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Kompressor | Beitrag vom 04.04.2017

Comics für Blinde und SehbeeinträchtigteBilder, Charakter und Geschichten erfühlen

Von Jennifer Rieger

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Zahlreiche Comics liegen am Donnerstag (07.06.2012) in Erlangen (Mittelfranken) auf dem 15. Internationalen Comic-Salon zum Verkauf aus. Das wichtigste Festival für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum hat noch bis 10. Juni geöffnet. Neben den Klassikern bestimmen längst auch gesellschaftspolitische Themen die grafische Literatur. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Comics für Blinde und Sehbeeinträchtigte sehen anders aus als dieser Haufen Comics. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Comics, das sind Bildergeschichten, Sprechblasen und Denkblasen – ein sehr visuelles Medium also, für Sehbehinderte nicht zugänglich. Oder doch? Dieser Frage widmet sich das Projekt Shapereader.

Im Bau 745 der Hochschule Luzern – Design und Kunst sind die Vorhänge zugezogen. Im Halbdunklen stehen rund 15 Besucher zwischen Tischen, Stelen und einer beleuchteten Kabine. Darin und darauf hängen und liegen Platten mit geheimnisvollen Reliefmustern – die Pforten zu einem neuen Universum, in das Andrea Schläfli gerade eingeladen hat.

Ich wurde hier eingeladen zu dieser Ausstellung hinzu zu kommen, nicht, weil ich in irgendeiner Form Comicsexpertin wäre, sondern weil ich sehbehindert bin und ich Menschen von Fumetto kenne.

Andrea führt durch die Ausstellung Shapereader, gemeinsam mit dem griechischen Künstler Ilan Manouach, der seit rund vier Jahren an dem Projekt arbeitet.

"Kurz gesagt: Shapereader ist ein taktiles Kommunikationssystem. Es soll Menschen mit Sehbehinderungen – aber nicht nur ihnen – ermöglichen, ihre eigenen literarischen Werke zu schaffen, egal in welcher Form. Es können Comics sein, Texte, Gedichte, Rezepte, der Wetterbericht, was auch immer man mag. Shapereader besteht aus verschiedenen Formen, wie wir sie hier drüben sehen, auf der Kommunikationstafel..."

Kreise, Schlangenlinien, Dreiecke

Die Tafel besteht aus einem anthrazitgrauen, kunststoffartigen Material. Sie ist unterteilt in kleinere Quadrate, etwa zehn mal zehn Zentimeter,die in die Muster eingraviert sind: Kreise, Schlangenlinien, Dreiecke, Rhomben, die sich mit den Fingern erfühlen lassen. Ilan nennt sie Taktigramme – Piktogramme zum Anfassen. Die Kommunikationstafel ist im Prinzip ein Wörterbuch: An der Seite stehen die Übersetzungen der jeweiligen Formen in der Blindenschrift Braille und in lateinischen Buchstaben.

"In diesem Fall haben wir Formen für die Hauptfiguren der Geschichte, für die Orte, an denen sie abläuft, für Objekte, die darin vorkommen, Verben, die die Erzählung vorantreiben und Emotionen, die beschreiben, wie sich die Charaktere fühlen. Kann die mal jemand vorlesen? Nur diese Zeile."

Insgesamt 220 Muster sind auf der Kommunikationstafel zu finden, sie bilden das Vokabular für Ilan Manouachs Geschichte "Arctic Circle".

"Hier haben wir eine 57-seitige Geschichte mit Panels, wie in einem klassischen Comic. Es gibt Charaktere, Text, Handlung... Dinge, die in der Geschichte passieren. Die Geschichte handelt von zwei Klimaforschern am Nordpol, die einen Eisbohrkern ausgraben. Der Bohrkern zeigt die Klimaveränderungen der letzten Jahrhunderte und mit seiner Hilfe wollen die Forscher herausfinden, wie sich das Klima auf der Erde in Zukunft verändern wird. Das heißt, sie entziffern die Muster im Bohrkern, genauso wie wir versuchen, diese Muster hier zu entziffern, um die Geschichte zu lesen."

Die Formen sind in einem bestimmten Muster angeordnet, sozusagen die Shapereader-Grammatik: Die Hauptfigur in der Mitte, rundherum ihre Handlungen, Objekte, die sie in der Hand hält, Gefühle. So lässt sich die ganze Geschichte Stück für Stück ertasten – vorausgesetzt, man hat vorher fleißig Vokabeln gepaukt. Was nicht ganz einfach ist, selbst für Andrea Schläfli.

"Die Frage ist schon: Spürst du das überhaupt? Also ich find das wahnsinnig schwierig, weil ich kann z.B. nicht Brailleschrift lesen, wie eigentlich die wenigsten von uns. Und es ist einfach ein gigantisches Memoryspiel. Also wir fragen euch am Schluss ab, es gibt Noten selbstverständlich. Aber probiert mal rauszufinden, was könnt ihr unterscheiden, was fühlt ihr, seid da mal ganz neugierig."

Blinde und Sehende erfinden gemeinsam Geschichten

Doch Ilan Manouach will mit Shapereader mehr erreichen, als Sehbehinderten Comics näher zu bringen – es ist ein linguistisches Experiment. Ilan bietet Workshops an, bei denen Blinde und Sehende gemeinsam ihre eigenen Geschichten erfinden und in erfühlbarer Form festhalten, indem sie magnetische Kacheln auf metallenem Untergrund anordnen. Das einzige, was dabei vorgegeben ist, sind die Muster auf den Kacheln – alles andere ist Diskussionssache:

"Sie erfinden ihr eigenes Wörterbuch und arbeiten zusammen an Geschichten. Nicht nur, was die Formen bedeuten wird diskutiert, sondern auch der Erzählstil. Der kann zum Beispiel linear sein... oder so aussehen wie das hier, auf einer größeren Fläche verteilt. Das ist alles Teil des Schreibstils – und so zeigen wir, dass Sprache immer im Kollektiv verhandelt wird. Die Menschen müssen sich auf Bedeutungen einigen."

Ob sich Taktigramme weiterentwickeln und irgendwann alle sehbehinderten Menschen Bildergeschichten lesen können? Das weiß auch Andrea Schläfli nicht – trotzdem gerät sie ins Schwärmen.

Ich gestehe, ich werde jetzt gerade ganz pathetisch. Für mich ist es wirklich Kunst, im Sinne von was Kunst tun soll. Kunst soll unsere Gesellschaft gegen den Strich bürsten und sichtbar machen, wie funktionieren wir. Und ich finde das gelingt diesem Werk, zu zeigen also, wie sind Kommunikationssysteme, neue zu erfinden.

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