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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 16.08.2016

CO2-Bilanz eines BabyboomersMuss ich mein Leben ändern?

Von Martin Hartwig

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(picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)
Unser Autor zieht seine persönliche CO2-Bilanz. (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)

Die eigene Ökobilanz einzuschätzen, ist nicht einfach. Martin H. versucht umweltschonend zu leben – doch im Laufe der Jahrzehnte hat auch er die eine oder andere Umweltsünde begangen. Wie fällt seine CO2-Bilanz aus?

Radiowecker - 22 Gramm
Kaffee - 18 Gramm
Dusche - 460 Gramm
Toaster - 44 Gramm

"Das ist eine endlose Rechnerei, wenn sie das wirklich auf die sechste Kommastelle ausrechnen wollen."

Flurlicht - 39 Gramm

Brockhagen: "Bei uns Abladen ihre Klimaschuld? Ja, abladen können sie die gerne bei uns."

Kühlschrank - 355 Gramm pro Tag

Welzer: "Ich glaube, das Problem gibt es, dass Menschen sich schuldig fühlen, weil sie unterhalb ihrer klimaschützenden Möglichkeiten bleiben."

Computer - 12 Gramm

Bilharz: "Allerdings stößt man auch recht schnell auf kritische Fragen: Wie lang darf man leben. Je nachdem wie lange ich lebe, ist ja meine CO2-Bilanz auch unterschiedlich groß. Also man möchte jetzt auch nicht unbedingt als Botschaft hören: Je kürzer Sie leben, desto besser die CO2-Bilanz!"

Ein Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde (Brandenburg) (dpa / picture-alliance / Patrick Pleul)Unser hoher Energieverbrauch treibt die CO2-Emissionen in die Höhe. (dpa / picture-alliance / Patrick Pleul)

"Hallo, hier ist der Opa ..."

Das ist mein Opa, oder Oppa, wie er sich selbst eher nannte! Im Dezember 1975 spricht er auf meinen ersten Kassettenrekorder, ein kompaktes Gerät von "Universum" - Hausmarke von Quelle. Ich hätte zwar lieber den von ITT-Schaub-Lorenz gehabt, wie mein bester Freund, aber gefreut habe ich mich trotzdem.

Wie es sich gehört wünschte mir der alte Mann nicht nur alles Gute zum Geburtstag, sondern gab mir auch einen mahnenden Rat mit auf den Weg.

"Und werde in Deinem Leben ein braver und braver Mensch!"

Na klar, mach ich! Viel mehr ist von der Aufnahme leider nicht übrig. Irgendwann hab ich, weitsichtig wie man als Teenager so ist, die einzigen Tonaufnahmen meiner Großeltern mit "Stairway to heaven!" überspielt. Das Gerät, mit dem die Kassette aufgenommen wurde, gibt es nicht mehr. Meine Familie, die mir den Rekorder schenkte, ging davon aus, dass ich ihn noch lange benutzen würde, so wie sie ihre Handvoll teurer und sorgfältig ausgewählter Geräte lange nutzte. Doch es lief völlig anders und ich war noch keine 20, da hatte ich schon mehr Geräte besessen und wieder abgelegt, als Oma und Opa in ihrem ganzen Leben gesehen hatten. Der kleine Universumrekorder bildete den Auftakt für einen ganzen Schwung von elektronischen Unterhaltungs- und Informationsgeräten. Als nächstes folgte ein Stereorekorder. Dann ein Kompaktplattenspieler, dann eine ganze Anlage, dann eine bessere Anlage, dann ein Walkman, mindestens zwei Radiowecker, ein CD Spieler, DAT-Rekorder MiniDisc, VHS, zwei Fernseher und noch mehr. Wenig davon ist kaputt gegangen. Das meiste fiel einem Modernisierungsschub zum Opfer. Und danach kamen dann noch die Computergeschichten, das Tablet, die Smartphones. Das könnte man als eine Fortschritts- und Aufstiegsgeschichte begreifen, wenn es da nicht den Klimawandel gäbe.

"Den Menschen ist - weder institutionell noch individuell - überhaupt klar, was die Dimension des Problems ist."

Sagt Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign, was so viel meint wie Professor für die Veränderung des Großen und Ganzen.

