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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.08.2017

Colson Whitehead: "Underground Railroad”Literarisch genaue Schilderung der Sklaverei

Von Gabriele von Arnim

Cover "Underground Railroad” von Colson Whitehead (Hanser Verlag / picture alliance / dpa)
Es beginnt ein Abenteuer, ein Wegrennen, ein Kampf um Leben und Tod. (Hanser Verlag / picture alliance / dpa)

Das Buch "Underground Railroad" ist nach dem Netzwerk benannt, das geflüchteten Sklaven half, aus dem Süden in den freien Norden zu gelangen. Mit Colson Whiteheads historischem Roman lässt sich der heutige Rassismus in den USA wirklich verstehen.

Wenn man das Verhältnis von Weißen und Schwarzen in den USA begreifen möchte, sollte man neben den Büchern von Ta-Nehisi Coates, dem brillanten Analytiker des amerikanischen Rassismus, unverzüglich den neuen Roman von Colson Whitehead lesen, für den er im letzten Jahr den National Book Award und in diesem den Pulitzer Preis gewann.

Mit fast unerträglicher Genauigkeit erzählt Whitehead hier die Geschichte der Sklaverei. Wie die weißen Herren mit nonchalanter Selbstverständlichkeit ihre Sklavinnen vergewaltigen, den Männern die Zungen abschneiden oder das Geschlechtsteil, ihnen die Augen ausstechen, sollte man entdeckt haben, dass sie zu lesen versuchten. Man begreift, wie das weiße Besitzdenken Schwarzen gegenüber als ein unumstößliches Recht angesehen wird – von keinem Anflug von Mitmenschlichkeit getrübt.

Coras Mutter ist geflohen. Man hat nie wieder etwas von ihr gehört. Selbst der berüchtigte Sklavenfänger Ridgehead hat sie nicht aufspüren können. Cora hofft, dass sie es in die Freiheit geschafft hat - und hasst sie dafür. Denn die Mutter hat sie zurückgelassen. Bei den weißen Herren, die Cora nicht länger ertragen kann und will. Als der junge Sklave Caesar ihr sagt, er werde fliehen, wenn sie mitkomme, beschließt sie, die Flucht mit ihm zu wagen.

Schwarzen Frauen drohte die Sterilisation

Es beginnt ein Abenteuer, ein Wegrennen, ein Kampf um Leben und Tod. Als Caesar und Cora in South Carolina ankommen und meinen, den schlimmsten Rassisten entkommen zu sein, erfährt Cora, dass man hier schwarze Frauen gegen ihren Willen sterilisiert. Sie sollen keine Kinder in die Welt setzen. Man hat zu viele Schwarze aus Afrika geraubt und fürchtet sich jetzt vor den importierten Massen.

Der US-amerikanische Autor Colson Whitehead (dpa / picture alliance)Der US-amerikanische Autor Colson Whitehead (dpa / picture alliance)

In 12 Kapiteln erzählt Whitehead die Geschichte von Coras Flucht, erzählt von weißen Herren und auch von weißen Helfern, die ihr Leben für die Befreiung von Sklaven riskieren, von Nachtreitern, die entlaufene Sklaven einfangen, von Helden und Heuchlern. Aus vielen Richtungen kommend, mündet die Erzählung immer wieder bei Cora und Ridgeway – den beiden großen Widersachern dieses Dramas.

Ein hochaktueller historischer Roman

"Underground Railroad" heißt dieser großartige Roman. So nannte sich das heimliche Netzwerk, das geflüchteten Sklaven half, aus dem Süden in den freien Norden zu gelangen. Bei Whitehead wird aus dem Code eine unterirdische Eisenbahn, eine fantastisch stampfende Fluchtmaschine, die unsichtbar im Dunkel der Erde ihre verzweifelte Fracht befördert. Bahnhöfe kauern versteckt unter einsam gelegenen Häusern. Bis wieder einer der Helfer entdeckt und ermordet, eines der Häuser verbrannt, einer der Bahnhöfe zugeschüttet wird. Die Reise in die Freiheit könnte immer auch eine Reise in eine Sackgasse werden.

Der historische Roman ist hochaktuell. Nur vor dem Hintergrund der Sklaverei lässt sich der heutige Rassismus wirklich verstehen, der sich über Generationen eingeschrieben hat ins Erbgut der weißen wie der schwarzen Amerikaner. Und wohl nur dann überwunden werden kann, wenn man sich traut, dem Damals wie dem Heute ins brutale und ins gebrochene Auge zu schauen. Wie Colson Whitehead es tut. 

Colson Whitehead: "Underground Railroad”
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl,
Hanser Verlag, München 2017,
352 Seiten, 24,00 Euro

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