Hals dann ..."

Und während drinnen tätowiert und verkauft wird, werden draußen Zines und Email-Adressen getauscht – und exklusive Angebote gemacht, zum Beispiel von Gina Wynbrandt, Autorin der Comics "Big Pussy" und "Someone Please Have Sex With Me":

"If anyone wants to have sex with me, I'm leaving Monday – and I will be in Berlin on Wednesday. Just message me on twitter."

Unser Portal zur Leipziger Buchmesse

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