"Weniger von allem"

"Der ganze gigantische materielle Umschlagsaufwand, der gemacht wird, wenn man darüber mal sprechen würde als Verursacher von Klimawandel und übrigens Verursacher von vielen anderen ökologischen Problemen, dann käme man zu dem deprimierenden Schluss, dass mit ein bisschen Stellschraubendrehen, wie es neudeutsch heißt, es nicht getan ist, sondern dann müssen wir unsere komplette Wirtschaftsweise und die kompletten Lebensstile verändern, weil die Aufgabe bedeutet, 80 Prozent runter. Das heißt: weniger von allem."

In CO2-Tonnen ausgedrückt - und das ist die einzig gültige und von allen akzeptierte Währung in der Klimadiskussion - heißt das für den deutschen Durchschnittsbürger: Runter von gut elf Tonnen CO2 pro Person und Jahr auf zwei Tonnen - nach neueren Berechnungen des Umweltbundesamtes vielleicht sogar runter auf eine Tonne.

"Nee, also diese Moralpredigt, die gebe ich Ihnen nicht."

... sagt Ann Kathrin Schneider, Referentin für Klimafragen beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland. Sie will die Probleme nicht moralisch und vor allem nicht individuell diskutieren, sondern nimmt vor allem andere in die Pflicht.

"Weil ich gerade das Gefühl habe, die Politik stiehlt sich raus, wenn es darum geht Unternehmen in die Pflicht zu nehmen in Deutschland: Diese Selbstverpflichtungen von Unternehmen doch klimaneutral zu produzieren und CO2 zu senken. Wo ich das Gefühl habe, wir müssen den Staat in die Verantwortung nehmen, die Regierung in die Verantwortung nehmen, gerade weil die versuchen die Verantwortung abzugeben auf den Einzelnen und auf die Unternehmen."

Stimmt natürlich. Man kann jahrelang artig Pfandflaschen kaufen und wenig ändert sich, wenn hingegen eine Bundesregierung ein Dosenpfand einführt, sind die praktisch sofort verschwunden - zumindest für eine Weile.

Abgase kommen aus einem Auspuff (Marcus Führer/dpa)Weniger Autos - weniger CO2-Ausstoß (Marcus Führer/dpa)

"Das ist ja vor dem Hintergrund einer unglaublich komplexen historischen Entwicklung, wo man ja viele Jahrzehnte gar nicht wusste, dass das Verhalten, der fossile Pfad und all das, was wir an Lebensstilen und Raum- und Siedlungsstrukturen darauf aufgebaut haben, ein Problem ist, schwierig, mit moralischen Kategorien zu arbeiten."

... sagt der Braunschweiger Mobilitätsforscher Stephan Rammler. Allerdings kann man, wenn man 50 Jahre auf dem fossilen Pfad gegangen ist - und das nicht alleine - das ist man als Babyboomer ja praktisch nie gewesen - durchaus mal nen' Moralischen kriegen und bilanzieren, wie es wurde, wie es ist.

Leben in der Wirtschaftswunderzeit

1965: Das sogenannte Wirtschaftswunder steht in voller Blüte. Erhard bleibt Kanzler. Die Fresswelle ist durch, die Kleidungswelle ist durch, die meisten Haushalte sind zeitgemäß möbliert und ausgestattet. Es gibt mehr und das von praktisch Allem. Der repräsentative Warenkorb der 1952 noch 335 Waren und Dienstleistungen umfasste, musste schon mehrfach angepasst werden und wächst bis 1970 auf 725 Positionen an.

Eine Durchschnittsfamilie kann inzwischen ein Viertel ihrer Ausgaben auf Güter und Dienstleistungen verwenden, die nicht unbedingt zum Lebensnotwendigen gehören, wie Freizeit und Reisen. Noch geht es zumeist ins Inland. Der Schwarzwald und Bayern sind die Topdestinationen. Man reist mit der Bahn oder dem eigenen PKW. Davon gibt es inzwischen gut neun Millionen - Tendenz steigend.
Angetrieben wird das Ganze von Kohle und zunehmend auch von Öl, wobei der Erdölanteil an der Primärenergie seit Kriegsende von fünf Prozent auf nunmehr 40 Prozent gestiegen ist.

