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Studio 9 | Beitrag vom 29.09.2014

Comedy-SchuleEin Lehrer zum Lachen

Cem-Ali Gültekin unterrichtet Nachwuchskomiker

Von Petra Marchewka

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Lachender Mund (dpa picture alliance/ Klaus Rose)
Lachen will gelernt sein - zum Beispiel in der Comedy-Schule in Hamburg. (dpa picture alliance/ Klaus Rose)

Die Hamburger Schule für Comedy will Nachwuchskomikern das Handwerkszeug für ihren Traumjob vermitteln. Cem-Ali Gültekin ist einer der Gründer und führt seit Jahren Touristen in seiner Stadtrundfahrt mit Stand-up-Comedy durch die Hansestadt.

"Moin, moin!"

"Hallo!"

"Hier gleich was zu trinken, bitteschön."

Auf der Reeperbahn abends um neun drängen gut gelaunte Comedy-Fans in einen Reisebus. Ein Mann in Jeans und T-Shirt nimmt alle freundlich in Empfang, mit Handschlag und Kaltgetränk. Cem-Ali Gültekin liebt den hautnahen Kontakt zu seinem Publikum, wirkt ehrlich erfreut über Anke aus Düren und Heinzi aus der Schweiz. Der dunkelhaarige Unterhaltungskünstler lacht charmant und sondiert dezent die Stimmung seiner Gäste.

Im Bus, Musik, Stimme über Lautsprecher:

"Bitte begrüßen Sie mit einem Riesenapplaus, hier ist Ihr heutiger Moderator, Cem-Ali Gültekin!!!"

Etwa 25 Vorstellungen pro Wochenende

Die Idee zur Comedy-Tour hat Gültekin gemeinsam mit seinem Partner Jan Harries entwickelt, nach einer Ausbildung zum Medienkaufmann und dem Besuch der Hamburger Schauspielschule. Inzwischen ist das ehemalige Hobby ein ernsthaftes Unternehmen, spielt ein Künstler-Team rund 25 Vorstellungen pro Wochenende, außer in Hamburg auch in Berlin, Köln, München und Dresden.

"Das ist ja das Spannende eigentlich an dieser Arbeit, guck mal, ich hab bald meine tausendste Vorstellung und es wird nicht langweilig. Und das hat eben ganz viel damit zu tun, dass die Leute immer unterschiedlich sind."

Der nächste Tag. In seinem Lieblingscafé, nur ein paar Gehminuten von der Reeperbahn entfernt, schaut Cem-Ali Gültekin aus dem Fenster auf den spätsommerlichen Trubel. Der 33-Jährige liebt das bunte Leben auf St. Pauli, lebt hier nur einige Straßen weiter mit seiner Frau und den drei Kindern. Cem-Ali Gültekin stammt aus einer großen Familie, deren Wurzeln im Süden der Türkei liegen, an der Grenze zu Syrien. Die türkische und arabische Kultur, auf die der Comedian in seinen Programmen gerne anspielt, haben sich die Gültekins bewahrt, als die Familie in den 60er Jahren nach Hamburg kam.

"Ich bin durch und durch Hamburger, aber wenn ich in die Türkei komme, dann weiß ich ganz genau, wie die Sitten und Gebräuche in der Türkei sind, und wenn ich zu meinen Verwandten an die syrische Grenze komme, wo dann die Traditionen eher ins Arabische gehen, weiß ich ganz genau, was zu tun ist, ich tauche gleich ein und bin einer von denen."

Antakya, die Hauptstadt der südtürkischen Provinz Hatay, liegt keine 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Der Bürgerkrieg im Nachbarland und der Terror der IS-Milizen dort belasten auch das Leben der Gültekins.

"Die Leute haben schon Angst, dass die Türkei sich reinziehen lässt in irgendwas, weil es ist halt unmittelbar hinter der Grenze..."

Cem-Ali Gültekin ist Profi, kann auf Knopfdruck Witzigsein und Sorgen einfach ausblenden. Privat sei er übrigens eher schweigsam und kein Klassenclown, sagt der Comedian, Tiefgründigkeit und komödiantisches Talent seien keine Widersprüche, man denke da nur an Robin Williams. Ein paar sympathische Lachfältchen umgeben die tiefgrünen Augen, als sich Cem-Ali Gültekin an die Anfänge seiner Karriere erinnert, damals auf dem Wohnzimmertisch der Oma.

"Ja, das ist tatsächlich so. Ich wurde damals halt immer hingestellt, auf den Tisch, und dann hieß es: So Cem, und jetzt erzähl uns 'ne Geschichte."

In der Schule geht es um Textentwicklung und Bühnenpräsenz

Was er kann, will er jetzt weitergeben. Als künstlerischer Leiter der neuen Schule für Comedy, die in den Räumen der „Schule für Schauspiel Hamburg" untergebracht ist, möchte er zunächst an zwei Abenden pro Woche und mit Unterstützung weiterer Profis in die Grundlagen einweisen, in einem ersten Pilotlehrgang mit den Schwerpunkten Textentwicklung und Bühnenpräsenz. Später dann sollen weitere Fächer dazu kommen, wie Stimmbildung, Improvisation, Körperarbeit.

"Ich kann niemanden zu etwas machen. Ich kann nur denjenigen unterstützen, die eigenen Zugänge zu finden. Weil im Grunde genommen ist alles, was Du brauchst, um auf der Bühne zu stehen und erfolgreich zu sein, hast Du in Dir selber drin."

"Der Michel..., pass auf, pass auf! Der Michel ist eine der fünf Hauptkirchen in Hamburg, noch. In drei Jahren dann eine der fünf Hauptmoscheen."

Es ist wieder Nacht auf St. Pauli. Der Comedy-Tour-Bus rollt am Hamburger Wahrzeichen, dem Michel, vorbei und nimmt Kurs auf die Hafencity. Wieder sind 50 Passagiere wild entschlossen, heute Abend Spaß zu haben.

"Unser Leben wird bestimmt von Stress, man muss funktionieren, alles wird schneller, alles wird lauter, es wird immer unberechenbarer alles, und wenn ich dann abends nach Hause komme, dann möchte ich gerne Unterhaltung haben."

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins."

Mit dem Hunger auf Unterhaltung erklärt sich Gültekin den ungebrochenen Boom der Comedy-Sparte und die Notwendigkeit einer entsprechenden Schule. Er selbst möchte sich hingegen in Zukunft noch stärker der Arbeit vor der Fernsehkamera widmen, hat gerade den Kieler Tatort an der Seite von Axel Milberg gedreht, wird im ARD-Zweiteiler „Das Programm" zu sehen sein und ab nächstem Jahr in der neuen ZDF-Vorabendserie "Sibel & Max". Aber heute Abend bespielt Cem-Ali Gültekin zu Hundert Prozent den Mittelgang des gecharterten Reisebusses. Verschiedene Genres zu bedienen, ist für ihn kein Widerspruch – es ist Ausdruck seiner Persönlichkeit.

"Ich möchte nicht, bis ich 60 bin, nur Comedy machen. Und genauso könnte ich mir nicht vorstellen, 40 Jahre lang an den Theatern fest im Ensemble zu spielen. Ich bin nicht der richtige Typ dafür. Sondern ich brauch irgendwie alles."

Mehr zum Thema:

US-Fernsehen - "Comedy hat es zurzeit sehr schwer"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 24.09.2014)

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