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Fazit | Beitrag vom 21.07.2019

"Comeback" in der Kunsthalle TübingenDas Neue im Alten

Von Johannes Halder

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Eine Marmorstatue mit Sonnenbrille und Handy, Bild von Léo Caillard: Hipster in Stone XII, 2017 (Léo Caillard)
Der "Apoll von Belvedere" in der Bearbeitung von Léo Caillard (Léo Caillard: Hipster in Stone XII, 2017) (Léo Caillard)

Aneignen, Zitieren, Kopieren, Verfremden – der kreative Rückgriff auf kunsthistorische Vorbilder hat Konjunktur. Die Tübinger Kunsthalle greift die Retrowelle auf und versammelt rund hundert Werke zu einem aufschlussreichen "Comeback".

Gut 2000 Jahre ist er alt, der berühmte "Apoll von Belvedere". Die Marmorskulptur ist eine Ikone der antiken Hochkultur. Ein cooler Typ eigentlich, und also hat der französische Künstler Léo Caillard den nackten Schönling entsprechend ausstaffiert: hippes T-Shirt, Sonnenbrille und ein Smartphone in der Hand.

Ihm sei aufgefallen, sagt der Künstler, dass die Besucher im Museum genauso aussehen wie die Skulpturen, die sie anschauen – nur mit Kleidung. Also kleide er jetzt die Skulpturen ein, um etwas über unsere Epoche zu erzählen.

Mit dem Blick zurück nach vorn

Die Strategie ist typisch für die hier gezeigten Künstler, sagt Kunsthallen-Leiterin Nicole Fritz: "Sie gehen mit Blick zurück nach vorne. Das ist das Spannende. Sie integrieren die Vergangenheit als Träger des kulturellen Gedächtnisses, um nach vorne zu gehen. Und für mich erscheint es so, dass viele der Künstler, die wir hier zeigen, auch etwas retten wollen, etwas retten wollen für die Zukunft an Kraft und Emotionen, an Motiven und auch an Sinngehalten."

Das hat viele Facetten. So hat die Österreicherin Irene Andessner, nach dem Vorbild eines holländischen Meisters von 1852, ein gemaltes Gruppenbild von Kunstmäzenen in einem aufwendig produzierten Video stilvoll nachgestellt: als "tableau vivant", als lebensecht bewegtes Bild, das heißt, mit echten Tübinger Bürgern, allesamt Förderer der Kunsthalle.

"Das Stellen eines 'tableau vivant' ist heute spannend, weil die Darstellerinnen und Darsteller sich durch ein Erlebnis, das sie selbst dann haben, mit der Geschichte der Kunst auch auseinandersetzen können und auch nachempfinden können – durch den Raum, den wir hier auch gestalten, die Kunstgeschichte besser zu verstehen", sagt Andessner.

Dürer oder van Gogh - in China nachgemalt

Kunstgeschichte besser verstehen – auch Christian Jankowski trägt dazu bei. Im Internet fahndet er nach Fotos solcher nachgestellten Gemälde, etwa von Dürer, van Gogh oder Matisse, schickt diese dann nach China und lässt sie im Format der Originale nachmalen. Die amüsanten Ergebnisse füllen hier einen ganzen Saal und mit dem neuen Personal eröffnen sich auch neue Perspektiven.

Leute im Anzug vor einer Staffelei, gemalt im Stil Alter Meister, Christian Jankowski: Neue Malerei – Fantin-Latour, Detail, 2019 (Jörg Reichardt)Im Stil Alter Meister in China gemalt: Christian Jankowski: Neue Malerei – Fantin-Latour, Detail, 2019 (Jörg Reichardt)

Rollenspiele auch bei dem Japaner Yasumasa Morimura, der sein eigenes Gesicht in ein Selbstporträt von Rembrandt schmuggelt; der Spanier José Manuel Ballester knöpft sich Botticellis "Frühling" vor, auf dem er die Figuren digital getilgt hat und nur noch die nackte Naturkulisse stehen lässt.

Freilich, solche Bildwitze und ironische Spielchen erschöpfen sich rasch, auch im Fall von Hans-Peter Feldmann, der bürgerlichen Porträtgemälden rote Pappnasen verpasst und den Dargestellten so den Status stiehlt. Oder wenn sich in Videos Insekten lautstark schmatzend und knabbernd über die dargestellten Früchte auf barocken Vanitas-Stillleben hermachen.

Zwei Porträts im Biedermann-Stil, aber mit roten Clownsnasen, Hans-Peter Feldmann: Portrait eines Paares mit roten Nasen (Wynrich Zlomke/ VG Bild-Kunst Bonn)Bürgerliche Porträts mit Clownsnasen (Hans-Peter Feldmann: Portrait eines Paares mit roten Nasen) (Wynrich Zlomke/ VG Bild-Kunst Bonn)

Ästhetisch weitaus ergiebiger ist die freundliche Übernahme der Vorbilder etwa bei der in London lebenden Liane Lang, die sich an dem Maler Adolph von Menzel inspiriert hat. Menzel hatte in seinem Berliner Atelier bekanntlich Gipsabgüsse von Gesichtern und anderen Körperteilen aufgehängt und diese Wand auch in zwei Gemälden dargestellt, sagt die Künstlerin:

"Der hatte ja diese Körperteile auch nicht als Kunst in dem Sinne, sondern sozusagen als Vorlage. Also ob er mal einen Kopf, der hatte ja auch einen Hundekopf und einen Babykopf und so in dem Bild, das bei mir eben genauso aussah. Und dann hab ich mich entschlossen, eine Arbeit daraus zu machen."

150 solcher Gipsgesichter und andere Körperteile hat Liane Lang nun an einer schwarzen Wand arrangiert, ein packendes Panorama von Gesten und mimischen Emotionen.

Jede Menge zu entdecken gibt es auch bei dem rumänischen Künstler Ciprian Mureşan, der Motive Alter Meister aus Büchern und Katalogen in feinen Bleistiftzeichnungen kopiert und zu großformatigen Wimmelbildern übereinanderschichtet, an denen man sich kaum sattsehen kann.

Reizvolle Reanimation

Die Tübinger Schau ist abwechslungsreich und unterhaltsam, steckt voll reizvoller Reanimationen, deckt visuelle Brüche auf und animiert zu gesellschaftlichen und kulturellen Reflexionen. Und um die Werke zu genießen, muss man die jeweiligen Vorbilder nicht unbedingt kennen, sagt Nicole Fritz. Sie werden hier auch nicht gezeigt:

"Wollen wir auch nicht, wollen auch die Künstler selber nicht. Für sie ist es oft ein Impuls aus der Vergangenheit, den sie aufnehmen, um das Eigene zu kreieren. Und es ist nicht didaktisch gemeint."

Comeback
Kunsthistorische Renaissancen
20.7. bis 10.11.2019
Kunsthalle Tübingen

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