Gesamtemission beider Deutschlands 1965: 960 Megatonen, Platz 3 in der Länderwertung

Unsere Familie passt da ganz gut ins Gesamtbild. Selbst unsere Wohnfläche entspricht mit 22m² pro Nase dem 65er Durchschnitt. Mein Vater fuhr einen Käfer. Alles war kleiner als heute, alles weniger, aber im Grunde war es ein gut ausgestattetes Leben. Und zudem eines, zu dem man zurückkehren könnte, sagt zumindest Dennis Meadows, einer der Autoren von "Die Grenzen des Wachstums", einem der Urtexte der Ökobewegung.

"Vor 50 Jahren hatte Deutschland ein viel niedrigeres Niveau an Mobilität und das war in Ordnung so. Ich war vor 50, 60 Jahren in Deutschland, die Lebensqualität war ziemlich gut, die Leute waren zufrieden, die allgemeine Gesundheitssituation war ziemlich gut. Man hatte keine iPods, keine Autos mit 400 PS, keine Klimaanlagen, aber es ist absolut möglich, so zu leben. Der größte Teil der Menschheitsgeschichte basiert auf erneuerbaren Ressourcen, in der Vergangenheit war das so und in der Zukunft wird das auch so sein. Wir leben jetzt eben in dieser sehr kurzen Phase, in der wir alles tun, um alles aus der Erde zu buddeln. Das war prima, so lange es funktioniert hat, aber jetzt ist es fast vorbei."

Glücklich auf 80 m²

Harald Welzer springt dem Veteranen der Ökobewegung bei:

"Ich bin da ganz der Auffassung, dass die 1960er-Jahre, wenn man die westlichen Gesellschaften nimmt, einen Lebensstandard geboten haben, den die Menschen als glücklich machend und auskömmlich empfunden haben - sozusagen eine Urlaubsreise pro Jahr, 80 m² Wohnung für die Familie, dieses Level ungefähr oder 70 m². Und wir wissen ja aus den Glücks-Indizes, dass die Menschen damals nicht unglücklicher gewesen sind."

Eine "gute alte Zeit" gibt es jedoch nicht warnt Michael Bilharz vom Umweltbundesamt:

"Die gute alte Zeit, na gut und schlecht in einem. Die gute alte Zeit hat Kohlekraftwerke, die wollen wir nicht mehr haben, sondern erneuerbare Energien. Und die gute alte Zeit war gut, weil damals nicht jeder und auch nicht jeder zweite, ein Auto hatte. Und die gute alte Zeit, hatte einen Wohnflächenbedarf von rund 20 m² pro Kopf. Das war gut. Aber sie hatte einen Wärmestandard, der war alles andere als gut, der war ziemlich schlecht. Den Wärmestandard wollen wir nicht aus der alten Zeit, den Flächenbedarf an Wohnfläche, den hätten wir gern wieder."

Blick in ein Frankfurter Kaufhaus am 3.12.1963, Schwarz-Weiß-Aufnahme, Menschen stehen an Kassen und Verkaufsständen (dpa/picture alliance/Roland Witschel)Die Zeit des Wirtschaftswunders: Konsum ohne Kompromisse (dpa/picture alliance/Roland Witschel)

Wobei "wir" in dem Fall wohl Michael Bilharz und das Umweltbundesamt heißt, die anderen sind mit den größeren Wohnungen durchaus einverstanden. So wie wir es auch als Gewinn erlebten Anfang der 70er ins eigene Haus zu ziehen.

In den 70ern wird nach 20 Jahren intensivster Bautätigkeit zumindest im Westen die elementare Wohnungsnot beseitigt. Ende des Jahrzehnts übersteigt die Zahl der Wohnungen erstmals die der privaten Haushalte. Es ist sogar schon von einer "Wohnungshalde" die Rede. Jetzt geht es vor allem um die Verbesserung der Wohnqualität, um bessere Ausstattung und um Vergrößerung. Ganz oben auf dem Wunschzettel steht nach wie vor das Häuschen im Grünen, das Eigenheim - ablesbar unter anderem an den Spareinlagen der Bausparkassen, die sich in dieser Zeit verachtzigfachen. Vor allem die Familien der geburtenstarken Jahrgänge, die jetzt ins Schulalter kommen, bauen in den Randlangen der Klein- und Mittelstädte. So wie die Familie Semmeling, aus dem ARD Straßenfeger "Einmal im Leben von 1972.

