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Im Gespräch | Beitrag vom 10.03.2020

Comic-Zeichnerin Isabel KreitzDie Königin der Graphic Novel

Moderation: Katrin Heise

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Ein gezeichnetes Selbstporträt der Comicautorin Isabel Kreitz - während Kreitz zeichnet, fällt ihr das rechte Auge aus der Augenhöhle. (Copyright: Isabel Kreitz)
Ein Selbstporträt von Isabel Kreitz: Hoffentlich passiert das der Künstlerin, die sich als Handwerkerin versteht, nicht allzu oft. (Copyright: Isabel Kreitz)

Mit Sprechblasen und Pinselstrichen Geschichten erzählen: Das ist die große Leidenschaft von Isabel Kreitz. Den internationalen Durchbruch schaffte die Comic-Zeichnerin 2008 mit einer Graphic Novel über den Spion Richard Sorge.

Von Comicbildern ist Isabel Kreitz schon als kleines Kind fasziniert – erst sind es Bilder auf der Zahnpastatube, dann kommen Asterix und Obelix dazu. Da sie noch nicht lesen kann, schaut sich Isabel die Zeichnungen genau an und denkt sich eigene Geschichten dazu aus.

"Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern irgendwie mal Anteil genommen hätten an dem, was ich mit dem Stift zustande bringe", erinnert sich Kreitz. Das Manko deutet sie in einen Vorteil um: Anstatt sich darüber zu ärgern, findet sie es großartig, in Ruhe gelassen zu werden.

Nach der Schule studiert Kreitz an der Hamburger Fachhochschule für Kunst. Doch statt inspiriert zu werden, verliert sie den Spaß am Zeichnen, weil mit dem Studium so viel "Artfremdes" auf sie zukommt. Das ändert sich erst wieder, als sie ein Gastsemester in New York verbringt und dort lernt, "wie man industriell Comics fertigt".

Recherche und Konzeption dauern über ein Jahr

Kreitz versteht sich als "Handwerkerin" und nicht als Künstlerin. Um zu zeichnen, geht sie in ihr Büro; ihr Zuhause sei "stiftfrei", berichtet sie. Lange zeichnet sie die berühmten "Ottifanten", verwandelt Kinderbücher von Erich Kästner in Comics oder bebildert in "Deutschland. Ein Bilderbuch" 60 Jahre deutsche Geschichte.

Wenn sie an eigenen Graphic Novels wie "Die Sache mit Sorge – Stalins Spion in Tokio", "Haarmann" oder "Rohrkrepierer" schreibt und zeichnet, dauern Recherche und Konzeption oft über ein Jahr. Die Arbeit an solchen Geschichten sei vergleichbar mit der Bildhauerei, meint sie: "Man hat einen Riesenberg an Material und klopft daran herum, bis ein Extrakt übrig bleibt."

Fasziniert ist sie eher von ernsten, teils schauerlichen Geschichten, von "deplatzierten" Figuren. Mit ihnen hat Kreitz Erfolg: Schon zwei Mal hat sie die höchste Auszeichnung für Comics in Deutschland bekommen, den "Max und Moritz-Preis".

Die Zeichnungen ihrer neuen Werke sind wesentlich detailreicher als früher. Das liege an der Reprotechnik, die sich in den vergangenen Jahren extrem verändert habe, berichtet Kreitz. Den "größten Spaß" hat sie, wenn sie Comic-Aufträge von Zeitungen bekommt, und "wenn der Comic einen Nutzen hat".

Comics haben oft nur kleine Auflagen

Die circa 450 bis 500 hauptberuflichen Comiczeichner in Deutschland müssen bei Veröffentlichungen  immer mehr Aufgaben selber übernehmen. Das Arbeitspensum in Verlagen und Redaktionen sei so stark gewachsen, dass eine Betreuung durch einen Lektor nicht mehr funktioniere, berichtet Kreitz:

"Ich denke manchmal, die Verlage müssen aufpassen, dass sie ihre Existenzberechtigung behalten, wenn sie Comics machen, fördern und Zeichner verlegen. Weil: Irgendwann sind sie überflüssig, dann machen wir das halt alles selber."

Mehr Arbeit heißt auch weniger Verdienst für die Comiczeichner. Obwohl insbesondere Graphic Novels in Deutschland eine Art Boom erleben, ist selbst eine erfolgreiche Comiczeichnerin wie Kreitz auf regelmäßige Aufträge für Illustrationen angewiesen: "Wenn ein Comic frisch an den Start geht, dann hat er selten eine Auflage, die über 5.000 Stück geht."

Üblicherweise bekomme man ein Garantiehonorar in Höhe von acht Prozent - Tendenz sinkend. "Man muss sehr lange warten, bis es sich amortisiert, wenn es sich überhaupt jemals amortisiert." Und das tue es eigentlich nur, wenn es nach der ersten Auflage weitere gebe.

(cg)

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