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Kompressor | Beitrag vom 22.04.2016

Comic-Konzert "Fliegenpapier"Graphic Novels jetzt mit Musik

Von Kerstin Poppendieck

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Zahlreiche Comics liegen am Donnerstag (07.06.2012) in Erlangen (Mittelfranken) auf dem 15. Internationalen Comic-Salon zum Verkauf aus. Das wichtigste Festival für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum hat noch bis 10. Juni geöffnet. Neben den Klassikern bestimmen längst auch gesellschaftspolitische Themen die grafische Literatur. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Comics und Graphic Novels - bisher ohne Ton. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Der Komponist Itay Dvori hat die Graphic Novel "Fliegenpapier" vertont - eine Bildergeschichte aus dem Jahr 1982 von Hans Hillmann – und so ein neues Genre geschaffen: das Comic-Konzert.

Ein Klavier, ein Schlagzeug, Kontrabass und Saxofon. Das Licht ist gedämpft, das Publikum sitzt auf Stühlen. Bis hierhin könnte es auch ein intimes Jazzkonzert sein. Aber rechts neben den Musikern steht ein Sprecher und an der Wand hinter den Musikern hängt eine große Leinwand, auf die die Seiten einer Graphic Novel projiziert werden. 

Dass Comics in Veranstaltungen vorgelesen werden, ist nichts Neues. Manchmal wird das dann auch mit Musik unterlegt, um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Das alles gibt es schon. Aber das ist auch nicht der Ansatz von Itay Dvori, der die Musik für das wohl erste Comic-Konzert komponiert hat.
 
"Hier geht es darum, dass wir a erst einmal Live spielen, b die Musik soll nicht untermalen, sondern auf gleicher Augenhöhe wie die Bilder. Natürlich gibt es Stellen, wo die Musik ein bisschen mehr begleitet, genau wie in der Oper. Es gibt manchmal mehr Szenen, manchmal mehr Musik. Die Musik versucht, viel zu erzählen." 

Kriminalgeschichte mit Jazz 

Ein Schlagzeug, dass den Protagonisten Babe McCloor an die Tür klopfen lässt. Immer lauter und fordernder. "Fliegenpapier" erzählt die Geschichte von Sue, der missratenen Tochter einer reichen New Yorker Familie. Sie geht nach San Francisco, lässt sich dort mit zwielichtigen Typen wie Babe ein und kellnert in einer Bar. Eine Krimigeschichte, die irgendwann in den 1920ern, -30ern spielt. Da war es für Komponist Itay Dvori naheliegend, dass diese Geschichte nach Jazz verlangt. Babe ist mittlerweile in der Bar und schnell beginnt eine Schlägerei. 

"Es gibt sehr viele Bilder von der Stadt. Es spielt in San Francisco. Es ist einfach sehr atmosphärisch, sehr stimmungsvoll. Solche Bilder öffnen bei mir schon die Musikkanäle. Und wir kommentieren auch mit der Musik. Manchmal ist es ein bisschen komisch, manchmal ernster, manchmal dramatisch. - Hier, die Entdeckung der Leiche oder eine Fluchtszene. Die ist sehr cinematisch und man kann starke Rhythmen in der Musik erkennen. Die Musik ist von mir komponiert, sie lässt aber sehr viel Raum für Improvisation." 

Mehr musikalische Freiheit als bei Stummfilmen

Wort-Bild-Ton, diese drei Ebenen bedient das Konzert. Das Yam Yabasha Ensemble hat sich extra für dieses Projekt gegründet. Obwohl die Musiker erst seit Kurzem zusammen musizieren, funktioniert das Zusammenspiel beeindruckend. Immer wieder schauen sie sich an, nicken sich zu oder zählen den Takt mit den Fingern. Ganz offensichtlich haben sie Spaß an der Improvisation. Anders als bei einem klassischen Filmsoundtrack oder auch bei der musikalischen Begleitung bei Stummfilmen ist für Itay Dvori das Besondere am Comic Konzert, dass es den Musikern viel mehr Einfluss und Mitbestimmung gibt. 

"Es lässt uns mehr Freiheit als bei einem Stummfilm, wenn wir an das Timing des Filmes gebunden sind. Hier können wir je nach Musik, nach musikalischer Vorstellung, wirklich bis zu Ende bringen und erst dann blättern. Und wir können einfach wirklich mehr improvisieren. Das ist es, was es zu einem Jazzkonzert macht. Dass wir wirklich im Konzert entscheiden können, jetzt geht es ins nächste Bild." 

Verwirrende Mischung aus Bildern, Sprache, Musik

Mindestens zwei Sekunden bleibt jedes Bild stehen, höchstens eine halbe Minute. Dank des Sprechers muss der Zuschauer sich auf keinen Text konzentrieren. Aber auch so sind es ziemlich viele Eindrücke, die da auf das Publikum einwirken. Die Musik ist nie unauffällig begleitend, sondern stets prominent, manchmal aggressiv und experimentell, selten melodiös.

Die Idee hinter dem Projekt ist spannend, aber vielleicht wäre eine Buchvorlage mit weniger komplexem Inhalt besser gewesen. Wer war jetzt noch einmal der Mörder? Worum ging es in der Geschichte? Am Ende bleibt eine laute, manchmal verwirrende Mischung aus Bildern, Sprache und Musik. 

"Fliegenpapier. Ein Comic-Konzert": Das nächste Konzert findet am 28. April 2016 beim Internationalen Trickfilm-Festival in Stuttgart statt. 

Fazit

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