Das Eigenheim - ökologisch betrachtet ein Rückschritt

So ähnlich erging es auch uns. Und wie bei den Semmelings ging es am Ende gut aus - zumindest für uns. Michael Bilharz vom UBA:

"Einfamilienhaus ist wenn man möglichst viele Ressourcen verbrauchen will, eine gute Strategie. Es braucht sehr viel Fläche, es hat auch einen höheren Heizenergiebedarf, weil ich eben nicht zwei Wände, sondern vier Wände abdecken muss. Es hat einen höheren Zufahrtsbedarf. Die Wege dorthin sind größer, als wenn ich mehrere Menschen in einem Mehrfamilienhaus habe. Insofern: ökologisch betrachtet, ein Rückschritt."

Zumal mit dem Umzug gleich Folgekosten entstanden. Meine Mutter brauchte jetzt auch ein Auto.

"Wenn Sie aufs Land ziehen, springt sofort das Auto vor die Türe. Die Strecken, die sie dann zurücklegen werden Ruck zuck viel größer als sie sich das jetzt denken. Insofern: Meine Empfehlung: nicht aufs Land zu ziehen, sondern bleiben Sie in der Stadt."

Modernisierte DDR-Einfamilien-Typenhäuser EW 58 sind am 27.03.2014 in Leezen (Mecklenburg-Vorpommern) in einer Eigenheimsiedlung zu sehen. Stadtplaner und Künstler Ton Matton aus Rotterdam (Niederlande) baut das Typen-Einfamilienhaus der DDR in Almere (Niederlande) im Rahmen eines Wettbewerbes mit Originalteilen wieder auf. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)Das Eigenheim im Grünen führt zu mehr Energieverbrauch und mehr Verkehr. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Wegen des Hausbaus beschränkten sich unsere Urlaube bis in die späten 70er-Jahre auf den Bauplatz und auf naheliegende Ziele. Für die anderen öffnete sich die Welt.

1971 füllt die bundesdeutsche Condor erstmals eine Boing 747 - einen Jumbo Jet - mit 399 Touristen und fliegt sie nach Mallorca. Fliegen wird erschwinglich. Durch neue Turbinentechnik hat man die Flugkosten um ein Drittel gesenkt, große Flugzeuge und effiziente Organisation des Massentourismus tun das ihre dazu. 1974 werden bereits zwölf Prozent aller Urlaubsreisen mit dem Flugzeug gemacht.
Trotz der kleinen Konjunkturdelle 1966/67 wächst das Angebot an Waren und Dienstleistungen weiter an. In die 70er-Jahre fällt auch das deutsche "Allzeithoch" beim Primärenergieverbrauch ebenso wie das Allzeithoch bei der CO2-Emission. 1979 bliesen gut 79 Millionen Deutsche in Ost und West 1120 Megatonnen CO2 in die Atmosphäre. Platz 4 in der Länderwertung

Bilharz: "Wenn die Frage ist, wann kippt unser Konsum, wann war er nicht mehr nachhaltig, nicht mehr klimaverträglich. Da kann ich sie insofern beruhigen, dass das weit von ihrer Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen enormen Zuwachs an Konsum. Und damit auch beim Energieverbrauch und damit auch bei CO2-Emissionen. Der sich dann kontinuierlich fortgesetzt hat, bis, naja sagen wir, die Zeit der zweiten Ölkrise. Dann gab es einen Wendepunkt, d.h. Energieeffizienz wurde zunehmend ein Thema. Der Energieverbrauch hat sich dezent vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt. Im Zuge der Klima Diskussion erleben wir wieder einen zwar langsamen aber kontinuierlichen Abfall der CO2-Emissionen in Deutschland."

U-Bahn, sechs Kilometer - 420 Gramm
Fahrstuhl - 57 Gramm
ein Kaffee - 60 Gramm

Der faustische Pakt mit den fossilen Energien

Rammler: "Es war der faustische Pakt der Industriegesellschaft mit den fossilen Energien, der am Ursprung dessen steht. Ohne damals zu wissen, dass die Verbrennung fossiler Energien irgendwann zu einem Treibhauseffekt führt, hat eine ganze Kultur sich aufgemacht, auf der Basis der Verfügbarkeit dieser extrem dicht gepackten Primärenergie in diesen fossilen Energieträgern eine ganze Welt umzugestalten. Das war die Verwandlung der Welt mit Hilfe fossiler Energien. Das ist im Grund der Ursprung des Ganzen."

