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Buchkritik | Beitrag vom 14.10.2020

Comic-Sachbuch „Vergebung ist ziemlich strange“Die Seele nicht dem Groll überlassen

Von Susanne Billig

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Buchcover „Vergebung ist ziemlich strange“ (Deutschlandradio / Carl-Auer Verlag)
Ein Sachbuch als Comic: Bei „Vergebung ist ziemlich strange“ ist diese Form der Wissensvermittlung gut gelungen. (Deutschlandradio / Carl-Auer Verlag)

Psychologe Masi Noor und Journalistin Marina Cantacuzino haben ein informatives Buch zum Thema Vergeben geschrieben. „Vergebung ist ziemlich strange“ ist Teil einer Comic-Sachbuchreihe, die sich mit der menschlichen Psyche beschäftigt.

Mühsam klettert ein mit schwerem Gepäck beladener Mann einen steilen Berg hinauf. Dessen Gipfel erhebt sich in weiter Ferne. Kein Gipfelkreuz steht dort oben, sondern ein Schild mit einer Aufschrift: "Vergebung".

Vergebung ist kein Akt, den Menschen ein einziges Mal vollziehe und der damit vollendet sei, lässt sich in dem neuen Comic-Sachbuch "Vergebung ist ziemlich strange" erfahren. Tatsächlich kann es viele Jahre dauern, einer Person zu verzeihen, die großes Leid zugefügt hat – nicht selten muss das Verzeihen täglich neu entschieden und bewältigt werden.

Ausdrucksstarke Bilder

Ausdrucksstarke metaphorische Bilder findet Illustratorin Sophie Standing für das vielschichtige Thema des Verzeihens, während die Journalistin Marina Cantacuzino und der Sozialpsychologe Masi Noor, beide versierte Fachleute für die Themen Vergebung, Versöhnung und Konfliktbewältigung, eine erstaunliche Dichte an Informationen auf dem begrenzten Platz des Comicbuches unterbringen.

In Porträtbildern und kurzen Zitaten stellen sie Menschen wie Gill Hicks vor, die bei einem Terroranschlag in London beide Beine verlor. In einer Sprechblase erklärt sie: "Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht zu verstehen, warum ein 19-jähriger Mann aus Nordengland sich sein Leben und mir meines nehmen wollte."

Um zu verzeihen, hilft der Perspektivwechsel

Verstehen muss also nicht moralgetrieben sein, sondern kann ganz wörtlich begriffen werden: Um mich selbst von Hass und Verständnislosigkeit zu befreien, kann ich die Perspektive und Lebensumstände der Person erkunden, die mir großes Leid zugefügt hat.

Häufig arbeiten Autorin und Autor auch mit offenen Fragen. "Was ist eine gerechte Strafe?", heißt es auf einer Seite. Eine Antwort gibt das Buch nicht. "Wie viel Raum deiner Seele bist du bereit, Kränkungen und Groll zu überlassen?"

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Auch hier bleibt die Antwort aus, sodass viel Zeit bleibt, das zugehörige Bild zu betrachten: ein kahler Kopf, von schräg oben gezeichnet, ohne Schädeldecke, sodass man in den Kopf hineinschauen kann. Häuser stehen dort, die Häuserwände beschriftet mit Verlust, Trauer, Schmerz, Kränkung, Leid.

Der hier skizzierte Mensch hat offensichtlich sein ganzes Innenleben dem Schmerz übergeben. Gleichzeitig scheint er sich entschieden zu haben, das eigene Leiden zu beenden, denn neben jedes Haus hat die Illustratorin ein Schild platziert: "Zu vermieten!".

Das Gute im Schlechten sehen

"Vergebung ist ziemlich strange" gehört zu einer Comic-Heft-Reihe aus dem Carl Auer Verlag. Vorherige Bände widmen sich ähnlich vielschichtig, informativ und bilderstark den Themen Angst, Trauma und Schmerz – komplexe, widersprüchliche Zustände der menschlichen Psyche, die Betroffenen Angst machen können, ihnen aber auch Möglichkeiten des Wachstums bieten. Oder wie der Sänger Leonard Cohen es ausdrückte, den die Buchreihe zitiert: "Es ist ein Riss in allem. So kommt das Licht herein."

Masi Noor, Marina Cantacuzino: "Vergebung ist ziemlich strange"
Mit Illustrationen von Sophie Standing
Übersetzung aus dem Englischen von Weronika Jakubowska
Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2020
63 Seiten, 19,95 Euro

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