Stephan Rammler ist Gründungsdirektor des Instituts für Transportation Design an der Hochschule der bildenden Künste in Braunschweig. Seine Hauptaufgabe besteht darin, über die fossilfreie Mobilität der Zukunft nachzudenken. Eigentlich so was wie Science Fiction:

"In meinen Szenarien, die ich entwickle, ja, weil das Szenarien sind, in denen wir alternative Technologien entwickelt haben werden, beispielsweise eine neue Form von Schifffahrt, Personenschifffahrt, die mit regenerativen Energien operiert, auch mit Windkraft, mit einer modernen Form von Windkrafttechnologie operiert auf der einen Seite, auf der anderen Seite eine ganz innovative moderne Form von regenerativ betriebenen Luftschiffsystemen haben werden in meinen Szenarien."

Rammler ist Jahrgang 1968, gehört also gerade noch so zu den Babyboomern. Ein ruhiger asketischer Typ - schmal, groß, konsequente Glatze. Karger als seine Dienstwohnung in Berlin können Wohnräume kaum möbliert sein.

Wir könnten uns früher schon mal begegnet sein. Rammler kommt aus Braunschweig. Die dortige Großdisko "Jolly Joker", markierte für mich und meine Freunde den östlichen Außenposten unserer Wirkungskreises - zumindest seit wir in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre Autos zur Verfügung hatten. Ein Quantensprung für uns Dörfler.

"Das hat sicherlich was mit dem Charakter von Freiheit und Demokratie unserer modernen westlichen Gesellschaften zu tun, dass die Erfüllung und Umsetzung dieser fundamentalen Freiheitsrechte, Beteiligungsrechte und Zugangsrechte mit räumlicher Mobilität zu tun haben und dass sicherlich aus der Perspektive Mobilität ein ganz enormer Zugewinn war und weiterhin ist."

Auch die 80er-Jahre sind trotz des Aufkommens der Umweltbewegung vor allem dadurch geprägt, dass es immer mehr von allem gibt - wenn auch nicht für alle. Peter Glotz bringt es Mitte des Jahrzehnts auf den Begriff Zweidrittel-Gesellschaft.

Die durchschnittliche Wohnfläche steigt 1985 auf 32 m². Ein durchschnittlicher Supermarkt bietet jetzt über 4000 Artikel an, die großen Kaufhäuser bis zu 24.000. Die Tiefkühlpizza wird zum Lieblingsgericht der Deutschen. Anfang der 70er-Jahre auf den Markt gebracht, werden schon zehn Jahre später jährlich 23.000 Tonnen davon verspeist. Insgesamt steigt der Absatz der sehr energieaufwendigen Tiefkühlkost von jährlich 10 Kilo in den 70er-Jahren auf fast 20 Kilo pro Kopf an. Noch stärker gestiegen ist der Fleischkonsum. Und: 1985 fahren knapp 26 Millionen PKW auf bundesdeutschen Straßen.

Und in einem davon, einem blauen Käfer, der noch ein halbes Jahr TÜV hat und den ich für einen Kasten Bier bekommen habe, fahre ich herum. Damit hat unser Haushalt, ich wohne bis ich 20 bin noch bei den Eltern, drei Autos. Der alte VW braucht gut zehn Liter und frisst praktisch mein ganzes Geld. Als ich dann Mitte der 80er ausziehe und entscheiden muss, was ich mitnehmen möchte, bemerke ich, was da inzwischen im Keller zusammen gekommen ist. Ich habe mich in verschiedenen Hobbys und Sportarten ausprobiert. Im Keller stehen Rollerskates, Langlaufski, Alpinski, ein Trimm dich Fahrrad, eine Angelausrüstung, eine Evil Kneivel Figur, ein Skateboard, ein ganzer Schwung meist unvollständiger Brett und Gesellschaftsspiele, eine Carrerabahn, eine Modelleisenbahn, Schwimmflossen, Fußballschuhe ... und und und.

Das Ende naht

Ganz ungetrübt ist die Freude an den Dingen allerdings nicht mehr. Noch spricht niemand vom Klimawandel. Doch in Gemeinschaftskunde geht es nur noch um Müllprobleme, Atomkraft, das Ozonloch und den sauren Regen. Wir lesen Texte von Hoimar von Ditfurth, der in seinem soeben erschienen Bestseller "So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen" vom baldigen und unvermeidbaren Ende orakelt.

Von Dithfurth: "Auch Arten sind selbstverständlich nur beschränkt lebensfähig. Dass 99,9 Prozent aller Tier und Pflanzenarten, die es auf der Erde je gegeben hat, zu den ausgestorbenen Arten gehören, belegt das. Und selbstverständlich gilt das grundsätzlich auch für unsere Art, weil wir auch noch immer Mitglieder einer biologischen Spezies sind, für die alle die Gesetze gelten, die für die gesamte belebte Natur gelten. Also das steht fest, die Frage ist also nur: ob es so weit ist?"

Gesamtemission Bundesrepublik 1985 - 1047 Megatonnen - Platz 4 der Länderwertung

Rolltreppe - 75 Gramm
Rindergulasch - 1290 Gramm - nicht Gulasch, CO2!

Bilharz: "Der Fleischkonsum ist zweifelsohne ein Bigpoint also eine Maßnahme, mit der ich viel CO2 vermeiden oder - entgegengesetzt, auch verursachen kann. Für die Frage der Kommunikation ist Fleischkonsum ein heißes Eisen. Insofern ist es nicht das Thema dass wir ganz vorne hinstellen, im Sinne von Ratgeber für individuelles Verhalten."

Michael Bilharz ist Referent für Nachhaltige Konsumstrukturen beim Umweltbundesamt. Zuvor hat er sich als Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt, warum auch das beste Wissen um die Zusammenhänge von Konsum und Klima nicht zu Verhaltensänderungen führt und wie man reden muss um hier etwas zu bewirken.

"Nun, ich hab persönlich da viel dazugelernt. Und das war auch die Motivation, nachhaltigen Konsum weiterzuentwickeln, den Weg von den Bigpoints zu den Keypoints zu gehen. Die Bigpoint das sind die Maßnahmen, die einen hohen CO2-Ausstoß verursachen. Aber bei den Bigpoints gibt es heiße Eisen, und dazu gehört: Verzicht auf Fernreisen, damit ist man definitiv eine Spaßbremse, bei Bekannten im Freundeskreis."

Ein Flugzeug steht an einem Flughafen. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)Durch Fluggesellschaften wie Ryanair wird das Fliegen für die Masse erschwinglich - zulasten des Klimas. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)

Bei Michael Bilharz führte das dazu, dass Freunde ihm schon gar nicht mehr von ihren Urlauben erzählten. Um sozusagen im Gespräch zu bleiben, hat er für sich und seine Behörde die Strategie entwickelt, manche heißen Eisen gezielt auszusparen. Obwohl gut dokumentiert ist, dass der Fleischverzehr zu den genannten "Big Points" gehört, umgeht er die Debatte darüber und spricht lieber über Konsumbereiche, bei denen er sich mehr Effekt verspricht, wo seine Argumente eine höheren Wirkungsgrad haben. Wenn's ums Fliegen geht, hört bei ihm der Spaß allerdings auf.

"Fernreisen sind die beste Art mit wenig Geld möglichst viel CO2-Emissionen zu verursachen. Ein Flug von Berlin nach New York verursacht ungefähr fünf Tonnen CO2-Emissionen. Das ist bereits die Hälfte ihres Jahresbudgets insofern: ja, wenn man Klimaschutz ernst nehmen möchte, haben Fernreisen keinen Platz in der CO2 Bilanz."

Rumänien 1973 - 764 Kilo
Ägypten 1988 - 1340 Kilo
New York 1990 und 1992 - 6319 Kilo
Zweimal Mallorca - 1444 Kilo

1995 beträgt die durchschnittliche deutsche Wohnfläche gut 35 m². Die Zahl der angebotenen Artikel in deutschen Supermärkten ist auf 6500 gestiegen. 40 Millionen Autos sind im frisch vereinten Deutschland unterwegs, das heißt, auf zwei Bundesbürger kommt jetzt ein Auto. Die Zahl der Flüge hat sich innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt. Und das war erst der Anfang. Seit Mitte der 90er-Jahren verdrängen, angeführt von Ryanair, Billigfluggesellschaften die alten Platzhirsche und leiten das Zeitalter des Wochenendtrips nach Barcelona, Florenz oder Lissabon ein.

Gesamtemission Bundesrepublik 1995 - 863 Megatonnen - Platz 6 in der Länderwertung

Auch ich komme in den 90er-Jahren in der Welt herum. Ich fliege in den ganz hohen Norden, weit in den Süden und in den Westen.

"Ihr schlechtes Gewissen ist dem Klima herzlich egal."

Sagt Dietrich Brockhagen. Er ist obwohl erst 48 Jahre alt schon ein Veteran des Klimaschutzes. Als junger Referent verhandelte er Ende der 90er-Jahre im Auftrag der Bundesregierung und des damaligen Umweltministers Trittin über die Umsetzung des Kyoto Protokolls.

"Dem Klima ist es egal, woher die 28 Tonnen kommen. Dem Klima ist nur klar, 28 Tonnen das ist zu viel."

Klimasünde Fliegen

Seit 2003 hat Brockhagen sich aus der Politik verabschiedet und die Agentur Atmosfair mitgegründet. Atmosfair ist eine gemeinnützige Klimaschutzorganisation, radikal pragmatisch und bietet geplagten Klimasündern Erleichterung an. Deren Skrupel, Schuldgefühle und Bedenken interessieren den Geschäftsführer allerdings nur noch bedingt:

"Es kommt tatsächlich vor, dass Freunde kommen und sagen: Dietrich ich musste Dir was ganz Schlimmes sagen: Ich bin letzte Woche geflogen! Dann sag ich denen: Hör mir doch auf. Es gibt genau zwei Möglichkeiten! Du sparst dir in Zukunft den Flug oder du kompensierst. Komme nicht zu mir und jammere, denn was heißt denn das Jammern? Es heißt nämlich geflogen und sie hat es trotzdem nicht kompensiert. Und das ist ja schon die schlechteste Lösung. Und das ist ja einfach zu wenig."

Im Grunde kostet Kompensieren gar nicht viel. Für meinen letzten Flug vor vier Wochen nach Sardinien müsste ich 17 Euro zahlen und schon für 700 Euro könnte ich die 28 Tonne CO2, die ich durch meine bisherigen Flugreisen in die Welt gesetzt habe, kompensieren."

Brockhagen: "Wir nehmen ihre 700 Euro und bezahlen davon zum Beispiel effiziente Öfen in Ruanda. Das sieht dann so aus: Ein Ofen kostet ungefähr 100 Euro. Und der ist vom Boden ungefähr so hoch, also so 70 bis 80 cm. Und den liefern wir als Bausatz aus nach Ruanda. Und so ein Ofen spart 80 Prozent von dem Feuerholz ein. Das spart ganz viel CO2 und hilft den Menschen aber auch sofort 80 Prozent von ihren Ausgaben zu sparen. Insofern kommt ihr Geld eins zu eins in einer Klimaschutztechnologie an, spart sofort CO2 ein und hilft Menschen."

Dass Atmosfair mit dem eingesammelten Geld wirklich tut, was es verspricht, kann man glauben. Die Agentur wird streng kontrolliert und dokumentiert alles, was sie tut bis zur Erschöpfung. Auch ihre Maßnahmen sind, anders als manche Aufforstungsprojekte der teilweise billigeren Konkurrenz unmittelbar CO2sparend und unmittelbar klimawirksam.

Bleibt das Unbehagen darüber, dass man als vergleichsweise reicher Mensch von dem Reichtumsgefälle profitiert, denn das Ganze geht ja nur, weil es Leute gibt, die auf deutlich niedrigerem Niveau leben und bei denen man mit geringem Mitteleinsatz große Mengen CO2 einsparen kann. Brockhagen begegnet auch solchen Überlegungen pragmatisch:

"Im Augenblick, da Sie irgendwo 28 Tonnen eingespart haben, stehen Sie zumindest bilanziell wieder auf null. Insofern funktioniert die Kompensation absolut gut und es ist kein Ablasshandel. Das einzige Problem ist auf einer höheren Ebene: Dieser Ansatz ist vom Zenit eben nur ganz begrenzt. Deswegen sagen wir: Es ist die zweitbeste Lösung. Die beste Lösung muss sein: weniger zu fliegen. Oder eben Flugtechnik zu entwickeln, die es erlaubt sauberer zu fliegen. Das wäre die beste Lösung. Bloß die gibt es nicht, deswegen müssen wir die zweitbeste nehmen."

Und die wählen - anders als bei Umfragen noch ganz fromm angegeben - dann gar nicht so viele Menschen. Nicht mal ein Prozent aller Flugreisen wurden letztes Jahr kompensiert. Allerdings ist die Agentur noch nicht so richtig bekannt.

"Bekannt sind wir eher in der grünen Ecke. Wir sind noch nicht Mainstream!"

Wobei selbst die grüne Ecke, in der man überdurchschnittlich viel fliegt und entgegen der Selbstwahrnehmung mit hohen Einkommen auch sehr viel CO2 emittiert, weit unter ihren Möglichkeiten bleibt.

90 Minuten Fernsehen - 180 Gramm
Ein Bier - 230 Gramm
Doch noch ein Stück Gouda - 300 Gramm

Eigentlich dachte ich, dass ich trotz allem eher zu den Guten gehöre. Immerhin kein Auto, eine vergleichsweise kleine Wohnung und beim Einkauf auch gern mal regional. Aber die Rechnung, die Michael Bilharz vom UBA mir präsentiert, nachdem er mich durch den CO2-Rechner des Umweltbundesamtes gelotst hat, weist mich als jemand aus, der gerade mal ein bisschen unter dem Durchschnitt liegt.

Die persönliche Bilanz: 450 Tonnen CO2

Meine, wie ich finde, eigentlich nicht sehr ausufernden, aber doch zur jährlichen Angewohnheit gewordenen Urlaubsflüge und mein Fleischkonsum verhageln die Bilanz. 9,5 Tonnen pro Jahr. Zurückgerechnet auf die letzten 50 Jahre ergibt das eine persönliche CO2-Emission von knapp 450 Tonnen. Das ist dann doch eine ganze Menge, erst recht wenn man bedenkt, dass allein mein Jahrgang über eine Miollionen Menschen stark ist und die alle ähnlich viel konsumiert haben, oft wider besseres Wissen, so wie auch Harald Welzer:

"Ich kann mich erinnern, dass ich meine erste größere schriftliche Ausarbeitung im Rahmen des Konfirmandenunterrichtes gemacht habe. Da ist man so 13. Das Thema war damals Umweltverschmutzung, Umweltzerstörung. Ich habe mich mein ganzes Leben lang sicherlich immer wieder mit diesem Thema beschäftigt. Das heißt, hinsichtlich der Bewusstseinsbildung bin ich eine Lichtgestalt. Wenn ich für dieselbe Zeitspanne der dazwischen vergangenen vier Jahrzehnte die Steigerung meines Umweltverbrauchs angucken würde, dann stelle ich fest, dass der sich vervielfacht hat - und das ganz unbeschadet von meinem konstant hohen Bewusstsein, dass die Welt zerstört wird. Das ist, glaube ich, der springende Punkt an der Sache."

Dass es einem bekannten ökologischen Vordenker genauso ergangen ist wie mir, ist zwar ein wenig tröstlich, aber noch lange kein Plan. Über 10.000 Euro würde es kosten, die 450 Tonnen bei Atmosfair zu kompensieren.

Brockhagen: "Wie müssen alle drastisch runter. Und das jetzt!"

Das ist mir zu viel. Ich könnte mir für die Zukunft eine strenge CO2-Diät zu verpassen.

Bilharz: "Das sind zehn Tonnen zu viel, da haben wir noch einiges zu tun!"

Allerdings würde ich selbst bei einer radikalen Nulldiät immer noch über dem als nachhaltig geltenden Niveau liegen, denn allein die Infrastruktur, die ich täglich nutze schlägt mit zwei Tonnen CO2 zu Buche.

Rammler: "Also ich habe sehr wenig Hoffnung angesichts der aktuellen Entwicklungstrends."

"... und werde in Deinem Leben ein artiger und braver Mensch!"

Nun, man müht sich, aber eigentlich müsste man schon anders sein.

 

"Besser nicht fliegen" - Gespräch mit Martin Hartwig über seine Recherche und darüber, was jeder einzelne tun kann:

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